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Sparen - für Führer, Volk und Vaterland

Stand: 23. März 2018, 20:38 Uhr

Geld wird gespart, nicht ausgegeben - die ausgeprägte Sparmentalität der Deutschen hat historische Wurzeln und wurde zu jeder Zeit für politische Ziele ausgenutzt, so auch im Nationalsozialismus . Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum versucht, dem Phänomen "Sparen als deutsche Tugend" auf die Spur zu kommen.

"Träume verwirklichen - Sparen für Ihr Kind" – unter diesem Punkt kann man sich auf der Homepage der Sparkasse darüber informieren, wieviel Geld ein Kind zum Erwachsenwerden braucht und wie die Sparkasse dabei helfen kann. Für ein Neugeborenes ein Sparkonto anzulegen, ist in Deutschland eine fast so normale Angelegenheit wie eine Babyausstattung zu kaufen oder ein Kinderzimmer einzurichten. Sparsam sein, für die Zukunft sorgen – die Selbstverständlichkeit, mit der in Deutschland gespart wird, erweckt den Eindruck, als sei das Sparen genauso ein Grundbedürfnis des Menschen wie Essen und Trinken.

Kardinaltugend des Kapitalismus

Dabei ist die Lust am Sparen nicht in den menschlichen Genen festgeschrieben. Eher wurde sie anerzogen, wurde die Sparsamkeit instrumentalisiert von einzelnen Gruppen, denen es nützte, wenn der einfache Mann seine Groschen brav bei der Bank hinterlegte, sagen die Ausstellungsmacher. Im Zuge der Industrialisierung wurden gezielt Fabriksparkassen gegründet, bei denen die Arbeiter ihren Lohn deponieren konnten. Der Gedanke dahinter: Wer Ersparnisse zu verlieren hat, der ist weniger empfänglich für revolutionäre Ideen. So wurde im 19. Jahrhundert das Sparen bewusst gegen die erstarkende Arbeiterbewegung eingesetzt. Karl Marx bezeichnete die Sparsamkeit als "Kardinaltugend des Kapitalismus".

Sparen für den Krieg

Eine besondere Rolle als deutsche Tugend spielte das Sparen jedoch erst in der Zeit des Nationalsozialismus. Ab 1933 galt die Sparsamkeit als zentrales Erziehungsziel und wurde ganz im Geiste der Zeit als vorbildliche deutsche Charaktereigenschaft beworben. Mit Erfolg - die Spareinlagen der Deutschen nahmen rapide zu. Lagen 1932 noch 13 Milliarden Reichsmark auf deutschen Konten, hatten im Jahr 1944 die sparsamen Deutschen schon 97 Milliarden Reichsmark auf die Bank geschafft. Was den meisten von ihnen nicht oder kaum bewusst war: Sie sparten mitnichten für die Erfüllung ihre Konsumwünsche, sondern vor allem, um den Krieg zu finanzieren. Diese "geräuschlose" Rüstungsfinanzierung konnten die Nazis durchsetzen, weil auch die Sparkassen gleichgeschaltet waren und dort in den Leitungsgremien vorwiegend stramme Nationalsozialisten saßen. Die Sparkassen und Banken wurden außerdem gesetzlich verpflichtet, das Geld ihrer Kunden in Staatspapieren anzulegen. Über diese Staatspapiere wurde die Rüstung finanziert. So hatte schon seit 1935 das Sparen vor allem ein Ziel: die Aufrüstung für einen Angriffskrieg.

Wer nicht spart, ist gegen den Führer

Schwer war es damals sicher nicht, den Deutschen das Sparen als Tugend zu verkaufen, denn auch ideologisch passte es gut ins nationalsozialistische Weltbild: Auf der einen Seite gab es den guten, bodenständigen deutschen Sparer, auf der anderen Seite den "raffgierigen, jüdischen Finanzkapitalisten". Jüdische Sparer wurden ab 1933 nach und nach enteignet. Sie wurden erst durch verschiedene Anordnungen daran gehindert, über ihr Vermögen zu verfügen. Mit Beginn der Deportation wurden ihre Sparkonten vom Staat eingezogen.

Nach Ausbruch des Krieges wurde das Sparen immer mehr als politische Willensbekundung wahrgenommen. Dass die Spareinlagen immer weiter zunahmen, sah Reichsbankvizepräsident Emil Puhl 1941 als Beweis für das "unerschütterliche Vertrauen aller Deutschen zum Führer und den unbeirrbaren Glauben an den Sieg." Wer nicht sparte, geriet in den Verdacht, gegen Krieg und Führer zu sein. Allerdings hatten die Deutschen während des Krieges auch wenig Alternativen zum Sparen, denn es gab kaum etwas, wofür sie ihr Geld ausgeben konnten.

Am Ende des Krieges hatte das "tugendhafte", deutsche Sparen nur der Rüstungsindustrie genützt. Die Sparguthaben der Deutschen wurden mit der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg so gut wie wertlos: Aus 100 Reichsmark wurden bei der Währungsreform 6,50 DM. Vom Sparen hat das die Deutschen jedoch nicht abgehalten. Unbeeindruckt von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen bringen sie ihr Geld bis heute mit Begeisterung auf die Bank. Und fangen mit der Geburt eines Kindes schon damit an, Geld für Führerschein und erstes Auto zurückzulegen.

(ubi, Quelle: Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend, Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museum, 2018)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen:Sachsen-Anhalt heute, Judenenteignung | 02.08.2000 | 19:00 Uhr