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Jahrhundertflut 2002: Wasserpalais Schloss Pillnitz Bildrechte: dpa

Historischer RückblickVon Fluten, Helfern und Sandsäcken – Hochwasser in Mitteldeutschland

Stand: 17. August 2022, 13:40 Uhr

Im Juli 2021 hat die Flut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mehr als 180 Menschen in den Tod gerissen und viel zerstört. Auch in Mitteldeutschland hat Hochwasser immer wieder Spuren hinterlassen. Das sogenannte "Jahrhunderthochwasser" jährt sich im August bereits zum 20. Mal. Natürlich hatten die Menschen schon früher mit Wassermassen zu kämpfen. Aber es gab auch zu DDR-Zeiten und kurz nach der Wende erstaunlich gute Pläne für den Hochwasserschutz und Rekordzeiten im Wiederaufbau.

Das Hochwasser im Sommer 2021 offenbarte gravierende Mängel bei den Sirenen. Schon beim Warntag 2020, der erstmals seit der Deutschen Einheit durchgeführt wurde, gab es technische Probleme. Dabei kann gerade bei Hochwasser ein solcher Alarm Menschenleben retten. Der Sirenenalarm hat eine lange Tradition in Deutschland.

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 war im Osten Deutschlands ein Zivilschutz gegründet und gleichzeitig ein flächendeckendes Sirenennetz installiert worden. Wie wichtig solche Warn-Routinen sind, erweist sich immer erst im Katastrophenfall. Auf einige Hochwasserkatastrophen blicken wir zurück.

DDR erlebt Naturkatastrophe

Die Zerstörung war gewaltig - Erinnerungen an das Hochwasser in Bruchstedt 1950. Bildrechte: Heimatstube Bruchstedt

Am 23. Mai 1950 wurde das thüringische Bruchstedt durch eine Flutwelle stark zerstört. Acht Menschen starben dabei, 19 Höfe wurden komplett zerstört, 150 weitere schwer beschädigt. Außerdem ertrank fast das gesamte Vieh in den Wassermassen. Es war die erste Naturkatastrophe in der jungen, erst sieben Monate vorher gegründeten DDR. Umso ehrgeiziger waren die Pläne von SED und Landesregierung. Die Kader beschlossen, das Dorf innerhalb von 50 Tagen wieder aufzubauen. Und das Vorhaben wurde tatsächlich realisiert.

Hilfsbereitschaft in der jungen DDR

Straff organisiert gelang der Wiederaufbau von Bruchstedt nach dem Hochwasser von 1950 in unglaublichen 50 Tagen. Bildrechte: Heimatstube Bruchstedt

Der Wiederaufbau Bruchstedts sollte nach dem Willen der SED zum Symbol für Solidarität und Aufbauwillen der noch jungen Republik werden. Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) stellte Saatgut zur Verfügung, die "Volkssolidarität" schickte Bekleidung, aus dem Solidaritätsfond der DDR wurden Kühe und Schweine für die Bauern bezahlt. Tatsächlich war auch die Zahl der Helfenden riesig: Angestellte aus der Verwaltung, Angehörige der Volkspolizei, Studenten, Bauarbeiter und FDJler kampierten in einem riesigen Zeltlager am Rande des Ortes.

Das Wunder von Bruchstedt

Insgesamt waren in den fünfzig Tagen rund 20.000 Menschen in Bruchstedt im Einsatz. Das gefiel auch der Propaganda: Der Rundfunk der DDR sendete Dutzende Beiträge, die DEFA drehte einen Dokumentarfilm, der noch Jahre später in den Kinos der DDR gezeigt wurde. Arbeiterdichter Willi Bredel schrieb über "das Wunder von Bruchstedt" die erste große Reportage der DDR-Literatur: "50 Tage".

Überschwemmungen in der DDR, Solidarität im Kalten Krieg

Vier Jahre später, im Juli 1954, hatte die sonst 40 Meter breite Mulde in Zwickau ganze vierhundert Meter. Die Innenstadt wurde komplett überflutet, das Wasser stand bis zu 2,10 Meter hoch. Schulen, Kirchen, hunderte alter Häuser und Geschäfte standen unter Wasser. Für die DDR eine Situation, in der sie zeigen konnte, dass ihre Mechanismen greifen: Die Einsätze von Volkspolizei und sowjetischen Streitkräften liefen sofort auf Hochtouren. Mit Booten wurden Menschen gerettet und im Verlauf des Hochwassers auch versorgt, sogar zur Arbeit gebracht.

