Feature | MDR FIGARO vom 23.04.2011 "Ich war ein Kind von Tschernobyl"

Als sich das Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 ereignete, war Olga Kapustina ein Jahr alt. Sie lebte damals mit ihrer Mutter im weißrussischen Tschaussy nahe der Grenze zur Ukraine. Heute arbeitet sie als Journalistin in Deutschland. Im Feature bündelt sie ihre Erinnerungen an die Katastrophe, befragt Familienangehörige und liefert politische Hintergründe.

25. April 1986. Im Atomkraftwerk Tschernobyl soll ein neuer Spannungsregler erprobt werden – mit einem Experiment. Doch es gibt Probleme. Bis nach Mitternacht arbeitet man fieberhaft daran, sie zu lösen. Um 1.23 Uhr ist zu spät. Innerhalb weniger Sekunden zerreißen Explosionen den Reaktor im Block 4, der radioaktive Inhalt wird nach draußen geschleudert.

Die unsichtbare Gefahr

Die Gefahr lässt sich weder mit Händen, Augen noch Ohren wahrnehmen. Doch in Westeuropa, in 2.000 Kilometern Entfernung von Tschernobyl, knattern die Geigerzähler. Eine südöstliche Luftströmung hatte die unsichtbare Wolke über die Ostsee getrieben. Aus Finnland und Schweden treffen Meldungen über erhöhte Radioaktivität ein. Meteorologen analysierten die Windverhältnisse und orten dadurch den Ursprung – ein Atomkraftwerk im Großraum Kiew. Die Sowjetunion schweigt. Erst zwei Tage später gibt es eine offizielle Meldung der Nachrichten-Agentur TASS. Eine Havarie hätte es gegeben, das Wort "Katastrophe" wird erst später benutzt. Eine Woche danach ist offiziell von zwei Toten und 197 Verletzten die Rede, von denen 50 das Krankenhaus bereits wieder verlassen hätten. Die von westlichen Geheimdiensten angegebene Zahl der Opfer ist eine ganz andere: Mehrere hundert Tote seien zu beklagen.

Olga Kapustina erlebt ihren ersten Frühling

Olga Kapustina ist in jenen Apriltagen gerade ein Jahr und drei Monate alt und erlebt ihren ersten Frühling. Mit ihrer Mutter lebt sie in Tschaussy im Osten Weißrusslands bei Mogilev nahe der Grenze zur Ukraine. Die freut sich am ersten Löwenzahn und lässt ihre Tochter in den Pfützen plantschen. 70 Stunden nach der Havarie hört Olgas Mutter im sowjetischen Fernsehen die Meldung über einen Unfall in Tschernobyl, nichts Spektakuläres. Erst einen Monat später, am 23. Mai 1986, werden in Weißrussland Jodpräparate an die Bevölkerung verteilt, um die Aufnahme von radioaktivem Jod zu reduzieren.

Beschwichtigungen von allen Seiten

Auch im Westen Deutschlands setzen die Atomkraft Befürworter alles daran, die Ängste der Bevölkerung im Keim zu ersticken. Zu groß ist die Sorge, die Atomkraft-Debatten könnten wieder aufflammen. In der Bundeshauptstadt Bonn schwirren die Gerüchte. Im Bundeskanzleramt regiert Helmut Kohl, aber der ist auf Asienreise. Sein Innenminister Friedrich Zimmermann ist zuständig für den Strahlenschutz im Land: "Wir sind 2.000 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt ... eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung ... ist ausgeschlossen", beschwichtigt der Minister Anfang Mai 1986 die Bevölkerung. In einem Interview schließt Zimmermann aus, dass es so ein Unglück auch in der Bundesrepublik geben könnte: " ... denn solch ein Reaktor, wie ihn die Sowjetunion hier gefahren hat, ... wäre bei uns in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt nicht genehmigungsfähig. Er hat ein Kühlsystem, wir haben vier, wir haben eine vierfache Sicherheit ..."

