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Bitterfelder Kulturpalast verabschiedet sich in Sanierungsphase

Stand: 12. Juli 2021, 13:29 Uhr

Das Zittern um den legendären Bitterfelder Kulturpalast ist vorbei. Die Stätte, in der einst die sozialistische Kunst erblühen sollte und der sogenannte Bitterfelder Weg von Walter Ulbricht propagiert wurde, wird wieder zum Leben erweckt. Dabei standen die Zeichen nach jahrelangem Hin und Her schon auf Abriss. Ein Investor aus der Region ergreift mitten in der Corona-Krise die Initiative und rettet den Palast.

Um die Zukunft des traditionsreichen Kulturpalastes gab es eine Jahre dauernde Zitterpartie. 2017 drohte gar der Abriss. Jetzt scheint das Ende glücklich: Im Rahmen eines Bundesprogramms werden 8,7 Millionen Euro an Fördermitteln fließen, um das Gebäude aus den 50er-Jahren nach langem Leerstand zu sanieren. Die Gesamtinvestition wird sich auf 10,4 Millionen Euro belaufen, erklärt Investor Matthias Goßler. Der Eventmanager und Veranstaltungsagent stammt aus der Region und hat einst im Kulturpalast selbst als Kind Gedichte rezitiert. Nun ist er in Bitterfeld-Wolfen der Mann der Stunde. Seine Agentur ist deutschlandweit tätig und der Kulturpalast passt Goßler zufolge perfekt ins Konzept.

Matthias Goßler, neuer Investor, hat als Kind Gedichte im Saal des Kulturpalastes vorgetragen. Bildrechte: MDR/Petra Bertram

Nach Angaben des Investors ist das multifunktionale Gebäude gut an seine geplante Nutzung anzupassen. Firmensitz und genügend Fläche für Events ließen sich dort vereinen. Zudem liegt das Ensemble verkehrsgünstig zwischen Berlin und Leipzig, was wohl schon die DDR-Funktionäre bewogen hatte, in Bitterfeld einen Kulturpalast bauen zu lassen und jetzt ebenso für den Investor ein wesentliches Entscheidungskriterium war. Auch glaubt Goßler, dass nach den Erfahrungen in der Coronazeit Firmen größere Veranstaltungen eher regional stattfinden lassen werden. Diese Entwicklung will er nutzen und für Firmen Events veranstalten oder Räume vermieten. Auch Messen, Konferenzen, Fortbildungen, Konzerte, Kultur und öffentliche Veranstaltungen für ein breites Publikum sollen weiterhin eine große Rolle spielen.

Denkmalschutz und Nutzbarkeit vereinen

Dazu ist es Goßler zufolge nötig, den großen Saal zu einer multifunktional nutzbaren Fläche umzubauen und die aktuelle Bestuhlung zu entfernen. Damit sei der Raum flexibler zu nutzen und die Bestuhlung individuell anpassbar für den jeweiligen Anlass. Die Bestuhlung des kleinen Saals allerdings - die immerhin aus dem Jahr 1945 stammt - könne erhalten werden.

Außerdem sei eine energetische Neuausrichtung des Gebäudes geplant. Auch werde derzeit geprüft, ob Photovoltaikanlagen auf dem Dach möglich seien, so der Investor. Wichtig und besonders kostenintensiv ist die Trockenlegung des Kellers. Um den Kulturpalast herum waren insgesamt 23 Häuser von eindringendem Grundwasser betroffen, mittlerweile sind es nur noch drei. Das dauernde Abpumpen des Grundwassers ist daher für nur mehr drei Häuser unwirtschaftlich geworden und kann durch die Sanierungsarbeiten beendet werden.

Rückblick: Kulturpalast für die Werktätigen

Über zwei Jahre bauten die Arbeiter und Angestellten des Elektrochemischen Kombinates Bitterfeld in den 1950er-Jahren an ihrem Kulturpalst. In Handarbeit errichteten mehr als 4.000 freiwillige Helfer ein Gebäude mit enormen Ausmaßen. Bei dem riesigen Bau handelt es sich laut Denkmalverzeichnis um neoklassizistische Monumentalarchitektur aus der DDR-Zeit. Ein Gebäude mit Seltenheitswert, denn ähnliche Kulturpaläste gibt es nur noch zweimal in Ostdeutschland: den Kulturpalast in Schkopau, der zerfällt, und ein ehemaliges Kulturhaus in Zinnowitz auf der Insel Usedom, in dem heute Luxus-Wohnungen untergebracht sind.

Der Kulturpalast sollte einen Saal bekommen mit über 1.000 Plätzen und einer Bühne, so groß wie die der Leipziger Oper. Regelmäßig wurden die Bauarbeiten vom Bitterfelder Arbeitersinfonieorchester begleitet. Schließlich sollte das Haus mal dessen Heimstätte werden. Im Oktober 1954 - zum fünften Jahrestag der Gründung der DDR - wurde der Palast eingeweiht.

