21./22. April 1946: Gründung der SED Warum die SPD von der KPD zur Vereinigung gezwungen wurde

Am 21. und 22. April 1946 schien mit der Vereinigung von KPD und SPD zur SED ein alter Traum der Arbeiterbewegung in Erfüllung zu gehen: die Einheit der deutschen Linken. Doch in Wirklichkeit war es eine von der KPD und der sowjetischen Besatzungsmacht forcierte Zwangsvereinigung, um die SPD in der SBZ zu entmachten. Die SED regierte fortan unangefochten als Staatspartei bis in den Herbst 1989.

Symbolischer Händedruck zwischen dem KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck und dem SPD-Vorsitzenden Otto Grotewohl auf Vereinigungsparteitag der SED am 21.04.1946
Wilhelm Pieck (links, vorher KPD) und Otto Grotewohl (rechts, vorher SPD) werden die beiden ersten Vorsitzenden der SED. Ihr symbolischer Handschlag geht in das Abzeichen der Partei ein. Bildrechte: dpa

"Im Zentralkomitee der KPD erfuhren wir im Oktober 1945, dass die Sozialdemokraten uns an Mitgliederzahlen und Popularität beträchtlich überholt hatten", erinnert sich der Publizist Wolfgang Leonhard, Autor des mittlerweile legendären Buches "Die Revolution entlässt ihre Kinder", in einem Interview an das Bestreben der KPD, eine gemeinsame Partei mit der SPD ins Leben zu rufen. Leonhard war als junger Kommunist im Frühjahr 1945 gemeinsam mit der "Gruppe Ulbricht" aus dem Exil in der UdSSR in die Sowjetische Besatzungszone zurückgekehrt. Die Alliierten hatten beschlossen, dass es in Deutschland 1946 Wahlen geben sollte. Und da sich die Sozialdemokraten hoher Beliebtheit erfreuten, drängte die KPD auf eine schnelle Vereinigung, um nicht von den Sozialdemokraten überflügelt zu werden, so Wolfgang Leonhard. Und genau das, darüber waren sich KPD-Funktionäre und die Genossen in Moskau einig, sollte unbedingt verhindert werden.

Prof. Wolfgang Leonhard
Historiker Wolfgang Leonhard verstarb 2014. Bildrechte: imago/teutopress

Das heißt, die Vereinigung war unbedingt notwendig, weil die KPD und die Sowjetunion
erkannten, wenn
wir das nicht tun,
werden wir von der SPD überrollt.

Wolfgang Leonhard Historiker und Publizist

Handschlag zwischen Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck auf dem Vereinigungsparteitag

Berlin, 22. April 1946. Im Admiralspalast reichten sich Otto Grotewohl, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei in der Sowjetischen Besatzungszone, und KPD-Chef Wilhelm Pieck die Hände. Mit ihrem historischen Handschlag besiegelten sie die Vereinigung der beiden traditionsreichen Arbeiterparteien zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die lange Spaltung der deutschen Arbeiterschaft sollte von Stund' an überwunden sein, jubelte die Propaganda der KPD. Die Euphorie war jedenfalls beträchtlich. Grotewohl und Pieck wurden von den Delegierten des Vereinigungsparteitags schließlich zu gleichberechtigten Vorsitzenden der neuen Partei gewählt. Gemeinsam wollte man nun in eine frohe Zukunft schreiten. Willy Brandt bezeichnete das Ereignis dagegen später einmal als eine "Gefangennahme der SPD".

SPD und KPD in der SBZ gegründet

Knapp ein Jahr zuvor, am 10. Juni 1945, hatte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland den "Befehl Nr. 2" erlassen, der "die Schaffung und Tätigkeit antifaschistischer Parteien" in ihrem Machtbereich erlaubte. Bereits einen Tag später veröffentlichte daraufhin das Zentralkomitee der KPD einen Gründungsaufruf, am 15. Juni 1945 legte die SPD ihrerseits ein Gründungsdokument vor. Die Sozialdemokraten traten in ihrem Aufruf für eine organisatorische Einheit mit den Kommunisten ein. Der Aufruf der Kommunisten enthielt ein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie und forderte die Errichtung eines "antifaschistisch-demokratischen Regimes" mit allen Rechten und Freiheiten für die Bürger. Von einer Vereinigung der beiden Arbeiterparteien war bei der KPD aber noch keineswegs die Rede.

