Einsatz in Mexiko: "Blaumeise 3" hört!

Und dann hatten es die Ingenieure aus Köpenick geschafft: Mit dem eigens entwickelten URTES-Netz (UHF-Radio-Telefonie-System) und mehreren sogenannten Teilnehmerstationen traten sie die Reise ins entfernte Mexiko an - im Gepäck das erste in der DDR entwickelte Netz für mobiles Telefonieren. Auf eines waren sie jedoch nicht vorbereitet:

Wir waren vorbereitet, unsere Anlagen an Häuser zu anzubauen. Als wir dahin kamen, fanden wir Lehmhütten vor, wo keine Schraube hielt. Es gab keine festen Straßen zu den einzelnen Dörfern, manchmal mussten wir auf Trampelpfaden mit Jeeps entlang fahren, manchmal mussten wir unser Material mit Eseln transportieren.

Günther Neeße, ehemaliger Ingenieur Funkwerke Köpenick

Die Geräte selbst hatten ein Gewicht von zehn Kilogramm, eine Sendeleistung von zehn Watt und eine Reichweite von 40 Kilometern. Da aber nur 120 dieser Stationen in einem Netz arbeiten konnten, wurden sie meist bei den Bürgermeistern der Dörfer installiert. Privatanschlüsse waren ohnehin nicht vorgesehen, sie sollten vor allem in Notfällen eingesetzt werden. Eine Basisstation wurde zentral auf einem Berg eingerichtet, von dem aus die Telefonate per Richtfunk in das normale Telefonnetz eingespeist wurden. So wurden Telefonate aus den entlegensten Winkeln, ohne jeden Qualitätsverlust möglich, doch die Begeisterung der Landbevölkerung hielt sich in Grenzen:

Die Menschen lebten ja fast wie in der Steinzeit und wurden nun konfrontiert mit High-Tech-Anlagen, Telefon, Solarstromversorgung, die haben gestaunt. Und sie haben mit dem Kopf geschüttelt. Sie wollten lieber Wasser und Straßen haben.

Gottfried Schuppang, ehemaliger leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Das Netz und die Geräte wurden erfolgreich in Betrieb genommen, sodass die Ingenieure um Gottfried Schuppang bis es zum Staatsbesuch ein paar Tage in Acapulco verbringen konnten. Als am Rande des Aufenthalts ein mexikanischer Gouverneur fragte, ob er auch ein mobiles Gerät für das Auto haben könnte, wurde sozusagen nebenbei das erste Mobiltelefon aus der DDR geboren.

"Blaumeise 3" wird Exportschlager

Die Vorstellung während des Staatsbesuches war ein Erfolg. Sofort kauften weitere Bundesstaaten das System. Exportiert wurden das URTES-Netz und "Blaumeise 3" aber auch nach Algerien und Mosambik. Die harte Arbeit von Gottfried Schuppang und seinen Männern hatte sich gelohnt:

Wir sind stolz auf das Ergebnis unserer Arbeit,  ich glaube, wir haben gezeigt, dass es in der DDR auch innovative Ingenieure gab.

Gottfried Schuppang, ehemaliger leitender Entwicklungsingenieur Funkwerke Köpenick

Schuppangs bahnbrechende Entwicklung sollte jedoch in der DDR, dem Land mit einer chronischen Unterversorgung an Telefonanschlüssen, vorerst nicht eingesetzt werden. Zu groß schätzte man den Aufwand ein, den man für die Überwachung der Netze hätte betreiben müssen. Erst nach der Wende durften die Funkwerker aus Köpenick ihr Netz auch nochmal in Berlin zum Einsatz bringen, als man mit der Installation von Anschlüssen für Gewerbetreibende nicht mehr hinterher kam.

Über dieses Thema berichtet der MDR im TV: MDR Zeitreise | 15.09.2019 | 22.30 Uhr