Interview mit Sportreporter Bodo Boeck Die "Himmelblauen" - eine Mannschaft im oberen Mittelfeld

Den größten Erfolg konnte der Chemnitzer FC 1967 feiern, als der damalige FC Karl-Marx-Stadt die Meisterschaft gewann. Nach dem Ende der DDR pendelten die "Himmelblauen" zwischen Regional- und Zweiter Liga. Der Sportreporter Bodo Boeck hat den Chemnitzer Fußball über Jahrzehnte begleitet. Ein Gespräch.

Welche Rolle spielte der FC Karl-Marx-Stadt in der DDR-Oberliga?

In der "Ewigen Tabelle" der DDR-Oberliga wird der FC Karl-Marx-Stadt auf Rang 12 geführt. Über 800 Spiele, über 1.000 Tore. Also oberes Mittelfeld und Kontakt zur Spitze.    

Vom Gewinn der DDR-Meisterschaft 1967 an spielte der FC Karl-Marx-Stadt eher die zweite Geige, kam aus dem Mittelmaß kaum heraus? Woran lag das?

Eine gute Mannschaft muss ja erst zueinander finden. Ich habe einige der 67-iger Heroen später in anderen Funktionen kennenlernen dürfen. Müller, Lienemann, Vogel -  das sind schon starke Persönlichkeiten.     

Wie verwurzelt war der Club in der Stadt und in der Region? War es ein Traditionsverein? Oder waren es eher "die Grauen" als die "Himmelblauen"?

Welch eine unglaubliche Dichte an erstklassigen Fußballvereinen herrschte doch in dieser Region: FC Karl-Marx-Stadt, Wismut Aue, Sachsenring Zwickau. Nicht zu vergessen Fortschritt Meerane und Empor Lauter, die früher, in den 1950er-Jahren, noch in der Oberliga gespielt hatten. Derbys fast an jedem Wochenende. Welch eine Konkurrenz zwischen den Fans auf engstem Raum Da war es doch zwingend, besondere Leistungen zu bieten und Tradition musste groß geschrieben werden, schon um sich von den anderen abzugrenzen.

Kurz vor dem Ende der DDR träumte Karl-Marx-Stadt vom DDR-Meistertitel…

Schauen Sie auf die Protagonisten von damals: Steinmann, Heidrich, Richter, Köhler, Illing, Keller, Bittermann, Barsikow, Wienhold, Laudeley - da durfte man doch träumen, oder? 

1989/1990 konnten die "Himmelblauen" einige Achtungszeichen im internationalen Fußball setzen, etwa in den Europapokalbegegnungen mit Juventus Turin. Erinnern Sie sich an die Spiele und die Atmosphäre?

Ich war sehr stolz, vom DFF für die Vorberichterstattung auf das Rückspiel in Karl-Marx-Stadt eingesetzt worden zu sein. Der FC Karl-Marx-Stadt hatte schließlich nur 1:2 im Stadio Comunale in Turin verloren. Alles war möglich. Und ich selbst hatte die große Chance, Weltklassefußballer aus nächster Nähe zu erleben: Schillaci, Casiraghi, Napoli, de Agostini. Die Welt war im Umbruch. Täglich gab es neue Gerüchte, ob nicht etwa ein Spieler wie Rico Steinmann gar nicht erst in die Bundesliga wechselt, sondern gleich nach Italien, in die damals stärkste Liga der Welt, geht. Dino Zoff, einer der besten Torhüter aller Zeiten, und damals der Trainer von Juventus Turin, schätzte Steinmann als "Weltklasse" ein. Damit nährte er weitere Spekulationen.

Ich führte damals ein Interview mit Alejnikow, ein begnadeter weißrussischer Mittelfeldmann, der nach seiner Ausreise schon einige Zeit in Turin spielte, und fragte ihn nach dem Anforderungsprofil für die italienische Liga und ob er nach seiner Ankunft in Turin nicht einen Kulturschock erlitten hätte. Auch Trainer Dino Zoff stand mir Rede und Antwort. Von der Arbeit her war es aufregend und man konnte sehr viel lernen. Trotz einer unglaublichen Stimmung im Stadion hatte es Karl-Marx-Stadt ja nicht geschafft den Favoriten zu bezwingen. Das Spiel ging 1:0 verloren.         

Welche Rolle spielte Rico Steinmann in der damaligen Elf?

Rico Steinmann war ein nahezu perfekter Fußballer, bereits in jungen Jahren. International sorgte er ja schon 1986 für Aufsehen, als er mit dem DDR-Nachwuchs U-18 Europameister nach einem 3:1 Finalsieg über Italien wurde.Die Erwartungshaltung war damals riesig. Er musste sieben Trainer in sechs Jahren über sich ergehen lassen. Schwierig in der Medienstadt Köln. Dennoch hat Rico Steinmann immerhin über 130 Spiele für die "Geißböcke" bestritten. Später sagte er: "Ich war zu jung und zu empfindlich."

Wie ging es für den Chemnitzer FC nach dem Ende der DDR weiter? Erlebte sie das Schicksal der meisten Mannschaften aus der Oberliga, die mehr oder weniger in der Versenkung verschwanden?

Ronny Kujat und Lars Schiersand
Der "Aufstiegsheld" 1999 im Zweitliga-Aufstiegskrimi Chemnitz gegen Osnabrück: Ronny Kujat Bildrechte: dpa

Chemnitzer sind Stehaufmännchen. Es ging hoch und runter und nun wieder hoch. Mit diesen Chemnitzer Wechselbädern sind viele Episoden verbunden. Wir hatten damals, 1999, den Zweitligaaufstiegskrimi Chemnitz gegen Osnabrück übertragen. Das war eine sensationelle Stimmung an der Gellertstraße. Der Aufstiegsheld hieß Ronny Kujat. Der MDR hatte sich entschieden, am Abend eine Sondersendung aus Chemnitz zu gestalten. Um uns herum herrschte ausgelassene Stimmung, alle feierten. Während der Vorspann zu sehen war, schaffte es im Tumult der Situation ein Vertreter der Chemnitzer Marketingabteilung bis zu mir ans Moderationspult und wickelte mich in einen blau/weißen Schal ein. In der Eile und mit vielen Ablaufzetteln in der Hand, konnte ich mich nicht mehr von diesem Fanartikel befreien. So begrüßte ich die Zuschauer an einem warmen Sommerabend mit Schal.      

Berühmtester Spieler des Chemnitzer FC war Michael Ballack. Haben Sie ihn erlebt? War sein überragendes Talent offensichtlich?

Michael Ballacks überragendes Talent war vor allem für die sichtbar, die täglich mit ihm zu tun hatten. Er wechselte ja bereits als sehr junger Spieler nach Kaiserslautern. In seinem ersten Jahr, als junger Bub, bei den Chemnitzer Männern, stieg der CFC aus der 2. Liga ab. Das heißt, Chemnitz verlor auch ein paar Spiele. Da ist es natürlich schwierig für einen Außenstehenden, in den wenigen Partien, die man verfolgen konnte, in dem noch sehr jungen Mann den Weltklassespieler der Zukunft zu erblicken. Das ging aber nicht nur mir so. Kürzlich hatte ich gelesen, dass Talente-Späher aus Ballack ursprünglich einen Eisschnellläufer machen wollten...  

Welche Perspektiven sehen Sie für den Chemnitzer FC?

Wenn das neue Stadion kommt, sollte die Zukunft doch rosig sein.