Religion und Staat: Die Kirchen und die DDR

09. Dezember 2010, 15:22 Uhr

Wie positionierten sich die Kirchen zur Politik der DDR-Machthaber, die die Christen bewusst einengten und ausgrenzten?

Ähnlich wie die Verfassung der Bundesrepublik sicherte auch die Verfassung der DDR dem Einzelnen Glaubens- und Gewissenfreiheit zu. Doch während noch 1949 in der Verfassung der DDR den Kirchen das Recht eingeräumt wurde, zu Lebensfragen des Volkes Stellung zu beziehen, wurde in der revidierten Fassung von 1968 dieses Recht gestrichen. Längst hatte der Staat begonnen, den Handlungsspielraum der Kirchen einzuschränken, mit dem Ziel, sie aus dem öffentlichen Leben zu drängen. Dieser Politik blieb die SED-Führung treu, auch wenn sich im Verlauf von vierzig Jahren Stil und Methoden änderten. Die Kirchen setzten sich gegen Ausgrenzung und Einschränkungen zur Wehr. Sie versuchten die Spielräume so weit wie möglich auszuschöpfen, die katholische anders als die evangelische.

Verschiedene Phasen der Kirchenpolitik

Noch während der sowjetischen Besatzung konnten die Kirchen relativ ungestört arbeiten, erst zu Beginn der Fünfzigerjahre begann der Kampf gegen sie: Die Jungen Gemeinden wurden als illegale Jugendorganisationen bezeichnet, tausende christliche Schüler mussten die Oberschule verlassen, die Bahnhofsmissionen mussten schließen und konfessionellen Pflegeheimen drohte die Enteignung. Auf Druck von Moskau änderte die DDR-Führung Anfang der Fünfzigerjahre ihren Kurs, statt auf direkte Angriffe setzte man nun auf ideologische Auseinandersetzung. Die Einführung der Jugendweihe und die Verbannung des Religionsunterrichtes aus den Schulen waren wirksame Mittel, die junge Generation weltanschaulich dem Einfluss der Kirchen zu entziehen.

Die Kirchen nach dem Mauerbau

Der Bau der Mauer trennte auch die Gläubigen in Ost und West. 1969 antworteten die evangelischen Kirchen auf die neue Situation mit der Gründung des "Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR". Damit war aber die Frage, welche Haltung man gegenüber diesem Staat marxistisch-leninistischer Prägung einnimmt, nicht beantwortet. Es gab immer wieder Versuche, das eigene Selbstverständnis zu definieren, zum Beispiel mit der Formel "Kirche im Sozialismus", aber nie eine grundsätzliche Stellungnahme.

Als sich das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in den Siebzigerjahren zu entspannen schien, sorgte die Tat eines Einzelnen für Aufruhr. "Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen". Diese Botschaft montierte der Zeitzer Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976 auf sein Auto, danach übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an. Wenige Tage später starb er. Seine Tat wirkte nach und ermutigte andere zur Kritik und zum Protest.

Spitzengespräch

Nach langen Vorverhandlungen empfing Erich Honecker am 6. März 1978 eine Delegation evangelischer Kirchenleitungen zu einem Gespräch. Außer Respekt- und Toleranzbekundungen wurden den Kirchen von der Staatspartei die Möglichkeit zu Gefangenenseelsorge, kirchlichen Fernsehsendungen und verbesserte diakonische Arbeitsmöglichkeiten eingeräumt. Diese Zugeständnisse gab es nicht zuletzt in der Hoffnung, die Kirchen würden helfen, das System zu stabilisieren.

Friedensgruppen und Basisinitiativen

Schon in den Sechzigerjahren gab es unter dem Dach der Kirche Friedensgruppen. Aber erst in den Achtzigern wurden diese Gruppen politisch aktiver und vernetzten sich mit außerkirchlichen Oppositionellen und Umweltaktivisten. Die Kirchen wurden zu einem Ort des freien Wortes, einem Sammelbecken für Enttäuschte und Engagierte. Von hier nahmen die Veränderungen vom Herbst 1989 ihren Anfang.

Fazit

1945 waren 90 Prozent der Menschen in Ostdeutschland Kirchenmitglieder, 1989 noch etwa 25 Prozent. Auch wenn der Traditionsabbruch beträchtlich war, die Kirchen hatten sich ihre Unabhängigkeit bewahrt. Auch wenn die Stasi die Kirchen, wie alle gesellschaftlichen Gruppen, zu unterwandern versuchte: Wichtige innerkirchliche Entscheidungen konnte sie nicht beeinflussen.