Interview mit Eduard Geyer "Wir hatten nichts zu verlieren"

Eduard Geyer trainierte die Nationalmannschaft der DDR von 1989 bis zu ihrem letzten Spiel im September 1990. Im Interview erinnert sich Geyer an diese turbulenten Jahre.

DDR-Fußballnationaltrainer Eudard Geyer am 12.09.1990 im Brüsseler Constant-Vandenstock-Stadion. Die DDR-Fußballnationalmannschaft gewinnt vor 10.000 Zuschauern das letzte ihrer insgesamt 293 Länderspiele. Belgien wird mit 2:0 bezwungen
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Im Februar 1990 gab es bei der Auslosung der  Qualifikationsgruppen für die EM-Endrunde 1992 einen Paukenschlag: die DDR und die BRD würden in der Gruppe 5 um die EM-Teilnahme spielen. Was ging Ihnen nach der Auslosung durch den Kopf? 

Das war nun jedenfalls eine interessante Konstellation und wir hatten ja nichts zu verlieren. Gegen Wales und Belgien wären wir auf jeden Fall weiter gekommen. Aber der Favorit war sicher die BRD. Aber bei so einer Auslosung hat man immer eine Chance. Und wir hatten doch eine gute Mannschaft. Die war zwar noch sehr jung, aber entwicklungsfähig. Und es gab ja noch die „Stars“: Kirsten, Sammer, Stübner, Thom und Doll. Das waren Spieler im besten Fußballalter. Manche sagen ja, dass das Team der DDR damals so gut war wie keines vorher.

Hätten die Spiele gegen die BRD auch einen besonderen Reiz gehabt –  in Anbetracht der politischen Lage?

Man denkt in diesem Moment nicht an Politik. Da denkt man mehr an die direkte Begegnung. Die BRD hatte seit Jahren einen großen Stellenwert im Weltfußball gehabt. Wir dagegen hatten uns erst einmal qualifiziert für eine WM, das war 1974. Ansonsten haben wir eher kleine Brötchen gebacken, aber ich denke, wir hätten vielleicht doch eine kleine Außenseiterchance gehabt.

Waren Sie sich sicher, dass die Qualifikationsspiele überhaupt noch stattfinden werden?

Darüber habe ich in diesem Augenblick gar nicht groß nachgedacht. Die Qualifikationsspiele waren mehr oder weniger langfristig in den nächsten zwei Jahren geplant und deswegen war das alles noch in weiter Ferne.

Beschreiben Sie doch einmal die Stimmung unter Ihren Spielern in den Wendejahren 1989/90.

Die Fußballer hatten sofort Kontakt zu West-Vereinen, beziehungsweise diese Vereine hatten Kontakt zu den Spielern gesucht. Die vermeintlichen Spielerberater, die uns zur Wendezeit ganz schön über den Tisch gezogen haben, sind natürlich auch sehr schnell da gewesen und haben gewusst, wo die guten Spieler sitzen und in welchem Verein die sind. Mitunter war es auch so, dass die Spieler sich selber angeboten hatten. Die haben schnell kapiert, wo man Geld verdienen kann. Aus dem Grund war es auch schon unheimlich schwer gewesen, im November 1989 das entscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich professionell anzugehen. Damals war die Kunde vom Mauerfall am 9. November ins Trainingslager gedrungen, und das Training war zur Nebensache geworden. Das Spiel ging sechs Tage später mit 0:3 verloren und ich sagte nach dem Spiel: Der Mauerfall hat uns die WM-Qualifikation gekostet.

Was haben Sie gedacht, als die DDR im Sommer 1990 aus der Qualifikation genommen wurde?

Der Deutsche Fußball Verband und der Deutsche Fußball Bund hatten sich 1990 in Leipzig vereinigt, und da war schon abzusehen, dass es für die DDR keine Qualifikationsspiele für die EM mehr geben wird. Wenn so etwas passiert wie die Vereinigung von zwei Staaten, dann muss man eben bestimmte Dinge voran treiben, und ich denke, das war auch richtig. Unabhängig davon, dass natürlich viele Dinge ganz mies gelaufen sind. 

Im September 1990 fand das letzte Spiel der DDR-Nationalelf statt – in Brüssel gegen Belgien. Ursprünglich ein Qualifikationsspiel zur EM-Endrunde, nun nur noch ein Länderspiel, in dem es um nichts mehr ging. Wie haben Sie das erlebt?

Es sollte unser Abschiedsspiel sein und wir haben da ein ordentliches Spiel gemacht und mit 2:0 gewonnen. Ich hatte damals 24 Spieler eingeladen. Aber viele sagten ab. Man kann schon sagen: Sie haben mich schmählich im Stich gelassen. Am Ende sind wir mit 14 Spielern nach Belgien gereist. Da war ich schon schwer enttäuscht.  

Waren Sie traurig, als sich die Mannschaft danach auflöste?  

In einer gewissen Hinsicht war es natürlich traurig, dass es so gelaufen ist. Für einen Trainer ist natürlich immer der Erfolg das wichtigste. Und da war das schon enttäuschend, dass das so gelaufen ist.

Statt des geplanten EM-Qualifikationsspiels gegen die Bundesrepublik sollte es im November 1990 ein Freundschaftsspiel der beiden deutschen Mannschaften geben. Aber das Spiel wurde abgesagt, weil Hooligans Randale angekündigt haben…

Ich nehme an, dass die BRD gekniffen hat. Die waren im Sommer 1990 Weltmeister geworden und wollten sich keine Niederlage antun. Die haben das Spiel dann unter fadenscheinigen Erklärungen sausen lassen. Ich sage mal: Das Spiel wäre im ordentlichen Rahmen abgelaufen, ohne jeden Ärger. Und wir hätten große Chancen gehabt, den Weltmeister zu schlagen. Die haben sich doch in die Hosen geschissen, auf Deutsch gesagt. Die haben gedacht, oh, wenn wir als Weltmeister gegen die DDR verlieren, das gibt einen Imageverlust.

Erst zwanzig Jahre später wurde dieses Spiel in Leipzig nachgeholt. Sie waren der Trainer der DDR-Altstars…

Es war eine interessante Begegnung und wir haben am Ende 2:1 gewonnen. Aber es gab nach dem Spiel noch sehr, sehr viel Gift in den Katakomben des Leipziger Stadions, weil der Schiedsrichter uns angeblich bevorteilt haben soll. Die Spieler haben sich bekriegt in den Kabinen. Es war also gar nicht so "freundschaftlich". Aber abends, beim Bankett, war die Stimmung wieder besser. 

Eduard Geyer
Trainer Eduard Geyer begrüßt seine einstigen Schützlinge Darius Wosz (links) und Ulf Kirsten vor dem "Spiel der Legenden" 2010 in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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