Wer trägt Schuld an der nationalsozialistischen Diktatur?

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die beiden deutschen Arbeiterparteien zunächst vor allem darüber gestritten, wer von beiden Schuld an der verheerenden Hitler-Diktatur trägt. Nicht wenige Sozialdemokraten gaben der KPD die Schuld, weil sie bis 1933 die SPD als "Sozialfaschisten" gebrandmarkt und bekämpft hatten. Andere sahen in der Spaltung der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg die Voraussetzung für den Aufstieg Hitlers. Doch es mehrten sich schon sehr bald auf beiden Seiten die Forderungen nach einer Überwindung des Streits und einer endlich vereinigten Arbeiterpartei, um das Grauen des Nationalsozialismus endgültig und dauerhaft überwinden zu können.

Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg
Wer trägt Schuld am Aufstieg Hitlers? Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg 1933 in Tannenberg. Bildrechte: dpa

Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht drängen auf Gründung einer Einheitspartei

Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) im Osten Deutschlands versuchte, die ihnen hörige KPD als stärksten Kraft zu etablieren, um mit ihrer Hilfe ein Herrschaftssystem nach sowjetischem Vorbild in ihrem Machtbereich zu errichten. Doch die SPD wurde in der Sowjetischen Besatzungszone immer populärer. Ab Herbst 1945 propagierten deshalb führende KPD-Politiker wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht plötzlich die Gründung einer Einheitspartei. Sie fürchteten, die führende Rolle in der SBZ, die sie insgeheim anstrebten, an die SPD abtreten zu müssen.

SPD wurde benachteiligt, aber dafür immer beliebter

Erich Loest, am 21. August 2013 bei Aufnahmen zu einer MDR-Dokumentation über seine Person.
Erich Loest, 2013, bei Aufnahmen zu einer MDR-Dokumentation über seine Person. Bildrechte: MDR/Heribert Schneiders

"Die KPD war kleiner, aber mächtiger als die SPD. Ihr stand die sowjetische Administration zur Seite und sie wurde überall bevorzugt", erzählte Jahrzehnte später der Leipziger Schriftsteller Erich Loest. "Die KPD hatte die besseren Räume, sie hatte Schreibmaschinen und sie hatte Papier. Und die größere SPD sagte dann: 'Leute, wir können nichts machen. Der Druck ist viel zu groß. Wer sich gegen die Vereinigung wehrt, wird unter die Räder kommen.'" Doch trotz aller Einschüchterungen und der Behinderung ihrer Arbeit gewann die SPD in ihren traditionellen Zentren ihre einstige Stärke zurück. Die Zahl der SPD-Mitglieder in der SBZ stieg stetig an: von 376.000 im Dezember 1945 auf immerhin 680.000 im März 1946. Die KPD hatte nicht einmal halb so viele Mitglieder. In dieser Situation sprach Otto Grotewohl sogar von einem "Führungsanspruch der SPD".

Je mehr die Sozialdemokraten benachteiligt wurden, desto beliebter wurden sie in der Bevölkerung.

