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Literatur der DDR IAnkunftsliteratur | Aufbauliteratur | Bitterfelder Konferenzen | Brigadetagebuch | Literaturgeschichte | Schulliteratur | Schriftsteller

18. November 2021, 16:24 Uhr

Unter den Eindrücken der nationalsozialistischen Herrschaft, von Krieg und Völkermord, war die Literaturproduktion auf dem Gebiet der DDR, geprägt von der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit.

Aushängeschilder: Becher, Seghers und Brecht

Viele aus dem nationalsozialistischen Exil nach Deutschland zurückkehrenden linksorientierten Autoren der Weimarer Republik wählten teilweise die DDR als neue Heimat. Autoren wie Anna Seghers, Bertolt Brecht, Arnold Zweig und Johannes R. Becher genossen in den Anfangsjahren der Republik große Anerkennung. Auch Heinrich Mann entschloss sich in die DDR zu kommen, wurde aber durch seinen Tod daran gehindert. Der weitaus berühmtere Bruder, Thomas Mann, lehnte alle Avancen ab, kam aber immerhin zweimal nach Weimar zu Besuch, um dort hohe Ehrungen entgegen zu nehmen.
Johannes R. Becher, Dichter der Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen", war von 1954 bis zu seinem Tod 1958 Kulturminister der DDR.

Anna Seghers, deren 1942 in Mexiko erschienener KZ-Roman "Das siebte Kreuz" zu den großen Werken der Exilliteratur zählt, leitete von 1952 bis 1978 als Vorsitzende den "Schriftstellerverband der DDR" (bis 1971 "Deutscher Schriftstellerverband"). Bertolt Brecht fand mit Hilfe der starken Kulturförderung der DDR im Berliner Ensemble die Möglichkeit, sein in der Emigration entstandenes Theaterkonzept zu verwirklichen. Er nahm hohe Ehrungen, wie den sowjetischen Stalinpreis, gern entgegen. Trotzdem blieben er und seine Frau Helene Weigel vorsichtigerweise Bürger der Republik Österreich und edierten das Gesamtwerk Brechts bei Suhrkamp in Frankfurt am Main.

"Sozialistischer Realismus" als einzige Darstellungsform der Realität

Die - zumeist jedoch schon vor 1945 entstandenen - Werke der Exilautoren bildeten den Grundstock der DDR eigenen Literatur. Auf dieser Basis und unter dem direkten Einfluss der "Partei der Arbeiterklasse" sollte sich die "sozialistische Nationalliteratur der DDR" entwickeln. "Konservativere" Autoren in den Literaturbetrieb der jungen DDR zu integrieren, wie etwa den wegen seiner Kritik am nationalsozialistischen Staat 1938 in Buchenwald internierten Ernst Wiechert, scheiterten an den Vorgaben der SED-Kulturpolitik.

Seit dem Ende der 40er Jahre wurde der "sozialistische Realismus" als einzige Darstellungsmöglichkeit der Realität auch für die Literatur verpflichtend. Der Vorwurf, "formalistisch" zu arbeiten, war ein ideologisches Verdammungsurteil, Ernst Wiechert emigrierte bereits 1948 in die Schweiz.

"Aufbauliteratur" beschreibt Kampf für bessere Gesellschaft

Trotzdem hat die Literatur der DDR in den ersten Jahren nach der Gründung des Staates bedeutende literarische Werke von zum Teil internationaler Geltung hervorgebracht, wie den 1958 erschienenen Roman "Nackt unter Wölfen" des Leipziger Schriftstellers Bruno Apitz. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und 1963 von der DEFA verfilmt. Während sich die Lyrik der meisten Autoren der 1950er Jahre (so auch die J.R. Bechers und Stephan Hermlins) phasenweise in pathetischer Zukunftsgläubigkeit erschöpfte, schufen Bertolt Brecht, Georg Maurer, Peter Huchel u.a. tiefgründigere Werke.

