Vertreibung der Sudetendeutschen 1945: Warum Görlitz Flüchtlinge aus dem Sudetenland zurückwies

Von Mai bis Juli 1945 wurden 800.000 Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben - eine Folge des Zweiten Weltkrieges, der eine Hass- und Rachespirale in Gang gesetzt hatte. Die Heimatvertriebenen strandeten in den deutschen Grenzstädten, etwa in Görlitz. Die Neißestadt war völlig überfordert und eine Hungersnot brach aus. Die Flüchlinge wurden schließlich gar aus der Stadt geschickt.

In den Jahren 2015 und 2016 reisten mehr als eine Million Flüchtlinge, Migranten und andere Schutzsuchende mehr oder weniger unkontrolliert nach Deutschland ein. Von einer "Flüchtlingskrise" war schon bald die Rede. Über die Folgen dieses Ereignisses für den Staat und die Gesellschaft wird bis heute höchst kontrovers gestritten.

Vertreibung: ein spätes Erbe des Dritten Reichs

Dabei wird häufig vergessen, dass auch Millionen Deutsche im und nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Suche nach Schutz und Zuflucht waren. Bis zu 14 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene kamen etwa ins Nachkriegsdeutschland. Sie stammten unter anderem aus Ostpreußen und Schlesien, wo sie vor den Gräueltaten der Roten Armee flüchten mussten, ein weiterer großer Teil aus dem Sudetenland, wo Tschechen ihren Zorn über die Jahre der Besatzung an ihren deutschen Landsleuten entluden.

Vertriebene in Görlitz

Allein von Mai bis Juli 1945 wurden rund 800.000 Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die Grenzorte in Sachsen und Bayern wurden förmlich überrannt von den Flüchtlingen. So auch das niederschlesische Görlitz. Den Krieg hatte Görlitz noch relativ unbeschadet überstanden. Aber aufgrund der Grenzlage war Görlitz nun von den Folgen des Kriegs besonders betroffen. Mehr als 60.000 Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten trafen allein 1945 in der Neißestadt ein. Sie campierten auf Wiesen am Fluss oder in Notunterkünften, die die Stadt den Vertriebenen anbot.

Die Vertriebenen sollen Görlitz verlassen

Schon bald aber brach in der Stadt die Lebensmittelversorgung zusammmen. Es herrschte eine Hungersnot. Die Stadtverwaltung richtete dramatische Appelle an die Flüchtlinge und bat sie, die Stadt zu verlassen. In einem Flugblatt der Stadtverwaltung vom 30. Juni 1945 heißt es: "Die früher als gastfreundlich bekannte Stadt Görlitz ist infolge der Kriegsereignisse nicht mehr in der Lage, Flüchtlingen und Ortsfremden Obdach zu bieten. Die Wohnungsnot und die Ernährungslage verbieten jeden Zuzug und jedes weitere Verbleiben im Stadt- und Landkreis Görlitz! Da die Grenze nach Osten geschlossen bleibt, ergeht an alle Flüchtlinge und Ortsfremde die Aufforderung, innerhalb von 48 Stunden Görlitz zu verlassen!"

Die Flüchtlinge unterzubringen - eine Aufgabe für das ganze deutsche Volk

Diesen verzweifelten Appell hatte Görlitz' Oberbürgermeister Alfred Fehler unterzeichnet. Noch im selben Jahr starb er selbst an Hungertyphus, wie über tausend weitere Menschen in der Stadt. In den Flüchtlingslagern der Stadt durften die Flüchtlinge nur einen Tag Rast machen, dann wurden sie erbarmungslos weitergeschickt. Verpflegung gab es ohnehin nicht mehr. Die Flüchtlinge waren sich selbst überlassen. Ein Pfarrer, Wendelin Siebrecht, beschrieb die dramatische Lage mit einer Metapher: Unsere Stadt ist wie "ein Rettungsboot, das sechs Leute fasst, aber mit zehn Leuten besetzt" ist. "Zwanzig weitere kommen angeschwommen. Wenn wir die zehn retten wollen, müssen wir die zwanzig abweisen. Wir können nicht mehr anders, wir müssen hart sein." Siebrecht spürte allerdings auch die Grausamkeit dieser willkürlichen Entscheidung, täglich über Leben und Tod zu richten. Seine Schlussfolgerung: "Es müssen neue Rettungsboote herangeschafft werden, eine Aufgabe, für die das ganze deutsche Volk bereit sein muss."

Potsdamer Konferenz: Vertreibung als Teil der Nachkriegsordnung

Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 trafen sich die drei Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, Großbritannien, UdSSR und die USA, im Schloss Cecilienhof bei Potsdam zur "Dreimächtekonferenz von Berlin". Das Treffen wird als "Potsdamer Konferenz" in die Geschichte eingehen. Auf der Konferenz soll die Nachkriegsordnung bestimmt werden. Entscheidend ist: die Grenzen im Osten müssen neu gezogen werden. Die Tschechoslowakische Republik etwa wird in den Grenzen von 1938 – vor dem sogenannten "Münchner Abkommen" – wiederhergestellt. Gleichzeitig beschlossen die Siegermächte die "Überführung" der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn. Und zwar "geordnet und human", wie im Protokoll der Konferenz vermerkt ist.

Logo MDR 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben

Die Überführungen fanden ab 1946 tatsächlich statt. 1.832 Züge mit 1.000 bis 1.200 Menschen kamen 1946 in den deutschen Besatzungszonen an. Erlaubt waren den Vertriebenen nur 25 bis 50 Kilogramm Gepäck pro Person, Wertsachen wurden ihnen ausnahmslos abgenommen. In den Flüchtlingszügen herrschten katastrophale Zustände, es verhungerten sogar Menschen. Von geordneten Verhältnissen keine Spur.

Insgesamt wurden schätzungsweise drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Vertreibung - Odsun: Das Sudetenland | 01. Dezember 2020 | 22:10 Uhr