Die Zwickauer Mulde war bei weitem nicht der einzige Fluss, der so extrem über die Ufer trat. Auch Pleiße, Elbe und Weiße Elster bringen ein Gemisch aus Wasser und Schlamm in die Orte – selbst in die, die weit weg liegen vom Erzgebirge. Südlich von Leipzig, in Groitzsch und Pegau, verschwanden die Felder unter Wasser, zwei Menschen starben. Die Bevölkerung außerhalb der betroffenen Gebiete spendete sofort: Kleidung und Decken, die bei der Volkssolidarität gesammelt und dann in die Überschwemmungsorte gebracht wurden. Ganze LKW-Ladungen kamen mit gespendeten Nahrungsmitteln, damit keiner Hunger leiden musste.

Zur gleichen Zeit erlebte auch das bayerische Passau eine Hochwasserkatastrophe. Im "Neuen Deutschland" wurde ausführlich über die Schäden in Bayern berichtet: 1.500 Quadratkilometer überflutet, 20 Tote, 150 Millionen D-Mark Schaden. Interessant dabei: Die DDR bot dem Nachbarstaat sofort Hilfe an – mitten im Kalten Krieg.

Oder-Hochwasser 1997

Soldaten und Taucher verstärken mit Sandsäcken einen Deich an der Oder bei Hohenwutzen. Bildrechte: dpa

Ungewöhnlich starke Regenfälle hatten Anfang Juli 1997 in Polen und Tschechien Flüsse gefährlich anschwellen lassen. In nur drei Tagen waren die Wasserstände schon nicht mehr messbar. Riesige Gebiete standen unter Wasser – eine Katastrophe, die weit über 100 Menschenleben forderte. Die gewaltigen Wassermassen schoben sich auf der Oder unaufhaltsam Richtung Norden. Am 17. Juli kamen sie in Brandenburg an. Das Oderhochwasser von 1997 war die erste Bewährungsprobe der Deutschen Einheit und schweißte die Nation zusammen. Helfer aus Ost und West kämpften um die Deiche. Freiwillige opferten ihren Urlaub, Spendengelder flossen. Die deutsche Einheit wurde durch Solidarität vollzogen.

Größter Einsatz der Bundeswehr

Erstmals seit der Wiedervereinigung war auch die Bundeswehr in den "neuen Ländern" großflächig im Einsatz: mit 30.000 Soldaten in Brandenburg, 50 Hubschraubern sowie mehr als 2.500 Lkw und Spezialmaschinen. Gemeinsam mit freiwilligen Helfern kämpften die Soldaten verbissen um die Deiche und verbauten 8,5 Millionen Sandsäcke, um sie zu halten. Es wurde der größte Bundeswehr-Einsatz der Geschichte.

Jahrhunderthochwasser 2002

Im August 2002 suchte eine weitere Flutkatastrophe Deutschland, Tschechien und Österreich heim. Das Hochwasser war durch tagelange Regenfälle verursacht worden, forderte mindestens 45 Todesopfer und verursachte Schäden in Höhe von insgesamt etwa 15 Milliarden Euro. Das sogenannte Jahrhunderthochwasser von 2002 verwandelte Dorfstraßen in tosende Schluchten, riss Autos und sogar Häuserzeilen mit sich. Die Elbflut versenkte im Sommer 2002 ganze Städte.

Unheil im Erzgebirge

Während Bayern schon am 6. und 7. August betroffen war, bekam Sachsen die volle Wucht nur wenig später ab. Besonders dramatisch war die Regensituation im mittleren und östlichen Erzgebirge am 12. und 13. August 2002. Die Flüsse Zschopau, Flöha, Zwickauer Mulde, Freiberger Mulde, Gimmlitz, Rote Weißeritz, Wilde Weißeritz und Müglitz schwollen binnen Stunden auf das Mehrfache ihrer Größe an und rissen Brücken mit sich. Straßen wurden unterspült, Häuser überflutet und schwer beschädigt, die Strom- und Telefonversorgung brach zusammen, ganze Dörfer mussten evakuiert werden oder waren von der Außenwelt abgeschnitten. Insgesamt kamen in Sachsen 21 Menschen durch das Hochwasser ums Leben.

