Quotenkönig "Visite" Gesundheitsfernsehen in der DDR

Am 21. Januar 1971 hatte das Gesundheitsmagazin der DDR "Visite" Premiere. Alle zwei Wochen ging es nun zur besten Sendezeit um einfache, beim Hausarzt zu behandelnde Krankheiten und die Fragen der Zuschauer. Die Sendung sollte Gesundheitswissen vermitteln und Krankheiten vorbeugen. Das tat sie mit Erfolg und hatte treue Zuschauer in Ost und West.

Eine Frau telefoniert vor dem Logo der DDR-Sendung "Visite".
Karen Kruse war ab 1988 Moderatorin der "Visite". Bildrechte: DRA/Dzikowski

"Man sollte sich die 'Visite' ansehen, um zu wissen, mit welchen Krankheiten die Leute am nächsten Tag in die Praxis kommen", so einst ein Facharzt zur Siglind Zettl, Redakteurin beim Fernsehen der DDR. "Er nannte es scherzhaft das 'Visite-Syndrom'", so Zettl. Die Sendung hatte im Fernsehen der DDR eine stabile durchschnittliche Einschaltquote von 20 Prozent. "Das war eine gute, populärwissenschaftliche Sendung und die Leute konnten damit was anfangen", lobt Dr. Gunter Hegenbarth, Kinderarzt in Geithain.

DDR-Fernsehgeschichte jetzt im NDR

Am 21. Januar 2021 wird die "Visite" 50 Jahre alt und ist damit ein Phänomen der Fernsehgeschichte. Der außerordentlich gute Ruf der Sendung in Ost und West rettete ihr nach 1990 das Leben. Der NDR übernahm das Magazin und die Redaktion und baute die Marke zukunftsträchtig aus. Die Grundbausteine aber sind seit 1971 die gleichen: Ein medizinischer Experte moderiert, die Themen sind nah am Alltag der Menschen, es gibt praktische Tipps und die Fragen der Zuschauer werden beantwortet.

Prof. Rudolf Arendt war in den ersten zwei Jahrzehnten der Moderator der meisten Sendungen. "Ein sehr versierter und kluger Mann, wortgewandt, liebenswürdig, er spielte auch Cello und Geige", erinnert sich Prof. Horst Klinkmann an seinen 1999 verstorbenen Kollegen. Seine Art nahm die Zuschauer mit. 1986 führte er eine Sendung zu Verdauungsproblemen so ein: "Ein berühmter englischer Arzt und Forscher hat am Ende seines Lebens seine Berufserfahrungen in einem ironischen Satz zusammengefasst: 'Und ich bin schließlich zu der Überzeugung gekommen, dass ein gut arbeitender Darm für das Wohlbefinden und Glück des Menschen wahrscheinlich wichtiger ist, als ein gut arbeitendes Gehirn'."

"Visite" beantwortet Zuschauer-Fragen

Klinkmann und Arendt waren Kollegen in der Inneren Medizin der heutigen Universitätsklinik Rostock. Somit wurden hier oft die Beiträge für die Sendung gedreht. Die Fragen der Zuschauer verteilte Arendt unter den Kollegen. "Der Vorteil für die Sendung war, dass wir damals viel breiter aufgestellt waren; heute ist die Innere in viele Fachgebiete aufgeteilt", so Prof. Klinkmann. Die Redaktion hätten sich viel Mühe mit den Fragen der Zuschauer gemacht, die "hausärztliche Antworten nach der Konsultation von Experten" bekommen hätten. Prof. Klinkmann wurde 1982 Präsident des Rates für medizinische Wissenschaften des Ministeriums für Gesundheitswesen der DDR. "Dort wurde oft über die Sendung gesprochen. Sie bekam sehr positive Resonanz in der Ärzteschaft. Die Prävention, damals Prophylaxe genannt, spielte in der DDR mit ihren begrenzten ökonomischen Möglichkeiten eine sehr große Rolle und in dem Sinne wirkte die 'Visite'".

Menschen sitzen bei der DDR-Sendung "Visite" um einen Glastisch.
Vorbereitung der Aufzeichnung der "Visite" im Ostseestudio Rostock - rechts stehend Siglind Zettl, von 1973 bis 2006 Autorin, Redakteurin und mehrmals Redaktionsleiterin der Sendung. Bildrechte: DRA/Dzikowski

Super Einschaltquoten und viel Zuschauer-Post

Die Sendung hatte ihre Heimat im ersten Regionalstudio des Fernsehens der DDR, dem Ostseestudio Rostock. Es war eine politische Entscheidung, das Fernsehen zu dezentralisieren, um näher an den Menschen dran zu sein. Erich Honecker hatte 1969 moniert, das Fernsehen der DDR sei zu langweilig. Das Programm sollte künftig die Bedürfnisse der Zuschauer stärker berücksichtigen - daraus entstand auch die "Visite".

Sendungsbild - "Visite": Moorpaste für den Hausgebrauch - Frau bei einer Anwendung für die Handgelenke 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Redaktion konnte auf ein Team aus 35 beratenden Ärzten aus der ganzen Republik zurückgreifen. Als Siglind Zettl 1973 als junge Journalistin zur "Visite" kam, hatte sie keinen medizinischen Hintergrund, aber begeisterte sich schnell für die Möglichkeiten des Medizin- und Ratgeber-Journalismus: "Das Bedürfnis war groß, sich über Medizin und Gesundheit zu informieren. Wir hatten hohe Einschaltquoten und bekamen sehr viel Zuschauerpost. Und wir machten regelmäßig Zuschauerforen in Betrieben, Schulen, Gesundheitseinrichtungen." Die Themen der Sendung setzte die Redaktion. "Heikel wurde es in den 1980er-Jahren, über Alkoholismus zu berichten", erinnert sich Siglind Zettl, während 1978 eine fundierte Sendung noch auf den stetig steigenden Konsum und die Folgen aufmerksam gemacht hatte.

"Hauptsache gesund" setzt Tradition im MDR fort

Schon 1971 gaben in einer Umfrage 46 Prozent der Menschen ein grundlegendes Interesse an medizinischem Rat an, 36 Prozent wünschten sich darüber hinaus auch mehr Wissen über einen gesunden Lebensstil. Heute tragen mehrere Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diesem Bedürfnis Rechnung. Das MDR-Magazin "Hauptsache gesund" strahlte am 3. Dezember 2020 seine 1.000. Sendung aus.

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