Die Geschichte des FC Carl Zeiss Jena

Sie standen im Finale des Europapokals der Pokalsieger, stellten zeitweilig die halbe Nationalmannschaft und führen die ewige Tabelle der DDR-Oberliga an. Heute versucht Carl Zeiss Jena an seine große Vergangenheit anzuknüpfen. Ein Gespräch mit Mannschaftsleiter Uwe Dern.

Der Jenaer Fußball spielte bis in die 50er-Jahre hinein keine große Rolle in der DDR. Plötzlich reihte sich dann Meisterschaft an Pokalsieg. Wie kam es zu diesem Aufschwung?

1958 wurde Georg Buschner als Trainer geholt. Der war der Schlüssel zum Erfolg. Buschner war Hochschullehrer und brachte Know-how mit, das es sonst kaum gab in der DDR. Er hat erkannt, dass man gut ausgebildete Experten braucht, um einen Verein nach vorn zu bringen. Und vor allem hat er die Zügel fester in die Hand genommen und Disziplin in die Mannschaft gebracht.

Das heißt, er war so ein richtiger "harter Hund"?

Das war er wirklich. Das Training war hart. Es gab eine Wintervorbereitung: 14 Tage lang Lauftraining, also Skilanglauf und im Sommer 14 Tage an der Ostsee Ausdauerlauf. Unsere Mannschaft hatte dadurch die beste Kondition der Liga. Der Erfolg ließ dann nicht lange auf sich warten. Buschner ist in der ersten Saison gleich Vizemeister geworden und 1963 dann Meister.

Die Mannschaft nannte ihn den "Grafen". Das klingt nach einem distanzierten Verhältnis.

Georg Buschner 2 min
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Keine langen Abende, kein Frühschoppen, keine Zigaretten - das war das Motto des ehemaligen Hochschuldozenten Georg Buschner. Die Praxis gab dem Jenaer Erfolgstrainer recht.

Mo 29.11.1971 16:00Uhr 01:30 min

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Der "Schorsch" hat eine klare Führungsstruktur aufgebaut. Was der Trainer sagte, war Gesetz. Da wurde nicht viel diskutiert. Er war so eine Vaterfigur: Zum einen sehr streng, zum anderen aber auch so ein richtiger "Kümmerer", der auch sämtliche Alltagsprobleme der Mannschaft gelöst hat. Einmal zum Beispiel ist ein Spieler in Jena in eine Polizeikontrolle gekommen. Der saß dann auf dem Revier und sagte bei jeder Frage des Kommissars nur: "Ohne meinen Trainer sage ich nichts". Irgendwann hat die Polizei wirklich bei Georg Buschner angerufen. Der ist dann aufs Revier gekommen, hat mit den Polizisten geredet und den Spieler da rausgeboxt.

Der Erfolg hielt sehr lange an. Jena hat in den 60er- und 70er-Jahren eigentlich fast immer oben mitgespielt, ist drei Mal Meister geworden …

Das lag auch an der Kontinuität im Verein und natürlich an unserer Personalpolitik. Wir haben immer versucht, uns gezielt zu verstärken. Ach, Sie glauben gar nicht wie schwer das zu DDR-Zeiten war. Das waren immer richtige Geheimmissionen. Wir hatten da spezielle Leute, die sich um so was gekümmert haben. Die waren immer ganz diskret. Die haben erstmal die Adressen der Spieler ausfindig gemacht. Nachwuchsspieler wohnten ja meist noch bei ihren Eltern. Dann sind die da hingefahren, haben das Auto am Stadtrand abgestellt und sind zur Wohnung gelaufen. Kilometerweit, um ja keinen Verdacht zu erregen. In der Wohnung haben die dann die Katze aus dem Sack gelassen. Da kam dann erstmal das Zeiss-Emblem auf den Tisch.

Und das hat die Spieler überzeugt?

Natürlich! Die jungen Spieler wollten alle zu Jena. Die konnten hier ja jedes Jahr international spielen, jedes Jahr in den Westen reisen. Die Spielerfrauen konnten bei uns an der Uni studieren. Zeiss hat für ordentliche Wohnungen gesorgt. Die bekamen Autos. Einmal hat das Zeisswerk ein Kontingent von "Fiat" bekommen. Die gingen dann zum Teil an uns. Da fuhren dann alle Spieler mit einem Fiat vor. Das hat bei den anderen Vereinen natürlich für Neid gesorgt.

Zeiss soll sogar Prämien für die Spieler gezahlt haben ...

Das stimmt. Darüber hat man aber kaum gesprochen. Das war geheim. Das Geld wurde am Schalter abgeholt und verteilt. Das ging übrigens immer über Tisch von Buschner. Der hat es dann weitergereicht. Unter Hans Meyer hat sich das dann verändert.

Meyer wurde 1971 Trainer. War das der Beginn einer neuen Ära?

