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DDR-ArchitekturDer Baumeister Ulrich Müther

Stand: 16. Januar 2009, 09:43 Uhr

Mit DDR-Architektur verbindet man gemeinhin seelenlose Satellitenstädte und Plattenbauten. Doch auch im Land der Einheitsfassaden gab es Architekten, die andere Vorstellungen von modernem Bauen hatten.

Ulrich Müther in seinem Wohnort Binz (1934 - 2007) Bildrechte: dpa

Einer von ihnen war der Baumeister Ulrich Müther. Müther entwarf die Prestigebauten des Sozialismus. Gebäude, die sich schmetterlingsleicht und beinahe schwerelos ausnehmen – Gaststätten, Musikpavillons, Eisdielen, Haltestellenhäuschen, Sporthallen, Planetarien. Seine Bauten sollten Abwechslung in die trostlosen Plattenbausiedlungen bringen.

Müthers Markenzeichen waren kühne Dachkonstruktionen, die jedermann in der DDR kannte. Müther faltete den Beton, legte ihn wie Samt aus oder hisste ihn wie Segel gegen den Wind. Als Vorbild diente ihm dabei die Natur: Als Kind hatte er mit Muscheln am Ostseestrand gespielt und war fasziniert von ihrer dünnen, doch enorm belastbaren Schale. So wollte er einmal bauen. Und tatsächlich trieb er seine phantastischen "Beton-Schalentragwerke" zur Perfektion - und das in einem Land, in dem die rechtwinklige "Platte" das Ende aller architektonischen Träume sein sollte.

Müthers Architektur wird briefmarkenreif

Sich gegen Widerstände zu behaupten, hatte der am 21. Juli 1934 in Binz auf Rügen geborene Müther früh lernen müssen. Da sein Vater Architekt und Unternehmer war, wurde ihm das Abitur verweigert. Müther wurde zunächst Zimmermann, studierte anschließend Bauingenieurwesen in Neustrelitz und trat 1958 als technischer Leiter in das mittlerweile verstaatlichte Familienunternehmen ein. Nach Feierabend tüftelte er an seinen Dachkonstruktionen aus Spannbeton und bekam Mitte der 1960er-Jahre erste Aufträge. Müther entwarf den "Teepott" in Warnemünde, den "Musikpavillon" in Saßnitz, den "Ufer-Pavillon" in Potsdam, das Wurzelwerk des Berliner Fernsehturms. Das so genannte "Ahornblatt" auf der Berliner Fischerinsel, das als gesellschaftliches Zentrum für das mit Hochhäusern in Plattenbauweise neu gestaltete Wohngebiet fungierte, wurde 1973 sogar auf einer Briefmarke abgebildet.

Tauschgeschäft: Müther-Bauten gegen VW-Golf

Im ehemaligen Binzer Rettungsturm kann man seit 2006 heiraten. Bildrechte: MDR/Birgit Schulze

Die Resistenz gegen das uniformierte Bauen in der DDR bescherte dem "Landbaumeister aus Rügen", wie Müther sich selbst bezeichnete, zu keiner Zeit Probleme mit der Obrigkeit, ganz im Gegenteil. Die Satellitenstädte brauchten markante Zentren – Wohngebietsgaststätten oder Schwimmhallen – oder das eine und andere auflockernde Gebäude, ein Haltestellenhäuschen etwa oder einen Kiosk. "Für den Schwung in den Plattenbausiedlungen war ich zuständig", sagte Müther einmal. Und so entwarf er bis 1989 etwa fünfzig Gebäude mit den markanten Dachkonstruktionen, die heftig aus dem architektonischen Einerlei herausragten. Und da die DDR Devisen brauchte, ließ sie ihren unangepassten Baumeister in aller Welt seine Pläne verwirklichen – in Jordanien, Kolumbien, Kuwait und Finnland. Mitte der 1980er Jahre baute Müther in Wolfsburg ein Planetarium, und die DDR bekam dafür 10.000 VW Golf.

Müthers Bauten nach 1989: Abriss und Verfall

Mit dem Ende der DDR wurde es für Ulrich Müther schwer, sich zu behaupten. Seine Konstruktionen waren zwar Material sparend, aber sehr arbeitsintensiv. Und anders als in der DDR kostete Material jetzt fast nichts mehr, dafür waren Arbeitskräfte teuer. Müther entwarf noch eine Tankstelle in Schwerin, eine Kirche in Hannover und Radrennbahnen in Cottbus und Eisenhüttenstadt - und das war's. Doch was ihn am meisten schmerzte: Viele seiner alten Bauten wurden dem Verfall preisgegeben oder - wie das berühmte "Ahornblatt" auf der Berliner Fischerinsel - einfach abgerissen, um Platz für ein seelenloses Einkaufszentrum zu schaffen.

Ulrich Müther, der längst als ein Klassiker der modernen Architektur gilt, starb im August 2007 in seiner Heimatstadt Binz auf der Insel Rügen.