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4. August 1956: Eröffnung des Leipziger ZentralstadionsLeipzig und sein Stadion der Hunderttausend

04. August 2023, 05:00 Uhr

Das am 4. August 1956 eröffnete Leipziger Zentralstadion war eines der größten Stadien Europas. 1994 wurde es geschlossen und eine hochmoderne Arena errichtet, die 2006 eine der Spielstätten der Fußballweltmeisterschaft war. Seit 2016 trägt der Bundesligist RB Leipzig seine Heimspiele in der modernen Arena aus.

Das Leipziger Zentralstadion war als Austragungsort gigantischer Großkundgebungen, wie sie es sonst nur in China gab, weit über die Grenzen der DDR hinaus bekannt. Zwischen 1954 und 1987 finden in der Messestadt insgesamt achtmal das "Turn- und Sportfest der DDR" statt. "Ein wenig lustiger als ein Parteitag und etwas ernster als Karneval", befand 1987 ein bundesdeutscher Journalist. Hunderttausende Teilnehmer waren jedes Mal nach Leipzig gekommen, um organisiert Sport zu treiben und an aufwändigen Masseninszenierungen teilzunehmen. Vor den Augen der Partei- und Staatsführung gestalteten auf den Traversen tausende Komparsen mittels Farbtafeln riesige Losungen, während auf dem Rasen - präzise und diszipliniert - gymnastische Übungen dargeboten wurden, bei denen der Einzelne stets in der Menge verschwand.

"Sporthauptstadt der DDR"

Eine Erfindung der DDR waren diese Spektakel allerdings nicht - bereits seit 1914 wurden in Leipzig regelmäßig "Turn- und Sportfeste" veranstaltet. Vor allem um ihnen eine Heimstatt bieten zu können, hatte Ende der 1930er-Jahre ein Stadion errichtet werden sollen. Der Krieg verhinderte jedoch die Ausführung der Planungen. 1948 wurde das Vorhaben wieder aufgenommen – ein Beschluss des Ministerrats der DDR sah ein Stadion für etwa 50.000 Zuschauer vor. Doch Leipzig wollte ein größeres, schließlich sei man doch so etwas wie die "Sporthauptstadt der DDR". Und so bekam der Architekt Karl Souradny im März 1955 den Auftrag, eine doppelt so große Sportstätte zu bauen.

Das Leipziger Turn- und Sportfest 1969 im Zentralstadion. Bildrechte: MDR/ Sendung "Die größte Show der DDR: Das Leipziger Turn- und Sportfest"

"Stadion der Hunderttausend"

Die Terminvorgabe war äußerst knapp bemessen, denn bereits zum zweiten "Turn- und Sportfest" im August 1956 sollte das "Stadion der Hunderttausend" eingeweiht werden. Jugendbrigaden, Soldaten, Studenten und Hunderte Freiwillige aus Betrieben und Verwaltungen rückten aus allen Teilen der Republik an und unterstützten die Arbeiten. Nach nur 15 Monaten Bauzeit konnte die gigantische Schüssel im Sommer 1956 tatsächlich fertiggestellt werden. Die feierliche Eröffnung des Zentralstadions fand am 4. August 1956 statt.

Zuschauerrekorde

Die junge DDR hatte jetzt eines der größten Stadien der Welt. Und die Leute strömten sofort zuhauf in den gigantischen Neubau: 105.000 waren es beim Länderspiel der DDR gegen Wales, 120.000, als man gegen die Nationalmannschaft der ČSSR spielte. Wenigstens ebenso viele Zuschauer sahen das Spiel zwischen dem SC Wismut Karl-Marx-Stadt und dem 1. FC Kaiserslautern. Die Erzgebirger verloren 3:5, unvergessen ist das "Jahrhunderttor" Fritz Walters, der den Ball im Flug mit der Hacke ins gegnerische Tor beförderte.

Benfica Lissabon, AC Mailand, SSC Neapel

"Auf der Fahrt zum Stadion begann schon das große Kribbeln", erinnert sich der DDR-Rekordnationalspieler Joachim Streich an die Länderspiele im Zentralstadion. "Wenn man aus dem Bus stieg und wusste, auf den Tribünen sitzen 90.000 Zuschauer, da bekam man eine Gänsehaut." Doch nicht nur die DDR-Auswahl bestritt im Zentralstadion ihre wichtigen Spiele, sondern auch der im Stadtteil Probstheida beheimatete 1. FC Lokomotive Leipzig.