Wolfgang Leonhard Historiker und Publizist

Die KPD drängte auf eine schnelle Vereinigung mit der SPD

Der zunehmende Erfolg der Sozialdemokraten, die sich nun sogar anschickten, die führende politische Kraft in der SBZ zu werden, verstärkte jedoch nur die Entschlossenheit der KPD-Funktionäre, mit Hilfe der Besatzungsmacht den Einfluss der SPD entschieden zu begrenzen. Sie drängten jetzt auf eine möglichst schnelle Vereinigung. Am 20. und 21. Dezember 1945 initiierte die KPD eine Konferenz in Berlin, die die Frage der Vereinigung deutlich voranbringen sollte. SPD und KPD entsandten jeweils dreißg Delegierte, so dass man später von der "Sechziger-Konferenz" sprach. Otto Grotewohl, der sich stets für ein Zusammmengehen mit den Kommunisten ausgesprochen hatte, beschwerte sich bei dieser Gelegenheit über den "undemokratischen Druck", der auf die Sozialdemokraten ausgeübt werde. Er erklärte, dass erst nach "vorbehaltloser Aufgabe aller unzulässiger Einflussnahme auf die SPD" eine Vorbereitung der Vereinigung tatsächlich möglich sei. Doch Grotewohl wurde nicht von allen SPD-Delegierten unterstützt. Die Kommunisten nutzten geschickt die auf der Konferenz offensichtlich gewordenen Meinungsverschiedenheiten unter den Sozialdemokraten und konnten ihre Resolution für eine baldige Vereinigung beider Parteien mit nur wenigen Konzessionen durchbringen. In den folgenden Monaten verstärkten die KPD und die sowjetische Militäradministration dann sogar noch einmal den Druck auf die SPD. So wurden etwa vereinigungsunwillige Sozialdemokraten immer wieder aufgefordert, ihre Haltung zu ändern. Wenn sie dies ablehnten, verbot man ihnen kurzerhand jede politische Tätigkeit.

Kein Widerspruch auf dem Vereinigungsparteitag in Berlin

Der am 21. und 22. April 1946 im Berliner Admiralspalast abgehaltene Vereinigungsparteitag war dann eigentlich nur noch ein von der KPD initiierter großer propagandistischer Kraftakt, um die als historisch gepriesene Vereinigung der beiden Arbeiterparteien abzusegnen. Die zum Gründungsparteitag aus den ostdeutschen Ländern angereisten Delegierten waren allesamt vereinigungswillig. Widerspruch gab es keinen. Und so bot der Vereinigungsparteitag am Ende nur noch die Bühne für das berühmte Foto mit dem Händedruck: Ein Sozialdemokrat und ein Kommunist reichen sich die Hand und beenden endgültig den "Bruderkampf". Es wurde zum Symbol für die SED-Herrschaft in der DDR.

Ehemalige KPD-Funktionäre gewinnen in der SED an Einfluss

"Nun wurde ja oft gesagt, mit der SED solle eine völlig neue Partei entstehen, weder die alte SPD noch die alte KPD", erinnert sich Erich Loest an den Frühling 1946: "Und da sagten auch viele Sozialdemokraten: 'Da gehen wir rein! Und wenn wir erst in der Partei sind, dann werden wir unseren Einfluss auch geltend machen.'" Doch die Hoffnungen der einstigen Sozialdemokraten wurden bitter enttäuscht. Ihr Einfluss schwand schon bald merklich. Stattdessen bauten die einstigen KPD-Funktionäre ihre Macht unaufhörlich aus. Bereits wenige Jahre nach der Vereinigung von SPD und KPD wurden zum Beispiel die anfänglich noch durchaus üblichen Doppelspitzen abgeschafft und die Kommunisten übernahmen endgültig die Führungsrolle in der SED. Auch Otto Grotewohl wurde von seinem Co-Vorsitzenden Wilhelm Pieck sukzessive entmachtet und schließlich auf das Amt des Ministerpräsidenten abgeschoben. Tausende ehemalige SPD-Mitglieder, die ihre politischen Vorstellungen und Ideen in die SED einbringen wollten, wurden ihrer Ämter enthoben, zum Teil für lange Jahre inhaftiert oder brachten sich durch Flucht in den Westen Deutschlands in Sicherheit.

Die SED avancierte schließlich in der 1949 gegründeten DDR zur unangefochtenen Staatspartei, die, wie es in einem Lied der Genossen heißt, "immer recht" hat. Erst 40 Jahre später, im Herbst 1989, verlor sie in den Tagen der Friedlichen Revolution ihre Macht.

(Wolfgang Leonhard und Erich Loest zitiert nach: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/dossiers/zwangsvereinigung)

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 31. März 2014 | 21:45 Uhr