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Zeitzeugin aus der MDR-Doku "1989 - Aufbruch ins Ungewisse"Kerstin Pawelke

Stand: 03. März 2020, 11:43 Uhr

Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 ist Kerstin Pawelke Wahlhelferin. Als sie mitbekommt, dass die Zahlen manipuliert werden, protestiert sie.

Im Frühjahr 1989 arbeitet Kerstin Pawelke, die damals noch Hartmann hieß, als Ökonomin in der Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft in der Bezirksdirektion Halle. Sie ist zufrieden mit ihrer Situation. "Es hat mir nicht gefehlt, dass ich nicht reisen konnte. Und es war ja normal, dass wir alle zehn Jahre auf einen Trabi gewartet haben. Da habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht. Da sind ja keine Bedürfnisse geweckt worden, weil es ja sowieso nicht ging", beschreibt Kerstin Pawelke ihre Haltung damals.

Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 wird die damals 30-Jährige von ihrer Dienststelle als offizielle Wahlhelferin gestellt. Die DDR-Bürger sind aufgerufen, die Kandidaten der Nationalen Front zu wählen. Eine Abstimmung über einzelne Wahlvorschläge ist dabei nicht möglich, es kann nur über die gesamte Liste mit Ja oder Nein abgestimmt werden. Die junge Hallenserin sitzt in einem Büro im Rathaus und bekommt stündlich Meldungen aus einem Wahlbüro und muss auf einem vorgefertigten Zettel aufschreiben, wie viele Stimmen abgegeben wurden. Diese Zettel werden in regelmäßigen Abständen eingesammelt und anschließend zurückgebracht, damit die nächsten aktuellen Meldungen notiert werden können.

"Falsche Zahlen nicht mit mir!"

"Ich hab das ordentlich gemacht", ist Kerstin Pawelke überzeugt. Als sie gegen Ende der Wahl diese Liste zurückbekommt, stutzt sie. "Das waren nicht mehr meine Zahlen, die da weiter gereicht werden sollten. So und soviel Gegenstimmen waren durchgestrichen. Damit war ich nicht einverstanden. Und als die Liste wieder eingesammelt werden sollte, hab ich mich geweigert", berichtet sie. Daraufhin wird sie nach Hause geschickt, doch sie ahnt, dass ihr Protest Folgen haben wird.

Ich hatte nicht die Absicht, aus der Reihe zu tanzen. Ich hatte einfach die naive Vorstellung – und die habe ich auch heute noch manchmal – das geht nicht und das kann so jetzt nicht weiter gemeldet werden.

Kerstin Pawelke

Entzug des Sorgerechts angedroht

Am nächsten Tag muss sie nicht lange auf eine Reaktion warten: Sie wird ins Büro des Bankdirektors zitiert, wo bereits zwei Herren mit Lederjacke sitzen. "Die haben mir dann klar gemacht, dass ich eine grobe Fahrlässigkeit begangen habe und mir damit gedroht, das Sorgerecht für meinen Sohn zu entziehen. Das haben die schon ganz deutlich gesagt", schildert die Bankangestellte das Gespräch. Kerstin Pawelke hat Glück, ihr passiert nichts. 1992 sagt sie beim so genannten "Wahlfälschungsprozess" aus.