Im Europapokal spielte die "Loksche" unter anderem gegen Benfica Lissabon und Olympique Marseille, gegen Tottenham Hotspurs und den AC Mailand. 1987 gelang nach einem Sieg im Elfmeterschießen gegen Girondins Bordeaux vor 95.000 Zuschauern sogar der Einzug ins Finale des Europapokals der Pokalsieger. Ein Jahr später war mit dem SSC Neapel noch einmal eine europäische Spitzenmannschaft im Zentralstadion zu Gast. Neapels Kapitän hieß damals Diego Armando Maradona.

Sperrung des Zentralstadions

Zwar gelang 1993 dem mittlerweile in VFB Leipzig umbenannten Verein der Sprung in die erste Bundesliga, doch am Ende der Saison stand der Abstieg. In den folgenden Jahren ging es weiter bergab – bis hinunter in die sechste Liga. Und auch der zweite Leipziger Traditionsverein, Chemie Leipzig, der 1964 im Zentralstadion die DDR-Meisterschaft gefeiert hatte, versank in den unteren Ligen. Das in die Jahre gekommene "Stadion der Hunderttausend" verwaiste und wurde 1994 wegen Baufälligkeit gesperrt. Aber eigentlich wurde es auch nicht mehr benötigt.

Neues Stadion für Leipzig

Im Bundestagswahlkampf 1998 versprach Helmut Kohl den Leipzigern ein neues Zentralstadion. Kohl verlor die Wahl, doch sein Nachfolger Gerhard Schröder löste das Versprechen ein: 50 Millionen Euro spendierte der Fußballkanzler und legte im Jahr 2000 selbst den Grundstein für den größten Stadionneubau in den neuen Bundesländern. Vier Jahre später war das alte Zentralstadion zu einer hochmodernen Fußballarena mit 43.500 Sitzplätzen umgebaut, wobei es die gigantischen Dimensionen des ursprünglichen Zentralstadions ermöglicht hatten, das neue einfach in das alte hineinzubauen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Leipzig eine der Spielstätten für die WM 2006 sein würde. Es würde also wieder große Fußballereignisse geben – Spiele mit Argentinien, Frankreich oder Spanien. "Doch was soll hier danach eigentlich passieren?", fragte sich selbst WM-Organisator Franz Beckenbauer bei den Eröffnungsfeierlichkeiten.

Tristesse im Zentralstadion

"Wir hatten gehofft, dass einer der Leipziger Fußballvereine in das Stadion hineinwächst", sagte 2009 der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Zentralstadions Winfried Lonzen der "Mitteldeutschen Zeitung". Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht. Das hochmoderne Areal steht seit der Fußballweltmeisterschaft meist leer und die Betreiber schreiben jedes Jahr 1,2 Millionen Euro Verlust. Ab und zu trugen die beiden Leipziger Vereine ihre Heimspiele hier aus – vor jeweils zwei- bis dreitausend Zuschauern. Ausverkauft war das Zentralstadion nur bei Konzerten, wenn AC/DC spielten oder Depeche Mode. "Aber es ist ein Fußball- und kein Konzertstadion", klagte Winfried Lonzen. Was fehlt, ist ein Verein, der die Kosten decken könnte. Doch das gelingt frühestens ab Spielbetrieb in der 2. Bundesliga.

"Red Bull Arena"

Von der aber waren die beiden Leipziger Traditionsclubs Lokomotive und Chemie allerdings ebenso weit entfernt wie der 2009 gegründete Fußballclub RB Leipzig - ein Geschöpf des österreichischen Brauseherstellers Dietrich Mateschitz. Bei RasenBallsport Leipzig hatte man sich freilich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: In sieben Jahren spielen wir in der Ersten Bundesliga! 2010 zog der Fußballverein aus seiner kleinen Heimstatt, dem "Stadion am Bad" im Leipziger Vorort Markranstädt, ins einstige "Stadion der Hunderttausend" in Leipzigs Zentrum um.

Fast gleichzeitig erfolgte die Umbenennung des Stadions in "Red Bull Arena". Und der als "Retortenclub" geschmähte RB Leipzig zog wieder Zuschauer ins einst brachliegende Stadion – knapp 29.000 verfolgten im Schnitt die Spiele des Jahr für Jahr in eine nächsthöhere Spielklasse aufsteigenden Vereins. 2016 hatte RB Leipzig sein Ziel schließlich erreicht: Der Verein stieg tatsächlich in die 1. Bundesliga auf und wurde in seiner allerersten Bundesligasaison sensationell Vizemeister.    

Dieser Artikel erschien erstmals 2017.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR ZEITREISE: DDR nach Feierabend | 23. Februar 2020 | 22:00 Uhr