1996 Die neue deutsche Rechtschreibung: Eine Erfindung der DDR

Die große Rechtschreibreform von 1996 ist gewissermaßen eine DDR-Erfindung. Denn im Osten war man in Sachen Orthografie-Anpassung stets deutlich weiter gewesen als im Westen. Das musste sogar der "SPIEGEL" zugeben.

Duden mit Tafel
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Wäre es nach den rechtschreibpäpsten der ddr gegangen, würden unsere zeitungen, schulaufätze, briefe und e-mails und selbstverständlich auch diese webseite heute alle so aussehen. Generationen von schülern hätten es der forschungsgruppe orthografie an der akademie der wissenschaften vermutlich gedankt, hätte sie sich mit ihrer "gemäßigten kleinschreibung" auch im westen durchgesetzt. Hat sie aber nicht.

"Im Osten war man immer deutlich weiter"

Und so schreiben wir als die letzten Europäer nach wie vor alle Substantive groß. Vielleicht wäre diese Reform auf breitere Zustimmung gestoßen, als die Rechtschreibreformen, die sich durchgesetzt haben. Aber immerhin, die große von 1996, die ist quasi auch eine DDR-Erfindung. Denn im Osten der Republik war man in Sachen Orthografie-Anpassung schon immer deutlich weiter als im Westen. Das gab 1979 sogar der Spiegel zu.

Die Zwischenstaatliche Rechtschreib-Kommission im Institut für deutsche Sprache in Mannheim
Im Streit über die deutsche Rechtschreibreform stellt sich am 1998 die Zwischenstaatliche Rechtschreib-Kommission im Institut für deutsche Sprache in Mannheim vor. Im Bild von links nach rechts: Richard Schroth (Österreich), Rudolf Hoberg (Deutschland), Horst Sitta (Schweiz), Klaus Heller (Deutschland), Gerhard Augst (Deutschland), Peter Eisenberg (Deutschland), Dieter Nerius (Deutschland), Karl Blueml (Österreich), Werner Hauck (Schweiz). Bildrechte: dpa

Im Interview mit dem MDR erinnert sich auch der damalige Leiter der DDR-Orthografie-Kommission Dieter Nerius: "Dass die Orthografie überhaupt wieder auf eine wissenschaftliche Ebene gehoben wurde, das ist unser Verdienst. Vorher gab es Reform-Diskussion eigentlich nur unter Lehrern." Schon in den 70er Jahren hat sich Nerius mit seinem Team an der Akademie der Wissenschaften hingesetzt und Vorschläge ausgearbeitet, die dann zum Großteil  in die große Reform 1996  eingeflossen sind.  Welche Regeln, nach denen wir heute schreiben, nun genau aus dem Osten stammten, das könne man heute nicht mehr so genau sagen. Schließlich sei das am Ende ein Gemeinschaftswerk der vier deutschsprachigen Länder DDR, BRD, Österreich und Schweiz gewesen, sagt Nerius.

"Republikflucht" gab es nicht, musste man also nicht schreiben können

Dass man eine eigene, vom Rest des deutschen Sprachraums abweichende Rechtschreibung ernsthaft in Betracht gezogen hätte, solche Bestrebungen gab es aber nie. Es gab zwar zwei deutsche Duden, denn der ostdeutsche Duden-Verlag, das Bibliographische Institut Leipzig, wurde 1946 verstaatlicht und musste dann der Parteilinie folgen. Die schlug sich aber nicht in der Rechtschreibung nieder, sondern im Wortschatz. 400 Wörter weniger umfasste der Ost-Duden im Vergleich zu seinem westdeutschen Pendant, fand der Germanist Werner M. Hellmann heraus.

Porträt des deutschen Philologen Konrad Duden auf einem Plakat (undatierte Aufnahme)
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Konrad Duden Am 3. Januar 1829 kam Konrad Duden als Sohn des Eisenbahnbeamten Johann Konrad Duden und dessen Frau Julia auf dem Gut Bossigt in Lackhausen bei Wesel zur Welt.

