Opposition und Widerstand | Unterthema Kirche Lehrerinformation zum Thema

Kirche in der DDR? Man denkt vielleicht an die Montags-Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche 1989, hat auch etwas von Pfarrern wie Eppelmann, Schorlemmer oder Führer gehört. Ab und an gehen noch Meldungen durch die Medien über aufgedeckte IMs aus Kirchenkreisen, aber damit erschöpft sich das Thema meist. Außerdem erscheint besonders die Evangelische Kirche im Osten heute geschwächter als 1989 – die Mitgliederzahl nimmt nämlich weiter ab, und die (zu DDR-Zeiten gewährte) Hilfe der West-EKD bleibt nun aus. Der Baustein will in diese Materie einführen, die Rolle der Kirche(n) beleuchten und zu weitergehenden Fragen überleiten.

Die Bearbeitung der hier bereitgestellten Materialien soll Anregungen geben, zum eigenen Forschen anregen und durch die Anstöße der gewählten Videos eine mentale Anbindung zum Thema gewährleisten. Zu beachten ist sicherlich die aktuelle Anbindung der Lerngruppe an kirchliche Fragen – eine stark katholisch oder stark muslimisch geprägte Klientel muss natürlich entsprechend differenziert eingeführt werden. Unter Umständen ist (bei allgemeiner Kirchenferne der Lerngruppe) auch Kirche allgemein und in ihrer Begrifflichkeit (Gottesdienst, Sakramente etc.) erst zu definieren.

Bei der Darstellung muss inhaltlich das Doppelgesicht der Kirche herausgearbeitet werden. Man sollte sich hierbei auf die evangelische Kirche konzentrieren, da die Katholiken in ihrer "doppelten Diaspora" (Wolle 1999, S.248) prozentual unerheblich waren. Außerdem kamen die "großen Köpfe" der Wendezeit aus der protestantischen Ecke, man denke nur an Eppelmann, Schorlemmer oder Führer. Manfred Stolpe wird hier bewusst nicht eingereiht, sein (aus Funktionärssicht wohl verständliches) Bemühen um Unauffälligkeit bzw. "Schadensbegrenzung" (vgl. den Fall Brüsewitz, siehe Wolle 1999, S.252) zeugte eher nicht von starker Widerständigkeit bzw. nicht von einer Eingrenzung der Loyalität zur DDR.

Die Materialien/Videos zeigen die Spanne zwischen der vom Staat erhofften loyalen bzw. "domestizierten Kirchenleitung" (Wolle 1999, S.254) und dem "widerständigen" (Zitat Pfarrer Schilling aus June 78 in Rudolstadt ) Geist vieler Protestanten bzw. Pfarrer.

Die  Frage des methodischen Zugangs ist variabel zu wählen, in jedem Fall sollte aber eine fokussierende Eingangsphase und eine abschließende Sammelphase eingeplant werden. (Alternative: Aufteilung der Videos und ihrer Impulse auf Hausarbeit- oder Referatgruppen, die Auswertung erfolgt dann wieder im Unterricht.) Erkenntnisziel muss ein gewisser Eindruck vom Doppelgesicht der Kirche zwischen Anpassung und Widerstand sein, mit Erarbeitung entsprechender Beispiele.

Zur allgemeinen Lage der Kirche gegen Ende der DDR bieten sich die Videos 1 & 2 (Kirchentag 1987 in Berlin, Gottes Macht – unsere Hoffnung (Dresden 1987)) an. Die in der "Aktuellen Kamera" gesendeten Sequenzen beweisen eine gewisse Verflechtung von Staat und Kirche. Das Staatsfernsehen berichtet recht freundlich-neutral über kirchliche Ereignisse – und kann dafür Kirchenvertreter zitieren, die wie Generalsuperintendent Krusche davon sprechen, dass Christen in der DDR sich "auf die Wirklichkeit der sozialistischen Gesellschaft" einlassen (siehe Kirchentag 1987 in Berlin).

In diesem Spannungsfeld der Gratwanderung zwischen Anpassung und Eigenständig- bzw. Widerständigkeit bieten die Videos 3 bis 7 weitere Gesprächsanlässe und Denkanstöße. Seelsorger mit politischem Schwung (Video 3) zeigt den Pfarrer (und späteren Bischof) Axel Noack, der in interessanter Weise den politischen Auftrag seiner Kirche definiert und konkrete Aktionen in seiner Gemeinde für 1989 schildert. Wer ist Christian Führer (Video 4) und Friedensgebete: Die Macht der Ohnmächtigen (Video 5) illustriert besonders die Ereignisse um die Leipziger Nikolaikirche im Oktober 1989, aber auch die grundsätzliche Einstellung von Pfarrer Führer zu gesellschaftlicher Verantwortung im Christentum.

Offene Fragen hinterlassen in gewisser Weise die Videos 6 & 7 (June 78 in Rudolstadt, Vorauseilende Selbstzensur), welche die Gratwanderung der "Kirche im Sozialismus" andeuten. Pfarrer Schilling erinnert sich (fast nostalgisch) an die Ende der 70er-Jahre abgehaltenen "Bluesmessen", die im Gefolge der Offenen Jugendarbeit entstanden. Er reflektiert auch seine "widerständige" Haltung, welche die DDR andererseits gar nicht grundsätzlich abgelehnt habe. Das Thema Selbstzensur ("um des lieben Friedens willen") spricht ein evangelischer Zeitzeuge (Ladwig, Vorauseilende Selbstzensur) zum Umfeld des Kirchentages 1987 an. Die bei ihm anklingende "Güterabwägung" führte natürlich in letzter Konsequenz auch zu Kirchenfunktionären, die allzu enge Kontakte zum Regime pflegten, Konflikte im vorhinein entschärften – oder sogar als IMs der Stasi dienten.

Die Arbeitsaufträge sind für eine selbstständige (Gruppen-)Arbeit ausgelegt, viele Aufgaben lassen sich aber auch über ein materialbezogenes Unterrichtsgespräch oder per Hausaufgabe erschließen.