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Nach der Wende: Vom Spitzel zum Spitzenkandidaten

Vom Spitzel zum Spitzenkandidaten

Böhme, der sich nun auf jüdische Vorfahren berief und deswegen "Ibrahim" nannte, gehörte dem engeren Kreis der Bürgerrechtsbewegung an. Die ausgehenden 1980er-Jahre hatte er in der Szene augenscheinlich gut gemeistert, mittlerweile engagierte er sich in der bekannten "Initiative für Frieden und Menschenrechte". Mauerfall wie Wendezeit überstand er mit seinen vielfach erprobten Lebensläufen unbeschadet und fand in der Sozialdemokratie eine neue politische Heimat. Mit dem vielfach nachgesagten Charme und Sympathie nahm er immer wieder die Menschen für sich ein.

Als Vertreter der SDP saß Böhme am Runden Tisch, wurde Vorsitzender der Ost-SPD und gewann sogar das Vertrauen von Willy Brandt. Als Spitzenkandidat war er auf seinem politischen Höhepunkt und der Erfolg zum Greifen nah, doch es reichte nur für den Fraktionsvorsitz der zweitstärksten Kraft in der Volkskammer, den er jedoch nicht mehr übernehmen konnte. Die Ereignisse überschlugen sich, das "System Böhme" kollabierte: Berichte über seine IM-Tätigkeit häuften sich und die Hinweise verdichteten sich zusehens. Unbekannte Quellen informierten die Medien und der Druck auf Böhme stieg.

Bis zum Dezember des Jahres strauchelte Ibrahim Böhme noch durch die politische Landschaft. Von Tatsachen, aber auch von der Inszenierung ehemaliger Stasimitarbeiter wurde gesprochen. Böhme legte noch im Dezember alle Ämter nieder und wurde 1992 aus der SPD ausgeschlossen. Trotz der erdrückenden Aktenlage dementierte er die Anschuldigungen bis zu seinem Tod - bei seinen ehemaligen Freunden und Wegbegleitern hat sich Manfred Otto "Ibrahim" Böhme nie entschuldigt.

BuchtippChristiane Baumann:
"Manfred 'Ibrahim' Böhme - ein rekonstruierter Lebenslauf"
193 Seiten,
Berlin: Robert-Havemann-Gesellschaft 2009,
ISBN: 978-3-938857-08-3