Ab 1869 war er Gymnasialdirektor im thüringischen Schleiz. Doch seine Aufmerksamkeit galt nicht nur seinen Schülern. So gründete er 1871 den "Allgemeinen Bildungsverein", der sich der Erwachsenen- und Jugendbildung widmete. Duden hatte sich von Beginn seiner Lehrtätigkeit an akribisch die Besonderheiten und Auffälligkeiten der Ausdrucks- und Schreibweise seiner Schüler notiert. Da es eine einheitliche Rechtschreibung nicht gab, schrieb jede Institution und jeder Verlag nach seiner eigenen Orthographie. Die Lehrer mussten sich untereinander auf einen einheitlichen Standard einigen.

Dudens Ziel war es, diese Missstände durch eine regelnde und vereinfachende Rechtschreibung, die auch in Volksschulen gelehrt werden konnte, zu ersetzen. Das Ergebnis seiner Bemühungen gab er 1880 im Bibliographischen Institut Leipzig als "Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" heraus, dem die Publikationen "Deutsche Rechtschreibung" von 1872 und "Anleitung zur Rechtschreibung" aus seiner Schleizer Zeit vorausgegangen waren.

Am 1. August 1911 ist Konrad Duden in Sonnenberg gestorben.

Das Wort "Weltreise" suchte der Ossi wohl aus naheliegenden Gründen vergeblich – ebenso wie die staatlicherseits verhasste Vokabel "Republikflucht". Allerdings mussten die Ossis auch raten, wie man "Armenhaus" oder "Armenrecht" schrieb. Diese Worte brauchte man in der 16. Auflage von 1967 nicht, schließlich seien "bei uns Wort und Sache längst überwunden", verkündete der Hallenser Germanist Willi Steinberg.  In der 20. Auflage war dann das Armenhaus zurückgekehrt. Aber das war dann auch schon 1991.

Im Osten wurde kreativer definiert

Große Unterschiede zwischen Ost- und West-Duden gab es auch in der Definition von Wörtern. Während "Kosmopolitismus" im West-Duden schon immer schlicht und einfach mit "Weltbürgertum" umschrieben wurde, machten sich die Sprachpäpste im Osten weitreichende Gedanken, wie dieser Begriff zu definieren sei. Ergebnis 1951: "Als Weltbürgertum getarnte Ideologie der… Versklavung der Nationen zugunsten des Machtanspruchs des anglo-amerikanischen Imperialismus." Ergebnis 1967: "Weltbürgertum, unwissenschaftliche Ideologie der imperialistischen Bourgeoisie."

Die Orthographische Konferenz von 1901 Im Ergebnis der Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin einigten sich im Jahre 1902 alle Kultusminister der Länder auf eine einheitliche Rechtschreibung, deren Grundlage auch Dudens Wörterbuch bildete. Unter dem Begriff "Duden" wird es in immer wieder neuen Auflagen bis heute von jedem als Nachschlagewerk in Sachen Rechtschreibung genutzt.

Während der Teilung beider deutscher Staaten gab es je eine "Dudenredaktion" in Leipzig und Mannheim mit eigenständigen Ausgaben. Seit 1991 erscheint der Duden wieder in einer Ausgabe im Dudenverlag Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich. Weitere Wörterbücher sind hinzugekommen, die den aktuellen Entwicklungsstand der deutschen Gegenwartssprache widerspiegeln.

Einen Unterschied in der Orthografie gab es dann aber doch. West-Berlin wurde je nach Republikteil  mit oder ohne Bindestrich geschrieben. Denn auch das folgte der Parteilinie. Es gab schließlich kein geteiltes Berlin, sondern nur eine DDR-Hauptstadt und eben eine andere Stadt, "Westberlin".

(Die MDR Zeitreise hat im August 2017 Dieter Nerius zum Thema interviewt und den Artikel erstveröffentlicht.)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: MDR um 4 | Zehn Jahre Rechtschreibreform | 1. August 2017 | 15:59 Uhr