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Erste Berichte an die Staatssicherheit

Degradiert zum Briefträger war der 24-jährige Böhme alles andere als der "Inspirator" oder "intellektuelle Sektierer" in der hiesigen Kunst- und Kulturszene, der er vielleicht so gerne hatte sein wollen. Für die Staatsicherheit mauserte er sich hingegen zum willfährigen Spitzel. Schnell diente er sich wieder an und vor allem hoch: Bald stieg er zum Kreissekretär des Kulturbundes auf, gewann das Vertrauen der Szene und bespitzelte den "Greizer Kreis" um die Schriftsteller Reiner Kunze und Jürgen Fuchs.

Böhme war vorerst an seinem Ziel angekommen und er wollte dazu gehören, und zwar auf beiden Seiten: In seinen facettenreichen Lebensläufen finden sich nach und nach ein Abitur in der Abendschule, unterschiedliche Fernstudien und ab und an ist auch von einer Promotion die Rede - obwohl er eigentlich nie studiert hat. Ebenso lief er bei seinen Berichten an die Staatsicherheit zu Höchstformen auf: Bis zu 30 Seiten umfassen die Abschriften der Tonbandaufnahmen von seinen nahezu epischen Referaten. Er wurde zum "Spitzenberichterstatter" aus der örtlichen Kulturszene.

So gut wie Böhme schien keiner Bescheid zu wissen - zumindest nicht so gut, dass ihn jemand durchschaute. Zeitweise befürchtete man beim MfS die Kontrolle über den IM zu verlieren, doch das "System Böhme" demontierte sich selbst: Überzogene und sogar erfundene Berichte über den Dissidenten Reiner Kunze fielen den Organen zunehmend auf. Nachdem Reiner Kunze innerhalb von drei Tagen die Ausreise aus der DDR genehmigt wurde, war auch Böhme weitestgehend ohne jede Funktion. Er wurde fallengelassen und wegen seiner Ausschweifungen aus der Partei ausgeschlossen.

Die Sucht nach der Legende

Das Besondere am "System Böhme" ist die Verschmelzung mit der so genannten Legende. Während man anderen eine neue Identität oder einen Lebenslauf geradezu verordnen musste, schnitt sich Böhme - ohne Zutun des MfS - seine Wunschbiografie auf den Leib, wie eine zweite Haut.

Die Sucht nach dem Ausleben seiner Legende, so scheint es, brachte Böhme zu den absurdesten Aktionen, um sich bei der Staatsicherheit wieder ins Spiel zu bringen.

Er denunziert sich selbst. Er macht Anrufe bei Parteistellen und beim MfS und weist als anonymer Anrufer auf den suspekten Manfred Böhme hin. Er will Partei und MfS auf sich aufmerksam machen.

Christiane Baumann

Den Höhepunkt fanden seine Bemühungen in einer inszenierten Flugblattaktion auf der Bahnstrecke zwischen Leipzig und Magdeburg. Erst auf seine Hinweise wurde man darauf aufmerksam. Schnell erkannte man aber auch, dass Böhme selbst hinter der Aktion steckte, die Anklage lautete auf "staatfeindliche Hetze". In der Untersuchungshaft in Höhenschönhausen attestierten ihm die Ärzte zu starke psychische Störungen, um weiter als IM tätig sein zu können.

Böhme erklärt in der Haft, dass ihm ein wesentliches Lebensmoment genommen werden würde, wenn er nicht mehr IM sein dürfte, […] er bettelt richtig darum. Beim MfS wird man sich klar darüber, dass so jemand die lebende Legende ist. Böhme ist ja tatsächlich mehrere Monate in Haft und kann das dann auch so erzählen, das hat dann auch später Wirkung. Er gilt als authentisch.

Christiane Baumann

Man setzte sich über die ärztlichen Bedenken hinweg, ließ die Anklage ohne jeden Prozess fallen und setzte erneut auf seinen Wert als Spitzel. Das "System Böhme" arbeitete wieder. Vom neuen Führungsoffizier wurde er aus Hohenschönhausen abgeholt, doch die Reise ging nicht zurück nach Greiz, sondern ins mecklenburgische Neustrelitz. Dort angekommen, wurde der Haftaufenthalt zur Eintrittskarte in die oppositionellen Kreise der Kirche und der Kulturszene - eine passende Stelle am hiesigen Theater wurde im Handumdrehen besorgt. Nachdem sich Böhme wieder einmal in der Provinz bewährt hatte, gelang ihm der große Sprung nach Berlin, in das Zentrum der oppositionellen Bewegung der ausklingenden DDR.