Zeitzeuge aus der Doku "Das Wunder von Leipzig" Uwe Schwabe, ein Leipziger Bürgerrechtler

Eigentlich wollte Uwe Schwabe zur See fahren. Aber dieser Traum wurde ihm schon während seiner Armeezeit bei der NVA verbaut. Denn in seiner abschließenden Beurteilung stand "Für den grenzüberschreitenden Verkehr nicht geeignet!"

Politischen Druck hatte Uwe Schwabe schon im Alter von 16 Jahren in seiner Lehrzeit als Instandsetzungstechniker zu spüren bekommen. Damals ging es um die Mitgliedschaft in der sogenannten "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST), der vormilitärischen Jugendorganisation der DDR, in die er nicht wollte. Sein Betrieb legte aber Wert darauf, alle Lehrlinge in dieser staatlichen Organisation zu melden. So setzte der Lehrlingsmeister den widerspenstigen Uwe unter Druck: "Entweder du kommst auch in die GST oder deine ganze Lehrlingsgruppe muss ein Wochenende in einem strengen, armeeähnlichen Lager verbringen." Schwabe gab klein bei. Aber er behielt im Gedächtnis, wie durch Druck und Zwang in der DDR Mehrheiten organisiert werden konnten.

Offene Diskussion ohne Scheuklappen

Als durch die Armeezeit dann auch noch seine Berufsträume scheiterten, reichte es ihm. Er suchte nach einer Möglichkeit, politisch außerhalb offizieller staatlicher Organisationen aktiv zu werden. Ein Freund nahm ihn mit in die evangelische Nikolalikirche in Leipzig, die von Pfarrer Führer geleitet wurde.

Das war für mich so faszinierend, weil ich das erste Mal erlebt habe, wie Leute offen politisch diskutierten ohne Scheu, ohne Scheuklappen.

Uwe Schwabe

Schwabe engagierte sich im Umweltkreis, gründete 1987 schließlich eine eigenständige Gruppe "Leben", die sich auch um Menschenrechtsfragen, Fragen des Wehrersatzdienstes oder der Wehrdienstverweigerung kümmerte. Er wollte sich nicht damit zufrieden geben, lediglich die Gesetze der DDR voll auszunutzen: "Ich habe gesagt: Man kann in diesem Staat nicht die Gesetze akzeptieren, die dieser Staat macht. Wenn, dann muss man diese Gesetze auch versuchen in irgendeiner Art und Weise zu hintergehen!"

Ungebrochener Wille

So wollte er zusammen mit seinen Freunden im Januar 1989 eine Kundgebung organisieren. Man sammelte im Freundeskreis Papier, um einen entsprechenden Aufruf zu drucken. Als der schließlich in Briefkästen verteilt werden sollte, wurden zwei Mitglieder der Gruppe entdeckt und alle wurden verhaftet. Schwabe selber kam nach zehn Tagen wieder frei. Seine Freunde blieben weiterhin in Haft. Sein Wille, sich an Aktionen gegen die staatliche Bevormundung zu beteiligen, blieb ungebrochen. Allerdings ging man in seinem Betrieb zurückhaltender mit ihm um.

Die haben gedacht: 'Mensch, jetzt arbeite ich mit so einem Staatsfeind zusammen. Wer weiß, ob die da oben mir noch meine nächste Westreise erlauben.'

Uwe Schwabe

Kirche und "Friedliche Revolution"

DDR - Friedensgebet in Nikolaikirche Friedensgottesdienst am 18.12.1989 in der Nikolaikirche in Leipzig mit Superintendent Friedrich Magirius. Die regelmäßigen Friedensgebete waren eine Vorstufe der ab Herbst 1989 in Leipzig stattgefundenen Montagsdemonstration und ein Meilenstein bei der friedlichen Revolution Ende der 1980er Jahre in der DDR.
Friedensgebet in der Nikolaikirche, 1989 Bildrechte: dpa

Nur einige Leipziger Kirchen boten Gruppen den Freiraum, zu diskutieren oder Aktionen zu planen. Denn innerhalb der evangelischen Kirche gab es dagegen Bedenken. Befürchtete man doch, dass zu starke politische Betätigung die eigenen Freiräume, die man sich in der DDR mühsam erkämpft hatte, gefährden würde. Selbst in der Nikolaikirche, in der seit 1981 jeden Montag Friedensgebete durchgeführt wurden, wuchs diese Sorge, zumal die Friedensgebete der Arbeitsgruppen politischer wurden. In der Kirche wurden Unterschriften gesammelt, manchmal auch Geld für Leute, die politische Strafverfahren durchstehen mussten. Die Situation spitzte sich so zu, dass die Gemeindeführung den Arbeitskreisen 1988 das Recht nahm, selbstständig Friedensgebete zu erarbeiten und durchzuführen. Dies wurde von der Gruppe um Schwabe als "Maulkorb" verstanden.

"Wir haben uns dann, das war September '88 an den hinteren Rand der Nikolaikirche gestellt als Beobachter und trugen immer eine Mundbinde 'Redeverbot!'. Wir haben sozusagen offiziell in der Nikolaikirche demonstriert, dass jetzt auch die Kirche verhindert, dass Informationen an die Leute weiter gegeben werden können. Wir sind dann raus nach dem Friedensgebet, da lagen Betonplatten auf dem Nikolaikirchhof, haben diese als Rednerbühnen benutzt und haben die Informationen weitergegeben, die wir sonst in der Kirche weiter gegeben haben. Das waren ab Herbst '88 Kundgebungen, die jeden Montag auf dem Nikolaikirchhof stattgefunden haben", so Uwe Schwabe.

Information über westdeutsche Medien

Damit wurde der Protest aus der Kirche in den öffentlichen Raum getragen und fand danach regelmäßig am Rande der Friedensgebete statt, was sich in Leipzig und über die Stadtgrenzen hinaus herumsprach. Zumal ausländische Journalisten immer stärker auf die Leipziger Friedensgebete aufmerksam wurden und darüber berichteten. Insbesondere westdeutsche Medien sendeten die Bilder aus Leipzig, so z.B. über die Tagesschau, auch in ostdeutsche Wohnzimmer zwischen Ostsee und Erzgebirge. Ein von Leipziger Bürgerrechtlern durchaus beabsichtigter Effekt. Schwabes Überlegung: "Die Leute müssen über die Westmedien sehen, dass sich in diesem Land etwas bewegt. Die müssen informiert werden. Wir müssen dieses Informationsmonopol, das die DDR-Medien hatten, durchbrechen, und da war die einzige Chance, die wir hatten, es über die Westmedien zu machen."