Ein Streit um Mietschulden, der Geschichte schreibt Der Mordfall Horst Wessel

Als Anwältin gerät Hilde Benjamin mitten in die politischen Auseinandersetzungen am Ende der 1920er-Jahre. Im Auftrag der KPD tritt sie im Mordfall Horst Wessel auf - als erste Frau in einem Schwurgerichtsprozess in Deutschland überhaupt. Sie verteidigt Elisabeth Salms, die als ehemalige Vermieterin des SA-Mannes in den Fall verwickelt ist ...

Die politische Stimmung in den 1920er-Jahren ist aufgeheizt, die Weltwirtschaftskrise steuert zu auf ihren Höhepunkt. In Deutschland liefern sich Nazis und Kommunisten bereits erbitterte Straßenkämpfe. Zu den Protagonisten im roten Berliner Osten gehört auch der SA-Führer Horst Wessel. Er hat es durch seine Brutalität zu trauriger Berühmtheit gebracht.

Die Vorgeschichte

Als Anwältin gerät Hilde Benjamin bald mitten in die politischen Auseinandersetzungen. Gerade 27jährig hat sie im April 1929 ihre eigene Kanzlei im Wedding gleich neben dem Rathaus eröffnet. Sie engagiert sich als Rechtsbeistand für Kommunisten und linke Gewerkschaftler, die ihre Arbeit verloren haben. Viel Geld verdient sie damit nicht. Ihr Mann Georg Benjamin ist ihr Vorbild. Als Armenarzt versucht er, die Not in dem Arbeiterbezirk zu lindern. Beide sind trotz ihrer bürgerlichen Herkunft politisch aktiv für die KPD. Und die Partei braucht bald die professionelle Hilfe der Genossin in einem höchst politischen Prozess ...

Im Januar 1930 kommt es im Berliner Bezirk Friedrichshain zu einem Streit, der Geschichte schreiben wird. Eine Wirtin will ihren Untermieter vor die Tür setzten. Der Student hat Mietschulden und weigert sich auszuziehen. Der säumige Mieter heißt Horst Wessel, Gelegenheitsdichter und stadtbekannter SA-Führer. Die Wirtin heißt Elisabeth Salm, sympathisiert mit den Kommunisten und holt sich Hilfe in einem nahe gelegenen Rotfrontkämpferlokal. Der Kleinkriminelle und Kommunist Albrecht Höhler stürmt daraufhin mit einigen Freunden die Wohnung. Wessel wird durch einen Schuss tödlich verletzt. Die Nazis haben einen Märtyrer, die Kommunisten ein Problem. Hilde Benjamin soll es als Anwältin lösen.

Die KPD hatte großes Interesse daran, sich 'rein zu waschen', also sie wollte nicht so gerne, dass das als politischer Prozess angesehen wurde. Deshalb hat sie über die Anwälte, die von der KPD ja indirekt bezahlt wurden, Einfluss darauf genommen, dass das als eine Auseinandersetzung unter Zuhältern gesehen werden sollte.

Andrea Feth, Historikerin und Benjamin-Biografin

Der Prozess

Vor dem Berliner Kriminalgericht Moabit verteidigt Hilde Benjamin Wessels Vermieterin Elisabeth Salm, denn ihr wirft man nun Beihilfe zum Totschlag vor. Es ist das erste Mal, dass mit Hilde Benjamin eine Frau als Verteidigerin in einem deutschen Schwurgerichtsprozess auftritt. Erst vor wenigen Jahren fand man im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde die alten Gerichtsakten.

Das Urteil und die Folgen

Zwar geben sich die von der KPD bezahlten Verteidiger die größte Mühe, aber der politische Hintergrund der Tat lässt sich nicht vertuschen. Doch nicht nur das KPD-Organ "Die Rote Fahne" lobt die Beweisführung der jungen Anwältin, auch bürgerliche Blätter äußern sich anerkennend. Hilde Benjamins Mandantin kommt mit eineinhalb Jahren Gefängnis davon. Die übrigen Angeklagten erhalten Freiheitsstrafen zwischen sechs Jahren und vier Monaten.

Der "Völkische Beobachter", das NSDAP-Parteiorgan, empört sich hingegen über das "ungeheuerlich milde Urteil" und droht Hilde Benjamin unverhohlen mit Vergeltung:

Einst werden sich die Verteidiger dieses Schandprozesses zu verteidigen haben vor den Opfern der Bewegung. Unsere Rache wird sie treffen.

Zitat aus dem "Völkischen Beobachter" zum Wessel-Prozess

Berufsverbot unterzeichnet von Freisler

Tatsächlich geht es nach dem Machtantritt der Nazis am 30. Januar 1933 Schlag auf Schlag: Die KPD wird im März 1933 verboten, Kommunisten und Juden werden aus öffentlichen Ämtern und Behörden entlassen, verschleppt, gefoltert, ermordet oder weggesperrt. Anfang April 1933 wird Georg Benjamin - Jude und Kommunist - in Schutzhaft genommen und ins KZ Sonnenburg bei Küstrin verbracht. Ebenso wie ihr Mann ist auch Hilde Benjamin als Kommunistin stadtbekannt. Nicht nur die Praxis ihres Mannes wird durchsucht, auch ihre Kanzlei, die Wohnung.

Fast täglich rechnet auch Hilde Benjamin mit ihrer Verhaftung. Sie taucht unter. Ihre Mutter und die jüngere Schwester kümmern sich um ihren Sohn Michael, der als "Mischling" besonders gefährdet ist. Anfang Mai 1933 kommt das Berufsverbot für die Kommunistin. Unterschrieben ist die Verfügung auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom neuen preußischen Justizminister Roland Freisler, der als Präsident des Volksgerichtshofes ab 1942 und Hitlers Blutrichter in die Geschichte eingehen wird. Hilde Benjamin steht vor dem Nichts ...

Literaturhinweise: Manfred Gailus und Daniel Siemens (Herausgeber):
"Hass und Begeisterung bilden Spalier" - Die politische Autobiographie von Horst Wessel
200 Seiten,
Berlin: Be.bra-Verlag 2011,
ISBN: 978-3-89809-092-6