"Kinder suchen ihre Eltern" DEFA-Suchaktion von 1946

Zwei Jahre lang liefen die Bilder von Kindern, die ihre Eltern in den Kriegswirren verloren hatten, über die Kinoleinwände der sowjetisch besetzten Zone. Für insgesamt 800 Kinder ist die DEFA-Suchaktion die Riesenchance. Doch es gibt Zehntausende Kinder mit ähnlichem Schicksal - allen kann die DEFA-Wochenschau nicht helfen.

Kinder suchen ihre Eltern
Elisabeth Dörffel (†) gehört damals zum Suchteam der DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge". Sie ist selbst erst 19 Jahre alt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unter zehntausenden Kindern mit ähnlichem Schicksal hat die junge Elisabeth Dörffel (inzwischen verstorben) die schwierige Aufgabe, einige Kinder für den "Augenzeugen" auszusuchen. Jahrzehnte später erinnerte sie sich an die Aktion im MDR-Fernsehen: "Ich spielte Schicksal, wen nehmen wir. Das war nicht so einfach. Es waren ja so viele Kinder in den Heimen… Wenn man die Geschichten gehört, was die Kinder durchgemacht haben, dann ist einem das schon ans Herz gegangen."

Typisches Kriegskind-Schicksal: im Heim zurückgeblieben

Einer dieser Entwurzelten ist das DEFA-Suchkind Nr. 330: Hans Stundzig. Seine Mutter hat der Junge kurz vor Kriegsende das letzte Mal gesehen, und zwar im schlesischen Freiburg, in einem Kinderheim der NS-Wohlfahrt. 1942 - mit fünf Jahren - muss die Mutter ihn dort zusammen mit seinen zwei Geschwistern in Obhut geben. Der Vater ist an der Front. Die Mutter soll für den Endsieg in der Waffenproduktion arbeiten. "Wir haben nur erfahren, dass sie in einer Munitionsfabrik arbeiten muss und dann für uns keine Zeit hat. Deswegen sind wir ins Heim gekommen, alle drei. Nach einer gewissen Zeit hat sie die Inge geholt und wollte uns später auch holen, da kam aber die Flucht dazwischen", erinnerte sich der inzwischen ebenfalls verstorbene Stundzig in einer MDR-Doku.

Kinder suchen ihre Eltern
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Hans Stundzig (†) mit seinem Bruder und seiner Mutter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Registrierung als Vollwaise

Die vorrückende Front und Bombardierungen durchkreuzen den Plan. Im Frühjahr 1945 wird das Kinderheim Hals über Kopf evakuiert. Wochenlang irren die Kinder durchs Land. Schließlich besteigen sie einen der letzten Züge Richtung Westen. Für 350 Kilometer ins Hinterland brauchen sie mehr als drei Wochen. Als sie in Sachsen ankommen, hat Deutschland kapituliert. Das Schlimmste für Hans und seinen Bruder ist jedoch, dass ihre Eltern spurlos verschwunden sind. Hans Stundzig wird 1945 als "Vollwaise" registriert. Er lebt in dem Glauben, dass seine Eltern nicht mehr am Leben sind.

DEFA-Mitarbeiterin bringt die Kinder zum Lachen

1947, in einem Heim in Grimma, stößt der DEFA-Augenzeuge auf die Geschichte des inzwischen Neunjährigen. Hans Stundzig wird zu Filmaufnahmen nach Dresden geschickt. Doch dort, im Rampenlicht des Studios, bekommt er es mit der Angst zu tun – wie viele der anderen Suchkinder: Die DEFA-Mitarbeiterin Elisabeth Dörffel, die die Aktion betreut, erlebt solche heiklen Momente immer wieder. Sie denkt sich deshalb Tricks für die Kleinen aus: Mit einem Hampelmann bringt sie die Kinder zum Lachen und macht dabei mit ihrem Team Aufahmen.

Ein Jahr bei Pflegeeltern

Im Fall von "Kind Nr. 330", Hans Stundzig, bleibt die Suche ergebnislos. 1947 verlässt er – anders als erhofft – das Grimmaer Heim. Pflegeeltern holen den Jungen schließlich zu sich. Von seinem Bruder wird Hans dabei getrennt. Wieder zerbricht eine Welt: "Die schlimmste Zeit war Weihnachten. Da war nichts mit mir anzufangen. Da kam das wieder, die Geschwisterliebe, die Elternliebe. Ich hab' das nicht so merken lassen, ich hab' das alles verschluckt. Aber das war immer da."

Ein Jahr verbringt Hans Stundzig bei den Pflegeeltern. Dann bekommt er – völlig unverhofft – eine zweite Chance. Wieder wird er zur DEFA nach Dresden bestellt und gefilmt: Diesmal klappt es! In einem grenznahen Kino der Westzone sieht die Mutter auf der Leinwand ihren Sohn! Wochen später nur fahren Hans und sein Bruder zu ihr ins hessische Eschwege. Doch das Wiedersehen verläuft anders als erwartet: "Wir haben uns sehr gefreut, aber die herzliche Umarmung oder Küsschen oder so gab es nicht. Dass wir uns wieder in Herz geschlossen haben, das gab's nicht."

Entfremdung hat Spuren hinterlassen

Die vielen Jahre der Trennung haben Mutter und Kinder einander entfremdet. Für Hans Stundzig kommt es noch schlimmer. 1948 erfährt er: Sein Vater ist tot. An seine Stelle tritt ein neuer Mann, mit dem er keine gemeinsame Sprache findet. Fünf Jahre nur bleibt Stundzig in der "neuen" Familie. Dann, nach einer Bergbaulehre und frühen Heirat, geht er über die deutsch-deutsche Grenze nach Sachsen zurück.

Die beiden Protagonisten Elisabeth Dörffel und Hans Stundzig sprachen vor einigen Jahren mit dem MDR-Fernsehen und sind inzwischen verstorben.