Im Zentrum der staatlich geförderten Literatur dieser Jahre stand neben der antifaschistisch orientierten Vergangenheitsliteratur die Auseinandersetzung mit der neuen Gesellschaft, mit der sozialistischen Produktion. Die "Aufbauliteratur" - so eine Chiffre der Zeit - sollte die neuen Produktionsverhältnisse schildern, den Kampf der Menschen für eine gerechtere, für die sozialistische Welt. "Menschen an unserer Seite" (1951) von Eduard Claudius steht beispielgebend für diese Epoche. Der Roman erzählt die Geschichte des Maurers Hans Garbe, der sich in seinem Betrieb gegen die Widerstände seiner Kollegen als Aktivist durchsetzt.

Erste Brüche: Differenzierte Betrachtung nicht möglich

Schon während der 1950er Jahre kam es zu einem ersten Bruch innerhalb der zunächst durch die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang geeinten Literaturszene der DDR. Die ersten Autoren artikulierten die Widersprüche zwischen dem eigenen Anspruch auf Freiheit des Ausdrucks und dem Bestreben der Partei, auch die Kunst in das herrschende ideologische und politische System mit einzubeziehen. Stefan Heyms Roman "5 Tage im Juni", der den Arbeiteraufstand in der DDR differenziert zu verarbeiten suchte, konnte in der DDR erst im Herbst 1989 erscheinen. Heym ließ ihn voher schon 1974 in einer veränderten Fassung einem Münchner Verlag herausgeben. Trotz aller Anfeindungen blieb Stefan Heym bis zum Ende in der DDR.

Haftstrafen für "Konterrevolutionäre" und Flucht in den Westen

Resigniert oder unter dem Druck der Herrschenden verließen aber Uwe Johnson ("Mutmaßungen über Jakob", 1959) und viele andere die DDR. Walter Janka, Chef des Aufbauverlages in Berlin, saß wegen "konterrevolutionärer Umtriebe" von 1957 bis 1960 im Zuchthaus. Erst 1990 wurde er rehabilitiert. Der junge Schriftsteller Erich Loest wurde zu sieben Jahren Haft in Bautzen verurteilt. Gerhard Zwerenz entging der Verhaftung durch die Flucht in den Westen.

Druck und Zensur durch die SED

Auf das Theater, übte die SED erheblichen Einfluss aus, wie die erzwungene Umarbeitung von Peter Hacks "Die Sorgen und die Macht" zeigte. Das Stück konnte nach einer ersten Aufführung in Senftenberg 1960 erst zwei Jahre später in einer mehrmals überarbeiteten Fassung in Berlin gespielt werden.Trotz erster positiver Kritiken wurde das Stück plötzlich abgesetzt und es begann eine Hetzkampagne der SED gegen Hacks und führende Theaterleute. Trotzdem hielt Hacks, der 1955 aus München nach Ost-Berlin übergesiedelt war, der SED die Treue.

Heiner Müller provoziert mit "unzureichender Darstellung der Wirklichkeit"

Heiner Müller am 4.11.1989 bei einer Demo in Berlin Bildrechte: DRA/ DDR Fernsehen

Ein eigenwilliger Schüler Brechts war Heiner Müller. Er verfolgte unbeirrbar sein Konzept und fühlte sich der menschlichen Realität weit mehr verpflichtet als den Parolen der Partei. Schon sein Stück "Der Lohndrücker" (1956) geriet in die Schusslinie der offiziellen Parteikritik. Auch sein Stück "Die Umsiedlerin" führte zu Kontroversen und einem Aufführungsverbot.

Müller zeigt in seinem alternativen "Agrodrama" nicht die propagandistisch wirksamen Idyllen sozialistischer Landwirtschaft, sondern die leidvollen Erfahrungen von Alt- und Neubauern zwischen Bodenreform und Kollektivierung, zeigt Kampf, Korruption und Opportunismus. Die erste (und gleichzeitig letzte) Aufführung 1961 führte zum Ausschluss Müllers aus SED und Schriftstellerverband. "Unzureichende Darstellung der Wirklichkeit" lautete die Anklage.

