Nur zur Probe beim FCM eingestellt zu werden, war eine bittere Erfahrung

Aktiv waren Sie aber weiterhin im Traditions-Team des FCM.

Jürgen Sparwasser
Jürgen Sparwasser Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das stimmt. Da ging es auch mehrfach nach Saarbrücken. Was damals wie eine Bombe einschlug, war die Flucht von Jürgen Sparwasser. Wir waren wieder einmal zu einem Altherren-Turnier eingeladen. Ich habe ihn gesucht und nur einen Brief vorgefunden. Den hab ich kurz gelesen und da war klar, "Spari" sehen wir nicht wieder. Hinterher gab es einige unspektakuläre Verhöre mit der Stasi. Wir haben nur immer gesagt: "Er hat den Bus verpasst". (lacht) "Und wer in unserer Mannschaft Stasi-Zuträger war, kann ich nicht mal sagen. Ich war jedenfalls kein IM, das weiß ich. Aber das war bei uns auch nie ein großes Thema. Ich weiß auch nicht, wer bei uns so richtig angeschissen wurde. Allerdings ist bei uns nur ein einziger bei der Westreise nach Sion geflüchtet. Das war 1965. Ingolf Ruhloff ist dann später aber wiedergekommen.

Das sportlich hohe Level konnte in den 80er-Jahren allerdings nicht mehr gehalten werden. Der FCM verschwand im Mittelmaß …

Wolfgang "Paule" Seguin
"Paule" Seguin als Mannschaftsbetreuer im Sommer 1990 Bildrechte: Sven Friedrichs

In der Zeit war ich in verschiedenen Gremien wie dem Verwaltungsrat aktiv. Später wurde ich Mannschaftsleiter. Mit Achim Streich als Trainer und den Korsettstangen Heyne, Stahmann und Steinbach hatte sich dann aber eine gute Truppe gefunden. Das Sturmduo Markus Wuckel und Uwe Rösler hat sich perfekt verstanden und Tore am Fließband produziert. Ich selbst wurde 1990/91 nur zur Probe beim Club eingestellt. Da habe ich darum gebeten, dass man mich kündigt. Nach so vielen Jahren im Club nur zur Probe eingestellt zu werden, war eine sehr bittere Erfahrung für mich. Ich habe mich dann selbständig gemacht, im Nachhinein die richtige Entscheidung. Später habe ich den Verein jahrelang mit Kompensationsleistungen unterstützt.

Aber zurück zum Sportlichen: Magdeburg wollte ja in der letzten Oberliga-Saison mit aller Macht in die erste Bundesliga. Die Voraussetzungen waren gut, denn 1990 wäre der FCM um ein Haar wieder Meister geworden. Im letzten Saisonspiel hatten drei Mannschaften die Chance für den 1. Platz. Wir sind dann leider nur Dritter geworden. In diesen wilden Zeiten war der FCM auch der erste Verein mit einem West-Hauptsponsor. Noch zu Ostmark-Zeiten bekamen wir von einem Spirituosenhersteller 1,2 Mio. DM überwiesen. Aber trotz des Geldes haben wir es nicht gepackt.

Und der FCM war nach der letzten Oberliga-Saison erstmals in seiner Vereinsgeschichte drittklassig, zwei Jahre später gar in der vierten Liga. Bis heute pendelt der Club zwischen dritter und vierter Liga. Auf Profifußball wartet die Stadt vergebens.

Die Nachwendejahre waren davon geprägt, dass in Magdeburg das Geld nicht da war. Es ging viele Jahre drunter und drüber. Einige ehemalige Spieler wie Martin Hoffmann oder Jürgen Pommerenke haben dann als Trainer versucht, den Verein nach oben zu führen. Am erfolgreichsten war Dirk Heyne, der 2007 mit seiner Mannschaft kurz vor dem Aufstieg in die Zweite Liga stand. Aus den letzten drei Spielen, davon zwei zu Hause, mussten drei Punkte geholt werden. Es wurden nur zwei Unentschieden. Das Kuriose war, dass Heyne in der Winterpause nur zwei Verstärkungen verlangte. Er bekam nicht mal einen. Nach Dirk Heyne kamen zehn, zwölf neue Spieler und es ging bergab. Diese Tatsache beschreibt wohl am ehesten den FCM der Nachwendezeit.

Dabei sah es um die Jahrtausendwende sportlich gar nicht mal so schlecht aus. Michael Kölmel mit seinem Kinowelt-Imperium investierte auch in den FCM.

Mit dem Oberliga-Rekordspieler Eberhard Vogel als Trainer hatten wir eine erfolgreiche Saison. Im DFB-Pokal wurden drei Bundesligisten, darunter Bayern, aus dem Weg geräumt. Und der FCM war wieder drittklassig. Aber Kölmel-Millionen flossen keine. Wir haben im Aufsichtsrat nur immer wieder davon gehört, aber Geld floss meiner Meinung nach nicht. Gute Nachwuchsspieler wurden weggeschickt, teure Spieler kamen. Seit 1990 bis heute waren über 20 verschiedene Trainer am Ruder, manche haben richtig viel Geld gekostet, aber keine Leistung gebracht. Die Insolvenz im Jahr 2002 und der Zwangsabstieg in die Oberliga waren die logische Folge.

Und wie sehen Sie die Zukunft des FCM?

Perspektivisch kann es nur darum gehen, wieder in die dritte Liga zu kommen. Ich bin ja auch noch im FCM-Sportbeirat tätig. Es wird allerdings nicht leicht, da 2014/15 auch Jena und Zwickau aufrüsten und aufsteigen wollen. Leider haben wir nicht die Voraussetzung wie bei RB Leipzig, die jeden Spieler kriegen, den sie haben wollen. Von diesen Verhältnissen träumen wir. Leipzig hat mit diesem Verein jetzt die besten Chancen für die Zukunft.

Mit erfahrenen Spielern und dem guten FCM-Nachwuchs sehe ich aber gute Chancen, dass es wieder aufwärts geht beim Club. Die Bedingungen im Nachwuchsbereich sind außerordentlich gut, davon träumen viele Mannschaften. Doch wenn wir nicht in der 3. Liga spielen, wird dir der gute Nachwuchs weggekauft. Ein Teufelskreislauf.

Mittlerweile treffen sich die 74er, wie die damalige Mannschaft in Magdeburg nur noch genannt wird, jedes Jahr Anfang Mai, um ihren damaligen Erfolg zu feiern.

Ja, mittlerweile ist es zur Tradition geworden. Seit 14 Jahren organisiert ein Spieler von damals das Treffen. Ich war beim 35. Jahrestag dran, dieses Jahr ist Torhüter Uli Schulze an der Reihe. Den 40. Jahrestag begehen wir 2014 drei Tage in Thale. Ich selbst habe ja kaum noch Andenken aus der Zeit. Meine ganzen Trikots habe ich verschenkt, und bei fünf Söhnen kommt auch einiges weg. Aber solche Sachen waren mir nie wichtig, dafür aber solche Treffen mit den alten Mitspielern, wo wir natürlich in Erinnerungen schwelgen. Ich bin und bleibe ein Blau-Weißer, auch wenn mein Jüngster jetzt in Wolfsburg spielt.

Wolfang Seguin mit der EC-Siegermedaille / 2014
40 Jahre danach: Wolfgang "Paule" Seguin mit der EC-Siegermedaille Bildrechte: Thomas Franke