Gespräch mit Sportler

Guido Behling war von 1978 bis 1984 Schüler der Kinder- und Jugendsportschule in Magdeburg. Lesen Sie hier ein Interview aus dem Jahr 1999.

Guido Behling
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MDR: Sie waren von 1978 bis 1984 Schüler der Kinder- und Jugendsportschule in Magdeburg. Wie kam es dazu, dass Sie mit 13 Jahren auszogen, um die Kanu-Weltspitze zu erobern?

Guido Behling: Ich war als Kind Sportler der BSG Kanu in Wittenberge. Am Wochenende kamen die Klubsportler vorbei und erzählten von ihren Erlebnissen. Ich war fasziniert, begann davon zu träumen, auch ein "ganz Guter" zu werden, mal in den Westen fahren zu können ...

Meine Eltern waren von meiner Idee, zur KJS nach Magdeburg zu gehen, nicht sehr begeistert, sie hätte mich lieber noch zu Hause behalten, aber sie wollten mir natürlich auch nicht im Weg stehen. Also habe ich an den Auswahlverfahren teilgenommen, bei denen es darum ging, die Besten aus den Betriebssportgemeinschaften zu finden. Sportliche Tests, Wettkampfergebnisse und schulische Leistungen zählten zu den Auswahlkriterien. Bei mir passte alles ganz gut zusammen, so dass ich mit Beginn der 8. Klasse ins Internat nach Magdeburg zog.

Wie sah Ihr neues Leben im Internat aus?

Wir waren zu dritt auf dem Zimmer und anfangs heilfroh, wenn wir am Wochenende nach Hause konnten. Früh um ca. 6 Uhr mussten wir aufstehen, ab 6.30 Uhr gab es Frühstück. Vor Schulbeginn mussten wir noch Betten machen, aufräumen, ausfegen und den Papierkorb leeren. Das wurde täglich kontrolliert und mit Punkten bewertet, da es einen offiziellen Zimmerwettbewerb gab. Um 7 Uhr ging die Schule los, im Anschluss daran hatten wir noch eine Trainingseinheit. Nach dem Mittag ging es bis ca. 17.30 Uhr mit dem Training weiter. Nach dem Abendessen hatten wir Zeit für Hausaufgaben und Freizeit, 22 Uhr war dann Nachtruhe.

Wie war die Betreuung der Sportler gewährleistet?

Im Internat gab es Betreuer für jede Alters- und Sportgruppe. Die Erzieher waren für 6 bis maximal 10 Kinder verantwortlich. Sie kontrollierten Hausaufgaben, die Einhaltung der Nachtruhe, pünktliches Aufstehen, Frühstücken, Aufräumen, usw ... Ansonsten stand ein riesiger Apparat hinter uns, angefangen von Trainern für jede Altersklasse und Disziplingruppe über Mediziner bis hin zu Masseuren und Physiotherapeuten. Es wurde ein hoher Aufwand betrieben, was für die sportliche Leistung natürlich topp war.

Sie haben sich mit der Zeit als "Guter" herauskristallisiert, was veränderte sich für Sie?

Nach einem Jahr wurde ich aus dem normalen Abiturkurs raus genommen und bekam Einzelunterricht zwischen den Trainingseinheiten. Da wir die Hälfte des Jahres in Trainingslagern verbrachten, hatte ich ständig Lehrgangsaufgaben für das Selbststudium im Gepäck, die anschließend von den Lehrern ausgewertet wurden.

Das klingt nach einer harten Zeit, wie konnten Sie sich immer wieder motivieren?

Sie können mir glauben, dass drei Regatten jährlich im westlichen Ausland plus der Weltmeisterschaft, Adidas-Sportkleidung, ab 1984 Forumschecks als Prämie (für den offiziellen Einkauf im Intershop) oder ein Auto, auf das man nicht zwölf Jahre warten musste, einen Jugendlichen unwahrscheinlich motivieren können. Im Osten war man als Sportler schon etwas Besonderes.

Aber auch Sie waren davon betroffen, als die Ostblockstaaten 1984 die Olympiade in Los Angeles boykottierten ...