Klaus-Peter Jaskulski, der den Kulturpalst also schon als Kind kannte, koordinierte fast 30 Jahre lang die Zirkel im Bitterfeld Kulturpalast. Fast zwei Millionen Mark der DDR standen dem Haus Jahr für Jahr zur Verfügung. Einen stattlichen Teil davon konnte Jaskulski für die Hobbykünstler ausgeben.

Als Zehnjähriger, 1955, hatte ich den ersten Kontakt mit dem Kulturpalast. Meine Mutter arbeitete hier und ich habe dadurch hier auch nachmittags Zeit verbracht und habe dabei die eingerichtete Leihbibliothek, die sich im hinteren Teil des Kulturpalastes befand, schon genutzt und den Fernsehraum, der für alle öffentlich war.

Klaus-Peter Jaskulski

Volkskunst: Werktätige malen, musizieren oder dichten

Der Kulturpalast war von Anfang an ein Ort der Volkskunst und der künstlerischen Selbstbetätigung. Gleich nach der Schicht in der Filmfabrik, dem Braunkohlenkombinat oder der Kartonfabrik und anderen Betrieben ging es zur Kultur: Filmen, Tanzen, Malen oder Musizieren, alles war hier möglich. Doch das Haus war immer auch ein Veranstaltungsort. Im Saal saßen diejenigen, die das Haus auch gebaut hatten.

Udo Jürgens und Ulbrichts Bitterfelder Weg

Radio- und Fernsehshows wurden hier vom DDR-Fernsehen produziert, berühmte Theater und Orchester gastierten und sogar Stars aus dem Westen sangen für die Chemiearbeiter in Bitterfeld. 1965 gab der junge Udo Jürgens ein Konzert. Auch Walter Ulbricht fand den Weg nach Bitterfeld. Er ließ im Palast gleich zwei Kulturkonferenzen (1959 und 1964) abhalten. Die dabei propagierte Kulturdoktrin des Sozialismus wurden bekannt als "Bitterfelder Weg". Gegenstand der Kunst sollten die neuen Helden der Arbeit werden und die Arbeiter selbst künstlerisch tätig. Das Motto lautete: "Greif zur Feder Kumpel!"

Walter Ulbricht ließ im Palast zwei Kulturkonferenzen abhalten. Bildrechte: DRA

Ich möchte aufrufen, den Bitterfelder Weg zu einer großen, parteilichen und volksverbundenen Kunst weiterzugehen.

Walter Ulbricht

Klaus-Peter Jaskulski erinnert sich in einer Fernseh-Reportage vom März 2019, dass der Kulturpalast nach der ersten Bitterfelder Konferenz 1959 einen Schub erlebte. Er erzählt, wie nach und nach immer mehr Volkskunstkollektive gegründet wurden. Im Schnitt habe es 60 bis 70 Gruppen mit 600 bis 1.000 Mitgliedern gegeben.

Einnahmequelle für DDR-Künstler

Der Kulturpalast wurde so mehr und mehr ein Ort, in dem man seine Freizeit verbrachte - alles finanziert vom Chemiekombinat Bitterfeld. Der Betrieb war nicht einfach nur ein Arbeitgeber. Der Betrieb kümmerte sich auch um das Leben nach Feierabend. Dabei wurde gemalt, getöpfert und geschneidert, bis zum Ende der DDR. Die sogenannten Volkskunstkollektive wurden sogar meistens von Profis geleitet, die auf Honorarbasis arbeiteten. Für viele Künstler in der DDR handelte es sich um eine wichtige Einnahmequelle.

Für die Volkskunst waren rund 200.000 Mark im Jahr vorhanden. Wenn man Ensembleprogramme machte für bestimmte kulturpolitische Höhepunkte, dann wurde da noch einmal der Etat erhöht, so dass man eigentlich alles machen konnte, was so möglich war.

Klaus-Peter Jaskulski

Bilder, wie dieses von Bernhard Franke, "Jungintelligenz in der Chemie", entsprachen dem Ideal des sozialistischen Realismus. Bildrechte: imago/Werner Schulze

Malerei im Auftrag der Partei und zum Lobe des Sozialismus

200.000 Mark für die Freizeit der Arbeiter. Doch die üppige finanzielle Ausstattung hatte einen ideologischen Hintergrund. Freizeit war nicht einfach freie Zeit, sondern idealerweise genutzt zur Ausprägung "sozialistischer Persönlichkeiten". Im Bitterfelder Malzirkel unter dem Nationalpreisträger Walter Dötsch übte man sich im sozialistischen Realismus. Getreu dem Bitterfelder Weg waren die Helden der Arbeit Gegenstand der Kunst. Roland Lasch war seit Mitte der 60er-Jahre im Zirkel dabei und erinnert sich an "die Malerei nach Plan".

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