Schwierig bis unmögliche Aufarbeitung DDR-Zwangsadoption: Sieben aufgeklärte und nachgewiesene Fälle

Fälle von politisch motivierter Adoption nachzuweisen ist schwierig bis unmöglich. Forschungsstand 2021: Sieben nachgewiesene Fälle. Der Rest: unklar. Betroffene, die sich in Interessengemeinschaften zusammen geschlossen haben, sprechen von mehreren tausenden Eltern, die bis heute ihre Kinder suchen. Eine wissenschaftliche Studie soll weitere Klarheiten bringen. Doch auch hier gibt es Hürden. So ist zwar der Zugang zu Adoptionsakten zu Forschungszwecken im April 2021 gesetzlich erleichtert worden. Doch eine Garantie, die Akten einsehen zu dürfen, ist das nicht.

Bei einer Kundgebung für die Opfer von Zwangsadoptionen der DDR, 2014 hält ein Mann ein Plakat mit der Aufschrift 'Wo sind unsere Kinder?' hoch.
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Wissenschaftlicher Forschungsstand

Die Aufklärung zu politisch motivierter Adoption in der DDR ist lückenhaft. Forschungsstand 2021 ist: Es konnten bislang sieben Fälle nachgewiesen werden, bei denen es sich um Zwangsadoptionen handelt. Pionierarbeit in diesem Bereich hat die Juristin Marie-Luise Warnecke geleistet, die 2009 in ihrer Grundlagenforschung diese Fälle analysiert und rekonstruiert hat.

Andreas Laake, Initiator der "Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR" spricht von einer weitaus höheren Zahl. "Wir haben hier 1.500 Mitglieder und eine Vielzahl mehr Menschen, die bei uns anrufen und den Verdacht hegen, ihr Kind sei zwangsadoptiert worden", sagt der Leipziger. "Und ich möchte dabei betonen, dass wir nicht sagen, dass tausende Kinder zwangsadoptiert wurden. Sondern wir sagen, tausende Eltern haben Fragen zum Verbleib ihrer Kinder."

Andreas Laake kniet 2014 vor einer neuen Schau über DDR-Zwangsadoptionen vor dem ehemaligen DDR-Gefängnis Zuchthaus Cottbus.
Andreas Laake vor der Gedenkstätte "Zuchthaus Cottbus", einem ehemaligen DDR-Gefängnis. Bildrechte: dpa

Die Aufarbeitung politisch motivierter Adoptionen ist in denjenigen Ländern erfolgreich bestritten worden, in denen ein bewusster Aufarbeitungswille seitens der Politik [vorhanden war].

Vorstudie zu politisch motivierter Adoption, 2018 S. 30

Um genau an dieser Stelle weitere Aufklärungs- und Forschungsarbeit zu leisten, hat die Bundesregierung nun Fördergelder von einer Million Euro für eine Hauptstudie bewilligt. Bereits 2018 ist vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) eine Vor- und Machbarkeitsstudie veröffentlicht worden. Hierin ist neben dem aktuellen Forschungsstand auch auf die Schwierigkeiten bei der Aufklärung für politisch motivierte Adoptionen hingewiesen worden.

Warum ist es so schwer, Zwangsadoption nachzuweisen?

Staatlich motivierte Adoptionen nachzuweisen ist deshalb schwierig, weil die Aktenlage unklar und undurchsichtig ist. Zugang zu den Adoptionsakten war bislang Forschern - und in Teilen auch Betroffenen - nicht oder nur sehr schwer möglich, da diese 60 Jahre geschlossen sind. In der Vorstudie wird daher darauf hingewiesen, dass ein außerordentliches Verfahren zur Akteneinsicht etabliert werden müsse.

Am 22. April 2021 hat die Novelle des Kinder- und Jugendschutzgesetzes den Bundestag passiert. Darin enthalten war auch eine Gesetzesänderung, die Akteneinsicht für die Aufarbeitung von Zwangsadoptionen in der DDR ermöglicht. Der Aktenzugang zu Forschungszwecken im Rahmen der Hauptstudie wurde in diesem Rahmen gelockert bzw. ermöglicht.

Agnés Arp, Histprikerin an der Uni Jena.
Agnés Arp, Histprikerin an der Universitätsklinik Jena Bildrechte: Uniklinikum Jena

Agnés Arp, Historikerin an der Uni Jena, hat allerdings Bedenken: "Deutschland ist ein Föderalstaat. Jedes Bundesland hat seine eigenen Regularien. Ich fürchte, dass die Hüter der Adoptionsakten, nämlich die Adoptionsvermittler in den jeweiligen Jugendämtern über einen gewissen Handlungsspielraum verfügen", sagt Arp, die bereits 2018 an der Vorstudie mitwirkte. "Es wird ein Verhandlungsprozess werden an dieser Stelle. Das wird vermutlich die größte Hürde der Hauptstudie, an die Akten ranzukommen."