Hans Meyer, Trainer, FC Carl Zeiss Jena
Trainer Hans Meyer Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Nein. Überhaupt nicht. Meyer wurde nicht gleich zum Trainer, sondern erstmal nur zum Assistenztrainer befördert. Buschner blieb ein Jahr lang noch Chef im Ring und hat den Verein dann erst komplett übergeben. Das war ein kluger Schachzug. Meyer hat damit eigentlich Buschners Erfolg übernommen. Als Trainer waren die letztlich fast identisch. Na gut, der Meyer war vielleicht noch ein bisschen humorvoller. Aber das musste er auch sein, denn Meister ist Jena unter ihm nicht mehr geworden.

Aber Pokalsieger und er hat Jena zum größten Erfolg der Vereinsgeschichte geführt - dem Einzug ins Finale des Europapokals der Pokalsieger 1980/81.

Das war eine sensationelle Saison. Wir hatten ja gleich das erste Spiel mit 0:3 gegen den AS Rom verloren und waren eigentlich schon aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Aber Meyer war ein guter Psychologe und hat die Mannschaft noch mal aufgebaut. Und dann gewinnen wir das Rückspiel mit 4:0 und sind weiter. Das war Wahnsinn! Da hat sich dann eine Dynamik entwickelt, so ganz nach dem Motto: je stärker der Gegner, desto besser für uns. Wie haben Valencia weggeputzt und Benfica Lissabon. Das muss man sich mal vorstellen. Schwer wurde es nur gegen den kleinen Club AFC Newport County aus Wales. Und natürlich im Finale gegen Tiflis, das wir leider verloren haben.

In dieser Zeit, den 70er- und 80er-Jahren hat sich auch die Rivalität zu Rot-Weiß Erfurt herausgebildet, die bis heute besteht. Wie kam das denn?

Das ist nichts, was jetzt spezifisch für Jena ist. Rivalitäten gibt es in ganz Deutschland, in ganz Europa. Die Erfurter waren natürlich immer sauer, dass ihre guten Spieler nach Jena gegangen sind. Aber die Spieler wollten ja kommen. Letztlich ist das das Problem der Erfurter. Ich finde, man muss schauen, dass man selbst seine Sachen gut macht. Und wenn ich mir die Statistik der letzten Jahrzehnte anschaue, sehe ich, dass wir in Thüringen die Nummer eins sind. Deshalb kümmern wir uns um uns.

Nach der Wende wurde es für Jenaer Verhältnisse vergleichsweise exotisch: erst kam ein "Wessi" im Pepita-Hut, dann gab es einen nigerianischen Stürmerstar. Wie haben die Fans denn auf die bunte Truppe reagiert?

Das war toll. Wir haben uns nach der Wende über alles gefreut. Das waren so schöne Erlebnisse mit Klaus Schlappner und Jonathan Akpoborie damals. Wir sind in die großen Weststadien gefahren, haben viel erlebt und hatten tolle Fußballer. Gerade die Anfangszeit in der Zweiten Bundesliga war auch sehr erfolgreich. Wir haben da gut mitgespielt. Zeitweilig haben wir sogar an der Bundesliga geschnuppert.

Von den großen Erfolgen der Vergangenheit ist Jena heute weit entfernt, spielte in den vergangenen Jahren nur noch in der dritten oder vierten Liga. Trotzdem kommen noch Tausende zu den Heimspielen und der Verein hat mehr Mitglieder denn je. Wie kommt das?

Wir sind sehr populär und haben einfach tolle Zuschauer. Und wer einmal ein großes Fanherz ausgebildet hat, tut dann auch alles für seinen Verein. Es gibt bei uns kaum Ausschreitungen, kaum Konflikte. Und auch wenn es mal nicht so läuft, gibt's nicht gleich Terror. Das ist der Unterschied zu vielen anderen Vereinen. Carl Zeiss hat sich nie aufgegeben und wir werden auch nie aufgeben. Wir kommen wieder.

Carl Zeiss Jena
Eine der Sternstunden: Der FC Carl Zeiss Jena schlägt den Pokalverteidiger und Favoriten Dynamo Dresden mit 1:2 in Leipzig. Fußball-Präsident Helmut Riedel sagte nach dem Spiel: "Jena war spielerisch die bessere Mannschaft." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer ist Uwe Dern? Uwe Dern ist die gute Seele des Vereins. Als Mannschaftsleiter des FC Carl Zeiss Jena kümmert er sich um die persönlichen Probleme der Spieler. Als Neunjähriger hat er 1969 zum ersten Mal das Vereinstrikot angezogen, für die Kindermannschaft von Carl Zeiss. Er spielte in der Zweiten Mannschaft, leitete das Jenaer Fanprojekt und war in den letzten Jahrzehnten bei fast allen Spielen dabei.