Das war die andere Seite der Medaille. Für mich als Sportler kam das einem Weltuntergang gleich. Wir hatten im Vorfeld im Training sogar schon eine Woche den "Ernstfall" trainiert, denn erstmalig sollten die Endläufe in Los Angeles schon um 9 Uhr stattfinden, sodass wir um diese Uhrzeit topfit sein mussten. Das bedeutete für uns, die Trainer, Ärzte und Physiotherapeuten um 6 Uhr beim Frühstück zu sein, um dann gleich mit dem Aufwärmtraining zu beginnen und uns auf die Zeitumstellung vorzubereiten.

Im Herbst/Winter 1983 gab es Riesenveranstaltungen mit Berufung der Olympia-Kader, mit Reden, wie wichtig Los Angeles für alle ist, der absolute Höhepunkt usw. Und dann auf einmal hieß es, Olympia findet für uns nicht statt. Die Russen hatten ihre Teilnahme abgesagt, kurz danach die DDR auch. Es hieß, wir müssten solidarisch mit unseren sowjetischen Freunden sein und auch in solchen Zeiten zueinander stehen. Dass in Los Angeles für uns als Sportler angeblich die Sicherheit nicht gewährleistet und es nur in unserem eigenen Interesse sei, wenn wir nicht führen. Für uns Sportler war das alles nur Geschwätz, es war klar ein Gegenboykott zu 1980. Die "Wettkämpfe der Freundschaft" als so genannte Ersatzolympiade konnten keinen befriedigen. 1985 hieß es dann, wir müssten beweisen, dass wir die besseren Sportler sind, müssten die Sieger der Olympiade von 1984 schlagen, um die Ergebnisse von Los Angeles abzuwerten. Das war schon schlimm.

Wie wurden Sie moralisch auf Regatten im westlichen Ausland vorbereitet?

Es hieß immer, wir müssten uns abgrenzen von den anderen, dürften keinen Kontakt aufnehmen, immer nur in Gruppen in die Stadt fahren. Alles natürlich nur zu unserer eigenen Sicherheit, falls man uns irgendwelcher Sachen (zum Beispiel Diebstahl im Kaufhaus) beschuldigte. Wir sollten immer einen Zeugen dabei haben. Das Thema Fluchtgefahr wurde öffentlich nicht erwähnt, wir waren ja schließlich Diplomaten im Trainingsanzug.

Wie gingen Sie mit den Anweisungen der Funktionäre um?

Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme haben sich immer ergeben, z.B. im Hotel, auf der Fahrt zur Regattastrecke oder an der Strecke selbst. Da wir als Ostdeutsche sehr erfolgreich waren, waren unter anderem unsere Trikots bei den Sportlern aus der BRD, Australien oder Neuseeland sehr beliebt, und auch wir waren natürlich sehr an einem Trikot unserer Hauptkonkurrenten interessiert. Aber ein Trikottausch war nur bei Ländern wie Australien oder Neuseeland möglich. Die waren so weit weg, dass wir die Trikots auch mal bei uns tragen konnten. Ein T-Shirt mit Bundesadler kam vor Ort nicht in Frage, also haben wir unsere an die westdeutschen Sportler für 25.- DM verkauft, um so unser Taschengeld aufzubessern. Alles natürlich unter strengster Geheimhaltung in dunklen Ecken.

Was wäre gewesen, wenn man Sie erwischt hätte?

Einer von uns hatte für seine Freundin, die eine Schneiderlehre absolvierte, Modezeitschriften mit Schnittmustern gekauft. Gerade er musste beim Zoll seinen Koffer auspacken. Daraufhin wurde ihm fast seine gesamte Siegprämie gestrichen. Ein anderer hatte in Ungarn ein Mädchen aus Stuttgart kennen gelernt. Damit sie sich wenigstens schreiben konnten, hatte er die Adresse seiner Oma angegeben. Kaum war der erste Brief da, musste er zum Cheftrainer, sein Vater zur Parteileitung. Der Kontakt musste sofort abgebrochen werden mit dem Hinweis auf Schulverweisung.

Untereinander haben wir immer dicht gehalten. Das war ein Muss, denn jeder von uns hatte mal die so genannte Schmutzliteratur in der Reisetasche oder einen Satz beim Zoll parat wie: "Die sollen uns durchlassen, können froh sein, dass wir alle wiederkommen ..." Aus heutiger Sicht hätte schon diese kleine Bemerkung, wäre sie an falsche Ohren gelangt, das Ende einer Sportlerkarriere bedeuten können.

(Erstveröffentlichung 1999)