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Kriegsende 1945Zurück zu Stalin: Die Angst der Sieger vor der Heimkehr

09. Juni 2020, 05:00 Uhr

Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 zu Ende geht, herrscht unter den Alliierten Freude und Erleichterung. Gemeinsam haben die Alliierten den Nazi-Terror besiegt. Doch für rund 4,2 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Überlebende ist die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die Heimat und in ihr altes Leben trügerisch. Sie werden zwar aus den zahlreichen deutschen Lagern befreit, doch für Stalin sind sie Verräter.

Fast 23.000 Namen stehen auf den Gedenktafeln für die Opfer des Kriegsgefangenenlagers Zeithain. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment

Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 zu Ende geht, herrscht unter den Alliierten Freude und Erleichterung. Am 25. April 1945 treffen sowjetische und US-amerikanische Einheiten an der Elbe aufeinander. Gemeinsam haben die Alliierten den Nazi-Terror besiegt. Nur wenig später feiern Menschen weltweit das Ende des Zweiten Weltkriegs. Endlich können ihre Soldaten nach Hause zurückkehren! Die Ungewissheit und Sorge um die Söhne und Väter hat ein Ende. Frieden und Normalität scheinen zum Greifen nahe.

Ende April 1945 posieren sowjetische und US-Soldaten für ein gemeinsames Foto auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau. Die sowjetischen Befehlshaber wurden wegen dieser Verbrüderung mit den West-Alliierten aus der Partei ausgeschlossen. Bildrechte: dpa

Dies gilt allerdings nicht für alle: Für rund 4,2 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Überlebende ist die Hoffnung auf schnelle Rückkehr trügerisch. Sie werden zwar aus den zahlreichen deutschen Lagern befreit, doch bleibt ihr weiteres Schicksal ungewiss. Gerüchten zufolge soll sie in Stalins Sowjetreich nichts Gutes erwarten. Für Stalin sind Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Verräter und Volksfeinde. Schwere strategische Fehler der sowjetischen Führung zu Kriegsbeginn verursachen eine ganze Reihe von Niederlagen. Allein in den ersten sechs Monaten geraten dadurch über zwei Millionen Sowjetsoldaten in Gefangenschaft.

Stalin verleugnet Sohn, der in Gefangenschaft gerät

Für Stalin sind Militärangehörige, die in Gefangenschaft geraten und in seinen Augen nicht "bis zum letzten Blutstropfen kämpfen", Verräter. Auch Stalins ältester Sohn, Jakob Dschugaschwili, gerät als Offizier in deutsche Gefangenschaft. Bei seinem letzten Verhör im KZ-Sachsenhausen sagt er aus, seinem Vater gefalle es nicht, dass er in Gefangenschaft ist. In der Nacht zum 14. April 1943 läuft er in den Stacheldraht und provoziert so seine Erschießung. Stalin reagiert unversöhnlich und verleugnet seinen Sohn.

Filtrationsverhöre für sowjetische Rückkehrer

Mit Kriegsende beginnt der sowjetische Geheimdienst NKWD an allen Übergabepunkten entlang der Demarkationslinie mit der systematischen Überprüfung aller sowjetischen Rückkehrer – der sogenannten Filtration. Der Begriff der Filtration bezeichnet das ausnahmslose Durchleuchten sämtlicher Biographien der Heimkehrer. Dabei spielten die Umstände der Gefangennahme, aber auch politische Zuverlässigkeit und mögliche Zusammenarbeit mit dem Feind eine große Rolle. Die Filtrationsverhöre  verstärken zusätzlich die Verunsicherung bei den Betroffenen.

Stellvertretend für Hunderttausende sind die Erinnerungen von drei sowjetischen Heimkehrern. Wie sie nach Deutschland gerieten, wie sie 1945 befreit wurden und vor allem, was sie bei ihrer Heimkehr erwartete, sind Geschichten, die sie damals in der Sowjetunion besser nicht erzählten: Lyudmila Kocherzhyna wird als Siebenjährige mit ihrer Tante zur Zwangsarbeit aus dem ukrainischen Dnepropetrovsk nach Deutschland verschleppt. Sie erinnert sich, dass das Haus in Brand gesetzt und geschossen wurde. Ihre Tante sagte ihr damals: "Wir kommen nicht mehr zurück, wir kommen nicht mehr nach Hause." Die ganze Vorstadt stand schon in Flammen.