"Ankunftsliteratur" - reale Gegebenheiten statt Parolen

Die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973) Bildrechte: DRA

Es war eine neue Generation, die da schrieb, eine, die in der Zeit des Aufbaus groß geworden, die nun aber "angekommen" war - Brigitte Reimanns Roman "Ankunft im Alltag" von 1961 gab der "Ankunftsliteratur" ihren Namen. Es war eine Generation von Autoren, die den realen Gegebenheiten mehr Aufmerksamkeit widmete als den Parolen vom immerwährenden Fortschritt. Der Mauerbau 1961, bedeutete für die Literatur noch mehr als zuvor Auseinandersetzung mit dem Eigenen.

Die jüngeren Autoren dieser Zeit begannen, eigene Hoffnungen zu artikulieren und gescheiterte Illusionen zu beschreiben. Neben Brigitte Reimanns "Ankunft im Alltag" zeigen auch Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" und Erwin Strittmatters "Ole Bienkopp" (beide 1963), ebenso Erik Neutschs "Spur der Steine" (1964), was diese Literatur bewegte.

Menschen - und das gilt für die Autoren wie für ihre Figuren -, die sich mit Optimismus und persönlichem Einsatz am Aufbau einer gerechten Gesellschaft beteiligt und für Fortschritte in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion eingesetzt haben, zerbrechen an der Herrschaft des Plans, an der Unterdrückung des Andersdenkenden, am Primat einer dogmatischen Politik über den Anspruch auf persönliches Glück.

1960er Jahre: Braun, Kirsch, Kunze und Biermann

Die Lyrik der 60er Jahre setzte sich mit der von Walter Ulbricht apostrophierten "sozialistischen Menschengemeinschaft" auseinander - in vielen Fällen aber anders, als das die Kulturpolitik der Ulbricht-Ära, verlangte. Das Individuum machte sich frei von der verordneten Kollektivität, die Schau nach innen, die sensible Auseinandersetzung mit der individuellen Natur trat zunehmend an die Stelle der Bejahungslyrik der Aufbaujahre. Unter den jungen Lyrikern, die ihre bewussten Jahre in der DDR erlebt hatten, waren Volker Braun, Sarah Kirsch, Reiner Kunze und Wolf Biermann diejenigen, die auch in der Folgezeit am meisten Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aufmerksamkeit und Kritik.

1965: Auftrittsverbot für Biermann

Gleich nach einer ersten großen öffentlichen Lesung an der Akademie der Künste 1962 war Wolf Biermann als "Gegner" der offiziellen Literaturpolitik erkannt, nach einer Tournee in der Bundesrepublik erhielt er 1965 Auftrittsverbot für die DDR. Auch Günter Kunert geriet in die Kritik. Auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 wurden die zuvor schon in der Parteipresse laut gewordenen Vorwürfe gegen die Autoren, darunter Lyriker und Prosaautoren wie Biermann, Kunert und Stefan Heym, von der Parteiführung aufgenommen und gebündelt.

Zur Literatur der DDR (1972):"Mit der Gründung der DDR erhielt die humanistische deutsche Literatur eine echte Heimstatt. Sie konnte sich, gefördert vom ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat und der Partei der Arbeiterklasse, in immer stärkerem Maße zur sozialistischen Nationalliteratur der DDR entwickeln. Dabei führt die Literatur der DDR die Tradition der deutschen proletarisch-revolutionären sowie der antifaschistisch-demokratischen Literatur fort, bewahrt schöpferisch die humanistischen Werte des Literaturerbes, besonders der Klassik, und entwickelt sie weiter."Meyers Neues Lexikon VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1972

Dieses Thema im Programm:Können Bücher die Welt retten? | 27. Mai 2021 | 22:10 Uhr