Dresden unter Wasser

Jahrhundertflut 2002: Bundeskanzler Gerhard Schröder im sächsischen Katastrophengebiet Bildrechte: imago images/localpic

Dresden war nicht nur durch die erste Welle der Weißeritz vom 12. und 13. August betroffen, sondern auch von der zweiten, noch höheren Welle der Elbe am 16. und 17. August. Der Elbepegel stand am 17. August bei unglaublichen 940 Zentimetern. 25 Quadratkilometer der Stadtfläche Dresdens waren durch die Elbe überschwemmt. In der Innenstadt wurden der Hauptbahnhof, die Semperoper, der Zwinger und der Landtag überflutet. Die Friedrichstadt wurde evakuiert. Grimma wurde vom Hochwasser der Mulde erfasst und schwer zerstört, darunter auch die historische Pöppelmannbrücke. Am 14. August besuchte Bundeskanzler Gerhard Schröder in Gummistiefeln die Stadt. Das soll den Wahlausgang beeinflusst haben. Ausgerechnet diese Naturkatastrophe soll dem Bundeskanzler Stimmen gebracht haben.

Chemie-Katastrophe verhindert

Die Elbe verschonte auch Sachsen-Anhalt nicht. Aus niedrig gelegenen Stadtteilen Dessaus wurden bis zum Abend des 14. August rund 4.600 Menschen in Sicherheit gebracht. Im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen wurde die befürchtete Umweltkatastrophe durch massiven Einsatz von Helfern verhindert. Die Stadt Bitterfeld selbst wurde jedoch zunehmend überflutet. Die Landeshauptstadt kam glimpflicher davon, auch weil südlich von Magdeburg das Pretziener Wehr geöffnet worden war, wodurch die größten Schäden im Stadtgebiet abgewendet werden konnten. Dennoch wurden die östlichen Stadtteile Magdeburgs evakuiert und rund 20.000 Menschen aus der Stadt gebracht. Die erste Flutwelle erreichte Magdeburg zwar, doch der Elbe-Umflutkanal schützte die Stadt

Am 18. August brachen in Sachsen-Anhalt bei Seegrehna und Wittenberg an der Elbe und bei Dessau an der Mulde mehrere Dämme. Im Dessauer Stadtteil Waldersee stand das Wasser ziemlich schnell bis zu zwei Meter hoch. Am 19. August spitzte sich die Lage an der Autobahn 9 zu, jedoch konnte eine einspurige Verkehrsführung sichergestellt werden. Die Wassermassen flossen schneller als erwartet nach Norden.

Hochwasser-Schäden in Norddeutschland

Auch wenn das Hochwasser 2002 Mitteldeutschland weitaus härter trifft, richtet es auch in norddeutschen Städten, wie hier in Hitzacker in Niedersachsen, große Schäden an. Bildrechte: IMAGO / fossiphoto

Mehrere Kreise in den nördlichen Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, darunter Lüneburg und Lüchow-Dannenberg, lösten bereits am 18. August Katastrophenalarm aus. Einsatzkräfte waren in Alarmbereitschaft. Drei Tage später erreichte die Flut die ersten Orte in Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings waren die Folgen des Hochwassers im Norden nicht so verheerend wie in Mitteldeutschland. Einige Elbdörfer mussten evakuiert werden. In weitestgehend ungeschützten Orten wie der Altstadt von Hitzacker richteten die Fluten ebenfalls große Schäden an. Die Elbe-Großstadt Hamburg hingegen blieb vom Hochwasser verschont.

Das teuerste Hochwasser der Geschichte

Nach dem Elbehochwasser zogen die Behörden eine verheerende Bilanz: Der Gesamtschaden belief sich auf 11,6 Milliarden Euro. Allein in Sachsen verursachten die Wassermassen eine Schadensumme von insgesamt 8,6 Milliarden Euro. Umgehend stellten Bund, Länder, Kommunen und die EU etwa 10 Milliarden Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung. Hinzu kamen zahlreiche private Spenden. Die Elbeflut von 2002 ist die bisher teuerste Naturkatastrophe in der deutschen Geschichte.

Neue Schutzmaßnahmen für die Zukunft

Um eine erneuete Flutkatastrophe zu verhindern, wurden in vielen Bundesländern schon bald Schutzmaßnahmen gegen Hochwasser eingeleitet: Deiche wurden ausgebessert oder erneuert, Mauern und Rückhaltebecken errichtet und Meldesysteme eingerichtet. Doch Prognosen zum Klimawandel rechnen zukünftig mit einer Zunahme von Extremwetterereignissen wie Hochwasser. Daher bemängeln Umweltschutzorganisationen wie BUND, dass die nach 2002 umgesetzten Maßnahmen nicht helfen würden, künftigen Überschwemmungen effektiv vorzubeugen.

Dass Hochwasser weiterhin eine reale Gefahr für viele Menschen in Deutschland darstellen, davon zeugen unter anderem das Elbehochwasser von 2013 und die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021, von der erneut auch Teile Mitteldeutschlands betroffen waren.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Unsere Elbe | 17. Februar 2022 | 19:50 Uhr