Becquerel, Curie, Millirem

Doch der Versuch der Beruhigung scheitert. Während in der DDR das Thema ganz totgeschwiegen werden soll, werden die Bewohner der Bundesrepublik über die Medien mit Maßeinheiten für Radioaktivität konfrontiert, von denen man bis dato noch nie etwas gehört hatte – Becquerel, Curie, Millirem. Die Windrichtung ist mit einem Mal die wichtigste Wettervorhersage. Fernsehbilder sind zu sehen von Strahlenschutztrupps, die Autos waschen. Wochenmärkte, auf denen sich unverkaufter Spinat türmt. Es gibt Warnungen, Kleinkinder nicht bei geöffnetem Fenster schlafen zu lassen, Obst gründlich zu waschen, Milch zu meiden – alles natürlich rein vorsorglich. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird heruntergespielt. Wetterämter werden informiert, dass übermittelte Werte der gemessenen Radioaktivität der Geheimhaltung unterliegen, also nicht an die Öffentlichkeit weiterzugeben sind.

Evakuierung aus der 30-Kilometer-Zone

Offizielle Botschaft aus der Sowjetunion: Wir haben alles im Griff. Doch hinter den Kulissen werden Experten ausgeschickt, um sich im Westen Rat zu holen, auch bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln. Doch dort ist auf einen GAU und seine Folgen niemand vorbereitet. Die Menschen in Kiew wissen auch Tage nach der Katastrophe nicht, dass nur 100 Kilometer entfernt ein atomares Höllenfeuer ausgebrochen ist. Sie kaufen ihr Gemüse wie gewohnt auf dem Markt, in unmittelbarer Nachbarschaft des Reaktors werden Fußballspiele ausgetragen, die Straßen für den 1. Mai geschmückt. "Vorsichtshalber" werden lediglich 30 Kilometer im Umkreis des Reaktors 200 Ortschaften evakuiert und 135.000 Menschen umgesiedelt. Laut Greenpeace schwanken die Angaben über die Zahl der eingesetzten Hilfskräfte bis heute zwischen 600.000 und 1,2 Millionen, die Angaben über die Zahl der Opfer zwischen 10.000 und über 250.000. Noch heute sterben in der Region viele an den Folgeschäden der Katastrophe.

5.000 Orte in Weißrussland radioaktiv belastet

Auch im angrenzenden Weißrussland werden 5.000 Orte verstrahlt, darunter Olgas Heimatstadt. Mit den Folgen der Katastrophe zu leben, wird für das Mädchen Alltag. Rückblickend sagt Olga Kapustina: "Wir, die Kinder von Tschernobyl, waren eigentlich ganz glücklich. In der Schule bekamen wir dreimal am Tag kostenloses Essen, zu Neujahr ein Paket mit Süßigkeiten aus dem Westen. Einen Monat im Jahr verbrachten wir in einem Sanatorium an einem sauberen Ort in Weißrussland. Dort hatten wir nur vormittags Unterricht und bekamen keine Hausaufgaben." Viele möchten helfen, die Kinder in Weißrussland lernen Lieder in deutscher und englischer Sprache, um ausländische Gäste zu empfangen. Und Olga hofft, dass auch sie einen Sommer bei einer Gastfamilie im westlichen Ausland verbringen darf.

1986 sind in der Bundesrepublik Deutschland 21 Kernkraftwerke am Netz. Sie decken ein Drittel des Energiebedarfs. Rund 60 Millionen D-Mark sollen die Kraftwerksbetreiber nach der Katastrophe von Tschernobyl für Werbung ausgegeben haben. Das Deutsche Atomforum wirbt, unterstützt von großen deutschen Unternehmen, für die Kraft aus Atomen: "Tschernobyl bietet keinen Anlass, an der Verantwortbarkeit der friedlichen Kernenergie in unserem Land zu zweifeln."

25 Jahre später

25 Jahre später: Olga ist erwachsen, arbeitet als Journalistin in Deutschland. Als Austausch-Studentin war sie zunächst gekommen. Die Katastrophe von Tschernobyl wird für sie immer ein Thema bleiben. Die Regierung Weißrusslands hat die Staatsausgaben für die "Tschernobyl-Kinder" indessen gekürzt, sie sieht kaum noch Auswirkungen auf die Bevölkerung in "mäßig verstrahlten "Gebieten wie Tschaussy. Die Statistiken sprechen dagegen. Die Fakten auch. Olgas Mutter leitet einen Kindergarten in Gomel, 300 Kilometer vom Reaktor entfernt. "Dort sind nur drei von 73 Kindern gesund", weiß Olga Kapustina zu berichten. "Der Rest hat irgendeine Krankheit - wahrscheinliche Spätfolgen des Unglücks."

(Quelle: mittendrin 4/2011)