Morde im Sozialismus Profiling: So schnappten DDR-Ermittler den Serienmöder Hagedorn

Schwarz-weiß-Foto einer Tratrekonstruktion.
Im Fall der Kindermorde zwischen 1969 und 1971 wird frühzeitig die Morduntersuchungskommission des MfS hinzugezogen. Denn ein offenkundig pädophiler Serienmörder stellt ein Politikum dar. Doch die Ermittlungen treten auf der Stelle. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Schwarz-weiß-Foto einer Tratrekonstruktion.
Im Fall der Kindermorde zwischen 1969 und 1971 wird frühzeitig die Morduntersuchungskommission des MfS hinzugezogen. Denn ein offenkundig pädophiler Serienmörder stellt ein Politikum dar. Doch die Ermittlungen treten auf der Stelle. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Leiche
Erstmals in der DDR werden deshalb nicht nur Gerichtsmediziner in die Ermittlungen einbezogen, sondern ein ganzes Team forensisch arbeitender Wissenschaftler. Lutz Belitz, damals junger Psychologe an der Humboldt-Universität Berlin, ist einer von ihnen. 1971 reist er als Interviewer nach Eberswalde. Der "Knabenmord"-Fall trägt entscheidend dazu bei, dass er sich später auf die kriminalistische Psychologie als Spezialgebiet konzentriert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Fahrrad
Die Spurenlage im Fall ist dünn. Es finden sich keinerlei Fingerabdrücke, keine verwertbaren Schuhabdrücke, keine Mordwerkzeuge. Niemand hat den Täter kommen oder gehen sehen. Die Mordermittler suchen nach einer Erklärung dafür und tappen zwei Jahre lang im Dunkeln. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Die Forensiker – Dr. Hans Szewczyk (stehend) – Leiter der Forensischen Psychiatrie an der Charité und Dr. Manfred Ochernal (rechts daneben) – Chef des Haftkrankenhauses Waldheim
Angesichts der geringen Erfolgsaussichten mit herkömmlichen kriminalistischen Mitteln den Täter zu fassen, bittet der Chef der MfS-Spezialeinheit den Spezialisten Dr. Hans Szewczyk um Mitarbeit. Szewczyk ist zu diesem Zeitpunkt in der DDR eine Koryphäe auf dem Gebiet der forensischen Psychiatrie. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Ein Gutachten
Im Oktober 1970 erstellt Hans Szewczyk sein erstes Gutachten – ein Jahr nach dem ersten Doppelmord. Wie schon die Gerichtsmedizinerin Christiane Kerde kommt er zu dem Schluss, dass dieser Täter mit aller Wahrscheinlichkeit Lust am Töten empfindet. Das hochbrisante für die Mordermittler: Hans Szewczyk weist daraufhin, dass eine Wiederholungstat in naher Zukunft nicht auszuschließen ist. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Ein Motorrad fährt an Garagen vorbei.
Tatsächlich verübt der Täter nur ein Jahr später seinen dritten Mord. Wieder ist es ein Kind aus dem Westend-Viertel von Eberswalde. Wieder gelingt es dem Täter, den Jungen in den nahe gelegenen Wald zu locken und dort umzubringen. Zwar haben Spielkameraden des letzten Opfers in der Dämmerung seine Gestalt wahrgenommen. Doch an Details zur Person können sie sich nicht erinnern. Bildrechte: Miles Plahuta/MDR
Ein mit Schreibmaschine geschriebener Text.
Unter Hochdruck sollen Hans Szewczyk und ein ganzes Team von DDR-Forensikern Ermittlungsansätze erarbeiten, wie man diesem Triebtäter nun schnell habhaft werden kann. Wie aus dem zweiten Gutachten hervorgeht, stehen den Wissenschaftlern dafür weitreichende Mittel zur Verfügung. Mit Hilfe von Großrechnern versucht man aus 6.000 Fällen Merkmalskategorien zu isolieren, die die Suche nach möglichen vorbestraften Tätern eingrenzen. Es ist die erste Form einer systematischen Erarbeitung von Tat- und Täter-Strukturmerkmalen (Stichwort Profiling) in der DDR. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Andreas Kittel
Doch am Ende ist es die interdisziplinäre Teamarbeit, die den Erfolg bringt. Der Chef der Eberswalder Psychiatrischen Klinik, Fritz Barylla, weist darauf hin, dass dieser Täter einem modus operandi folgt, welcher auf gar keinen Fall zu 100 Prozent erfolgreich sein kann. Er muss deutlich mehr als die toten Kinder angesprochen und bedrängt haben - so seine Diagnose. Daraus ergibt sich der ermittlungstaktische Absatz, Jungen in Eberswalde zwischen 7 und 14 Jahren massenhaft danach zu befragen. Tatsächlich stoßen die Ermittler so auf den entscheidenden Zeugen: Andreas Kittel (Bild). Bildrechte: Jan Mammay/MDR
Ein schwarz-weißes Porträtfoto von Erwin Hagedorn.
Er gibt an, im Winter 1968/69 von einem jungen Mann, einem ehemaligen Schüler seiner Eltern, bei einer Skiwanderung überwältigt und sexuell missbraucht worden zu sein. Aus Scham und Todesangst hat Kittel geschwiegen. Denn der Täter ist kein Phantom, sondern einer, dem er immer wieder in der Stadt begegnet. Er weiß sogar, wo er wohnt. Einen Tag später verhaftet die Polizei den 19-jährigen Koch Erwin Hagedorn (Bild). Sein Faible für Messer, seine Leidenschaft beim Schlachten von Aalen, ist den Kollegen durchaus aufgefallen. Obwohl Erwin Hagedorn sich Mühe gab, seine Leidenschaft fürs Töten und Quälen zu verbergen. Heute wissen Kriminalisten, dass solche frühen Verhaltensauffälligkeiten typisch sind für Täter, die ihre Lust am Quälen und Töten im Laufe der Zeit immer stärker intensivieren. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
Abbildung einer Messersammlung
Was damals auch nachträglich erst in vollem Umfang sichtbar wird: Erwin Hagedorn hat seit seiner Jugend bereits Kinder gequält. Im Hinterhof seines Elternhauses hat er sich dafür eine sogenannte "Folterecke" eingerichtet. Erst als sich Berichte darüber mehren, sich Eltern betroffener Kinder bei den Hagedorns beschweren, hören die Übergriffe auf. Erwin Hagedorn, so schien es, kommt "zur Vernunft". Die Wahrheit ist: Er entscheidet sich fortan dafür, Jungen anzugreifen, die ihn und seine Familie nicht näher kennen. Und mit diesem Schritt in die Anonymität schreckt er auch vor tödlicher Gewalt nicht mehr zurück. Bildrechte: Bundesarchiv für Stasiunterlagen
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Phantom - Serientätern des Ostens auf der Spur | 27. September 2022 | 22:10 Uhr