Zwischen Andrang und Entrüstung Die ersten Sexshops in der DDR

Noch vor der Einführung der D-Mark und vor der Wiedervereinigung öffnen in der DDR die ersten Sexshops. In kleinsten Läden oder ehemaligen Wohnungen herrscht größter Andrang. Die Menschen interessieren sich für alles. Doch die Goldgräberstimmung hält nicht lange an.

Am 15. Juni 1990 eröffnet in Leipzig der erste Sexshop der DDR. Das äußere Ambiente ist eher bescheiden. Der Laden befindet sich im Erdgeschoss eines für DDR-Verhältnisse typisch graubraunen Hauses, an dem der Zahn der Zeit genagt hat. Umso auffälliger ist die weiß gemalerte Fläche über dem Eingang an der Ecke. Mit schwarzer Schrift steht dort "Novum-Markt". Den Zusatz "Erotik" mussten die neuen Betreiber wieder überstreichen.

Noch bis in die Nacht vor der Eröffnung bangen sie, ob die Stadt die letzten noch ausstehenden Genehmigungen erteilt. In der Noch-DDR ist die Rechtslage nämlich klar. Es gilt der Pornografie-Paragraf 125, wonach der Besitz von Pornografie zwar nicht verboten ist, aber die Verbreitung mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Werden die Behörden dieses Gesetz noch anwenden?

Geduldiges Anstehen und neugieriges Gedränge

Nein, von dem Gesetz machen die Behörden in ihrer nächtlichen Sitzung keinen Gebrauch. Um 8:53 Uhr - ein Reporter hält das Geschehen an diesem Morgen an der Ecke Elsbeth-/Reginenstraße minutiös in einem Tagebuch fest - hängt Betreiber Detlef Thalmann ein kleines Schild "NEU - jetzt offen" an die Ladentür. Zu diesem Zeitpunkt haben sich bereits 20 Männer, viele in blauen Arbeitsanzügen, und vier Fotografen eingefunden. Auch die anderen drei Straßenecken sind von interessiert dreinblickenden Männern besetzt. Immer mehr Männer und Journalisten treffen ein.

Im Laden dann ein neugieriges Gedränge. "Wir wollen doch nur mal schauen, uns einen Überblick verschaffen", ist zu hören und auch - wie damals allenthalben üblich: "40 Jahre haben sie uns das vorenthalten." Das Geschäft betreiben zwei ehemalige Angestellte der Leipziger Straßenbahn - noch vor der Einführung der D-Mark und vor der Wiedervereinigung und zusammen mit einem Partner aus dem Westen - das ist zu dieser Zeit ein weit verbreitetes Geschäftsmodell. Der Andrang in den ersten Monaten ist groß, die Umsätze sind gigantisch.

Eltern fordern Schließung

Aber es regt sich auch Widerstand. Vor dem Sexshop demonstrieren kurz nach der Eröffnung Eltern mit ihren Kindern. Weil das Geschäft in der Nähe mehrerer Schulen liegt, fordern sie die Schließung. Die Demonstranten haben Angst, dass der Laden schlechten Einfluss auf ihre Kinder haben könnte, und kritisieren, dass dem "schnellen Reibach" alles untergeordnet werde.

Sex sells - auch in Dessau

Doch das Geschäft mit Sexspielzeug, Reizwäsche und Videokassetten läuft. Auch Sybille und Frank Wischgoll aus Dessau erkennen die Marktlücke. Für die beiden - Biologin und Waggonbauer - ist der Sexshop Mittel zum Zweck. Für ihren Traum von der Selbstständigkeit mit einem Fitnessstudio benötigen sie Startkapital. Berührungsängste mit Erotikartikeln haben sie nicht, waren sie doch bereits mehrere Jahre mit erotischen Bühnenshows in der DDR unterwegs. Sybille Wischgoll erinnert sich an die Anfänge:

Es war wirklich so, dass die Massen geströmt sind. Wir konnten immer nur wenige einlassen ... Die Leute waren an Allem interessiert. Wir mussten zum Teil die Kasse zwischendurch leeren und das Geld wegschaffen.

Sybille Wischgoll "Sex Shop DDR" - Wildwest nach der Wende (1/2)

Die beiden Dessauer verstehen ihren Sexshop als normales Geschäft, Marktwirtschaft eben. Doch die bringt bis dahin ungekannte Probleme mit sich. Mit der Wiedervereinigung werden viele Immobilien in den neuen Bundesländern rückübertragen. Auch das Gewerbeobjekt mit dem Sexshop der Wischgolls geht aus der kommunalen Verwaltung in die Hände der ursprünglichen Besitzerin in den alten Bundesländern zurück. Sybille und Frank Wischgoll kämpfen, denn die Alteigentümerin will den Mietvertrag für den Erotikladen kündigen. Das Ehepaar gewinnt - und hat nach fünf Jahren genug Geld verdient, um ein eigenes Fitnessstudio aufzubauen.

Als wir 1995 den Laden dann verkauft haben, weil wir das Eigenkapital für unser Projekt Fitnessstudio zusammen hatten, waren wir sehr zufrieden. Und rückblickend kann man auch sagen, dass wir es nie bereut haben, Pioniere der Erotik in Dessau gewesen zu sein.

Frank Wischgoll "Sex Shop DDR" - Wildwest nach der Wende (1/2)

Goldgräberstimmung auf kleinster Fläche

Auf den Zug mit dem Sex-Geschäft in Ostdeutschland springt auch Andreas Schwarzbach aus Magdeburg auf. Der Schwermaschinenbau-Ingenieur ist 1990 bereits arbeitslos. Seine Ehefrau und die Eltern sind zwar nicht von seiner Idee, Anfang Dezember 1990 einen Sexshop aufzumachen, begeistert, lassen ihn aber gewähren. Widerstand gibt es dennoch. Bevor Schwarzbach seinen Laden aufmachen kann, muss er ihn erneut renovieren. In einer der Etagen über dem geplanten Laden wird der Wasserhahn aufgedreht ... Trotz der Verzögerung lohnt sich der Einsatz auch für den Magdeburger noch:

Es war mächtig voll. Diese Gewerberäume sind 48 Quadratmeter groß gewesen, auch sehr verwinkelt und unübersichtlich, eine ehemalige Wohnung halt. Und das konnte nur zu dem Zeitpunkt funktionieren.

Andreas Schwarzbach "Sex Shop DDR" - Wildwest nach der Wende (1/2)

Die großen Ketten übernehmen

Bald geht das Modell nicht mehr auf, einen Miniladen oder gar die eigene Wohnung zum Sexshop zu machen. Die großen Geschäfte in der Erotikbranche werden 1990 und kurz danach gemacht. Dann setzen sich westliche Standards durch, große Ketten wie Beate Uhse eröffnen auch in den ostdeutschen Bundesländern ihre Filialen. Wer nicht expandiert oder sich spezialisiert, bleibt auf der Strecke. Warenpräsentation und Werbung werden immer wichtiger, um die Nachfrage zu erhöhen. Und nur wenige Jahre später können Erotikartikel und Pornografie in der Anonymität des Internets bestellt und konsumiert werden.

Auch Leipzigs erster Sexshop schließt noch in den 1990er-Jahren. Die Wischgolls in Dessau wechseln in die Fitnessbranche und Andreas Schwarzbach betreibt noch heute ein Erotikgeschäft in Magdeburg - allerdings unter dem Label "Beate Uhse".

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Doku | 23.02.2021 | 22:05 Uhr