Zwangsarbeiterkind darf nicht studieren

Lyudmila Kocherzhyna wurde als Siebenjährige mit ihrer Tante nach Deutschland verschleppt. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment

Doch sie kehrt zurück und obwohl ihre Mutter in Haft und ihr Vater in einem Filtrationslager sitzt, ist die Familie 1947 wieder vereint. Dennoch erleidet sie lang Demütigungen in der Heimat. Selbst als neunjähriges Kind aus Deutschland zurückgekehrt zu sein, bedeutete eine Einschränkung ihrer Rechte. Sie erzählt: "Ich konnte nach der Schule nicht frei wählen, wo ich studieren werde, obwohl ich mit Auszeichnungen abgeschlossen habe."

Diejenigen, die aus Deutschland kamen, waren einfach Volksfeinde. Meine Tante wurde mehrmals gefeuert, obwohl die Arbeit ihr zugewiesen wurde. Und alles nur, weil sie in Deutschland war, das reichte für einen Stempel.

Dennoch erinnert sich noch heute gerne an ihre Befreiung, 1945 in Deutschland. Ein afroamerikanischer Soldat schenkte ihr damals eine Puppe. Sie hütet das Geschenk wie einen Schatz. Lyudmila Kocherzhyna lebt bis heute in Dnepropetrovsk und engagiert sich für die Opfer des Naziregimes.

Offizier gelingt Flucht aus KZ Mauthausen

Der sowjetische Offizier Michail Rybchinski überlebt den Todesblock 20 im KZ Mauthausen. "Wir haben gesehen, dass es da nur den Tod gab, sonst nichts. Dann hörten wir, dass ein Aufstand geplant wird. Wir haben uns daran beteiligt und in der Nacht zum 3. Februar 1945 die Flucht gewagt", erinnert er sich. Es ist einer der wenigen organisierten Ausbruchsversuche aus einem KZ. Einigen Hundert Männern gelingt die Flucht, darunter auch Mihail Rybchinski. Sie hoffen auf Hilfe der österreichischen Bevölkerung. Doch die SS ruft zu einer beispiellosen Menschenhatz auf, die unter der grausamen Bezeichnung "Mühlviertler Hasenjagd" als eines der so genannten Endphaseverbrechen in die Geschichte eingehen wird. Doch Rybchinski hat Glück. Eine Bauernfamilie versteckt ihn und riskiert damit ihr eigenes Leben. Die Bauern bieten ihm an, bei ihnen zu bleiben. Doch die Sehnsucht nach seiner Mutter ist zu groß. 19 Jahre nach den Ereignissen um Mauthausen kommt es im Mai 1964 zu einem emotionalen Wiedersehen. Mihail Rybtchinski besucht die Familie Langthaler. Die innige Freundschaft zur Familie hält bis zum Tode Mihail Rybtchinskis 2008.

Acht jahre Gulag für angebliche Spionage

Lev Netto kämpft als Soldat in Estland mit den Partisanen und gerät in deutsche Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr habe man ihn brutal gefoltert. Er habe alles abgestritten, erzählt er - habe einen Monat lang nicht nachgegeben. Als das Foltern kein Ende nimmt, findet Lev Netto keinen anderen Ausweg und gibt Dinge zu, die er nicht getan hat. Die Anklage lautet: Spionage für die Amerikaner. An die Urteilsverkündung erinnert er sich noch ganz genau: "Für Heimatverrat und so weiter werden 25 Jahre Lagerhaft und fünf Jahre Einschränkung der Bürgerrechte angeordnet."

Lev Netto geriet bei einem Partisaneneinsatz in Estland in deutsche Gefangenschaft. Bildrechte: MDR/Saxonia Entertainment

So muss der junge Lev Netto ins Gulag. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 900.000 sowjetische Rückkehrer sofort in Gulags und Arbeitslager verbracht wurden. Die Entscheidungen über solche Strafmaßnahmen fallen in Schnellverfahren, die keinerlei rechtsstaatlichen Prinzipien entsprechen.

Nur der Tod Stalins erlöst Lev Netto früher von seinem Schicksal. Doch auch danach hat die Benachteiligung kein Ende. Seine Bewerbung an der Universität wird mit angeblichen gesundheitlichen Gründen abgelehnt. Rückblickend sagt Lev Netto: "Acht Jahre lang war ich im Gulag. Vor allem im Winter bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad war es sehr hart. Vor meinen Augen wurden Menschen erschossen oder sind einfach verschwunden. Ich habe mich immer gefragt, warum mir so ein schweres Schicksal zugefallen ist: Die anderen Jungs, die gefallen sind, ruhen sich schon längst aus. Ich dagegen muss im ewigen Eis schuften."

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV:Zurück zu Stalin | 09.06.20 | 22:10 Uhr