Nazi-Vergleich im DFB Nazi-Vergleiche: Wenn sich deutsche Politiker und Funktionäre im Ton vergreifen

DFB-Präsident Fritz Keller sorgt dieser Tage mit seinem Nazi-Vergleich für große Empörung. Derartige Vergleiche seien im demokratischen Spektrum nicht hinnehmbar, heißt es nun überall. Keller solle die Konsequenzen ziehen und zurücktreten. Dabei wird die Nazi-Karte sehr häufig von Politikern und Funktionären gespielt.

Fritz KELLER DFB-Praesident waehrend der Pressekonferenz
DFB-Präsident Fritz Keller Bildrechte: imago images/Sven Simon

Fritz Keller, Chef des Deutschen Fußball-Bundes, bezeichnete unlängst seinen Vizepräsidenten Rainer Koch als "Freisler" und verglich ihn so mit Roland Freisler, dem Vorsitzenden des Volksgerichtshofs im Nationalsozialismus. Die Empörung ist gewaltig. Keller verharmlose mit seinem Vergleich die Neo-Nazis und zeige mangelnden Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus. Nazi-Vergleiche, so heißt es nun überall, haben im demokratischen Spektrum nichts verloren. Doch mit steter Regelmäßigkeit werden von Politikern und Funktionären Nazi-Vergleiche bemüht. Aus Unwissenheit, aus tatsächlicher Überzeugung oder nur, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Helmut Kohl und die Nazi-Vergleiche

Einer jener Politiker, die gern die Nazi-Karte spielten, war gewiss Bundeskanzler Helmut Kohl. Dem "Spiegel" gilt Kohl gar als "ein Meister der Nazi-Vergleiche". Für internationale Turbulenzen sorgten etwa Kohls Äußerungen im Oktober 1986. In einem Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" hatte er den damaligen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow in einen Zusammenhang mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels gerückt: "Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte für Public Relations." Kohl distanzierte sich zwar später von seinem Vergleich, zu einer Entschuldigung war er indes nicht bereit.

Michail Sergejewitsch Gorbatschow - Ehemaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion
Michail Gorbatschow Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Helmut Kohl: "Der schlimmste Präsident seit Hermann Göring"

Im Jahr 2000, als sich Kohl wegen der CDU-Spendenaffäre vor einem Untersuchungsausschuss verantworten musste, warf er der SPD vor, ihn an den Pranger stellen zu wollen. Man will aus mir "eine beinahe kriminelle Figur machen" schimpfte Kohl. Zuvor hatte er in einem ZDF-Interview die SPD-Boykottaufrufe zu Beginn seiner Sammelaktion für die Parteikasse der CDU indirekt mit dem Boykott jüdischer Geschäfte während der Zeit des Nationalsozialismus verglichen.

2002 schließlich berichtete der "Spiegel", wie Kohl in trauter Runde über den damals amtierenden Bundestagspräsident Wolfgang Thierse von der SPD sprach: "Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring."

Bundeskanzler Helmut Kohl 1990
Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 Bildrechte: IMAGO

Herta Däubler-Gmelin, George W. Bush und Adolf Hitler

Doch auch Politiker der SPD gerieten wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Nazi-Vergleiche in die Kritik. 2002 wurde Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin vorgehalten, die Politik von US-Präsident George W. Bush mit der Adolf Hitlers verglichen zu haben. Däubler-Gmelin hatte Bush vorgeworfen, mit einem Irak-Krieg von innenpolitischen Problemen ablenken zu wollen. Das sei eine beliebte Methode, die auch Hitler schon angewandt habe. Anschließend verteidigte sie sich: "Ich habe nicht die Personen Bush und Hitler miteinander verglichen, sondern die Methoden." Doch es half nichts: Herta Däubler-Gmelin verlor ihren Posten im Kabinett.

George W. Bush mit Hund
George W. Bush, US-Präsident von 2001 bis 2009 Bildrechte: imago/UPI Photo

Der Nazi-Vergleich von Ludwig Stiegler

Im Juli 2005 machte der wortgewaltige und nie um deutliche Worte verlegene SPD-Politiker Ludwig Stiegler ebenfalls mit einem Nazi-Vergleich von sich reden. Während einer Pressekonferenz kritisierte Stiegler das Wahlprogramm der CDU. Dabei fielen auch die Worte, die anschließend öffentlichkeitswirksam ausgewertet wurden: Der Satz aus dem Unions-Programm "Sozial ist, was Arbeit schafft", erinnere ihn an die Parole "Arbeit macht frei". Unionspolitiker forderten den sofortigen Rücktritt Stieglers. "Dieser Mann ist nicht mehr tragbar als führender Repräsentant einer demokratischen Partei", erklärte etwa der damalige CSU-Generalsekretär Markus Söder. SPD-Chef Franz Müntefering aber beschwichtigte: "Demokratische Parteien sollten sich untereinander nicht mit Sprüchen rechtsextremer Parteien oder gar des Nationalsozialismus überziehen." Dies sei "nicht angebracht und nicht unsere Sprache". Dabei beließ er es.

Siegfried Reiprich und sein Nazi-Vergleich

Der letzte prominente Nazi-Vergleich ist noch gar nicht so lange her. 2020 zog der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Siegfried Reiprich, mit einem Nazi-Vergleich die Aufmerksamkeit auf sich. In Stuttgart war es in der Nacht zum 21. Juni 2020 zu schlimmen Ausschreitungen und Plünderungen gekommen. Ausgangspunkt für die Gewalt soll eine Drogenkontrolle gewesen sein.

Siegfried Reiprich twitterte jedenfalls einen Tag später: "War das nun eine Bundeskristallnacht oder 'nur' ein südwestdeutsches Scherbennächtle?" Der Vergleich der Stuttgarter Ausschreitungen mit den Novemberpogromen der Nationalsozialisten 1938 sei in hohem Maße geschichtsvergessen und relativiere die Verbrechen des NS-Regimes, hieß es. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth forderte sogar: "Es ist an der Zeit, Herrn Reiprich von seinem Amt zu entbinden." Einen Monat später, im Juli 2020, verlor der einstige DDR-Bürgerrechtler tatsächlich sein Amt. Siegfried Reiprich wurde "mit sofortiger Wirkung freigestellt".

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 02. Mai 2021 | 19:30 Uhr