Zusammenhalt in der Zeit des Wiederaufbaus Hochwasser 1954: Solidarität in Nachkriegszeiten

Juli 1954: Die sonst 40 Meter breite Mulde in Zwickau misst am 9. Juli ganze vierhundert Meter. Während im Osten die Flüsse auch andernorts über die Ufer treten, ist im Westen bereits Land unter. Passau erlebt eine Hochwasserkatastrophe. Doch trotzdem helfen sich die Menschen. Und dass, obwohl sich DDR und BRD mitten in den Nachkriegsjahren befinden.

Verheerende Regenfälle bringen Hochwasser

Im Juli 1954 traf vom Süden kommend eine sogenannte Vb-Wetterlage auf die DDR: Das Besondere an diesen Vb-Wetterlagen ist, dass sie mit größeren Niederschlagsmengen verbunden sind. Denn auf der Vorderseite des Tiefs wird warme, feuchte Mittelmeerluft angesaugt und die trifft dann auf die kalte Polarluft auf der Tiefrückseite. An der Grenze dieser beiden Luftmassen kommt es oft zur Bildung stärkerer Niederschläge. Diese werden durch den Anstau an Gebirgen - wie zum Beispiel dem Erzgebirge - noch verstärkt.

Die Stadt Zwickau trifft es besonders schwer: Die Mulde, sonst 40 Meter breit, war am 09. Juli ganze vierhundert Meter breit. Die Innenstadt wird komplett überflutet, das Wasser steht bis zu 2,10 Meter hoch. Schulen, Kirchen, hunderte alter Häuser und Geschäfte stehen unter Wasser. Für die DDR eine Situation, in der sie zeigen kann, dass ihre Mechanismen greifen: Die Einsätze von Volkspolizei und sowjetischen Streitkräften laufen sofort auf Hochtouren. Mit Booten werden Menschen gerettet und im Verlauf des Hochwassers auch versorgt, zur Arbeit gebracht.

Überschwemmungen in weiteren Teilen der DDR

Die Zwickauer Mulde ist bei weitem nicht der einzige Fluss, der so extrem über die Ufer tritt. Auch Pleiße, Elbe und Weiße Elster bringen ein Gemisch aus Wasser und Schlamm in die Orte – selbst in die, die weit weg liegen vom Erzgebirge. Südlich von Leipzig, in Groitzsch und Pegau verschwinden die Felder.

Der 19jährige Erich Taubert ist am 09. Juli 1954 mit Freunden beim Tanzen in Groitzsch. Er wird von der Tanzfläche abrupt nach Hause geschickt, von der Feuerwehr. "Wir waren schockiert: in einer Stunde würde eine Flutwelle die Überquerung der Straße unmöglich machen – das konnten wir uns nicht vorstellen. Aber sie hatten Recht behalten - die Elsteraue wurde zu einer Seenlandschaft", erinnert er sich später.

Ganz in der Nähe, im Ort Wiederau, befindet sich damals der Sendemast für die Ausstrahlung des Senders "DDR Radio 1". "Bei uns in Groitzsch wurde durch Lautsprecher aufgerufen, die Männer sollen helfen den Sender zu retten. Ich bin mit meinem Freund mit LKW hin und wir haben die ganze Nacht versucht, mit Sandsäcken den Damm zu retten", so Taubert. Mit einfachsten Mitteln soll eine Überflutung des Senders verhindert werden. "Aber wir haben irgendwann gesehen, dass der Damm total aufgeweicht war, die Gefahr war groß, dass er bricht. Wir freiwilligen zivilen Helfer wurden dann dort abgezogen." Dennoch waren sie erfolgreich: zwar drang Wasser ein, aber der Sendebetrieb konnte aufrechterhalten werden.

Solidarität in hohem Maße

Am 11. Juli 1954 berichtet die Zeitung "Neues Deutschland" von einem Rückgang des Hochwassers:

In den Oberläufen der Mulde, der Elster, ihrer Nebenflüsse und den Nebenflüssen der Elbe ist nach Mitteilung der Zentralen Hochwasserkommission ein Absinken des Wasserspiegels festzustellen. […] Durch die vorbeugenden Maßnahmen konnte überall verhindert werden, dass Menschen leben, Vieh und wertvolle Materialien den Wassermassen zum Opfer fallen. Dies ist vor allem dem guten Zusammenwirken der Bevölkerung mit den Einheiten der Volkspolizei und der Sowjetarmee zu verdanken.

Doch ohne die Bevölkerung wäre das Hochwasser nicht so glimpflich ausgegangen. Denn die Menschen außerhalb der betroffenen Gebiete spenden sofort: Kleidung und Decken, die bei der Volkssolidarität gesammelt und dann in die Überschwemmungsorte gebracht werden. Ganze LKW-Ladungen kommen mit gespendeten Nahrungsmitteln, damit keiner Hunger leidet. Und die Betroffenen schleppen Sandsäcke, schippen Wasser bis zum Umfallen. Auch nach dem Hochwasser werden die Orte durch viele Freiwillige von Schlamm und Unrat befreit. Zwei Tote meldete die DDR durch das Hochwasser – zwei Menschen, die bei Rettungsaktionen ums Leben kamen.

Hochwasser trifft Bayern noch schwerer

Die Regenmassen treffen nicht nur aufs Erzgebirge - auch an den Alpen stauen sich die Regenwolken und bringen tagelang schwere Niederschläge. Am 8. Juli 1954 bricht über die Stadt Passau eine Hochwasserkatastrophe herein. Ein harter Schicksalsschlag für das Passauer Handwerk: Rund ein Viertel der Betriebe befindet sich in dem vom Hochwasser überfluteten Gebiet. Die Wassermassen sind so schnell über die Drei-Flüsse-Stadt hereingebrochen, daß viele Maschinen und Vorräte nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit geschafft werden können. Frische Semmeln und Brezeln werden in Passau plötzlich Mangelware: In den drei wichtigsten Bäckereien kann nicht gearbeitet werden.

Im Neuen Deutschland wird ausführlich über die Schäden in Bayern berichtet: 1.500 Quadratkilometer überflutet, 150 Millionen DM Schaden. 20 Tote. Interessant dabei: die DDR bietet dem Nachbarstaat mitten im Kalten Krieg Hilfe an:

Sofort nach dem Eintreffen der ersten Meldungen über die Hochwasserkatastrophe in Süddeutschland hat der Zentralausschuss des Deutschen Roten Kreuzes in der DDR Maßnahmen beraten, um westdeutsche Rettungsorgane in ihrer Arbeit zu unterstützen. [… ] In einem Antworttelegram hat das westdeutsche Rote Kreuz seinen Dank für die Hilfsbereitschaft ausgesprochen und mitgeteilt, dass gegenwärtig seine eigenen Kräfte noch ausreichend seien.

Neues Deutschland Sonntag, 11. Juli 1954

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 2 | 03. Juli 2020 | 14 Uhr