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"Vorgeschichtliche Erscheinung" ohne Schnickschnack

Bildrechte: imago images / Westend61

Nach einer ersten Ausschreibung für das Projekt erklärte der DPB: "Wir hatten uns unter einem Denkmale auf dem Schlachtfelde zu Leipzig ein Völkermal von vorgeschichtlicher Erscheinung ohne alle hergebrachten und aufgebrauchten Kunstformen gedacht – gelegen auf einem streng gezeichneten Hügel von regelmäßiger stilisierter Form." Hier wird nicht nur der Überdruss an der historischen Architektur deutlich, auch das Streben nach dem Elementaren, Ursprünglichen. Schon Schriftsteller Arndt hatte "etwas ganz Einfaches und Ausführliches" ohne "Äffereien der Kunst" vorgeschwebt - "ächt germanisch" eben. So versuchte man sich an den spärlichen Überresten vermeintlich germanischer Baukunst, wie dem Mausoleum des Theoderich in Ravenna, zu orientieren. Hier diente letztendlich der obere Abschluss des Grabes als Vorbild für die Kuppel.

Den Vorstellungen des Patriotenbundes entsprach am ehesten der Entwurf vom Berliner Architekten Bruno Schmitz. Der plastische Schmuck ist auf wenige Stellen und Elemente beschränkt, historische Elemente wie Säulen oder Rotunden sucht man vergebens. Das Gebäude wirkt durch seine klaren architektonischen Formen monumental und urtümlich. Die Linien des Gebäudes haben keine Brüche, sind fließend, der Bau wirkt wie aus einem Guss – eben so wie das deutsche Volk sein sollte. Durch nur grob behauene Granitblöcke sollten sowohl das Ungekünstelte wie die Wehrhaftigkeit der deutschen Nation ausgedrückt werden. Das sächsische Gestein aus Beucha galt als "nordischer und germanischer Stein." Neunzig Prozent des Bauwerks bestehen aus wuchtigem Stampfbeton, einem Baumaterial mit dem man zu damaligen Zeiten noch wenig Erfahrung hatte.

Ägypten hält Einzug

Der Ausdruck vieler Figuren wirkt grob und hart. Besonders gut sehen Besucher das an den vier Sitzstatuen der Ruhmeshalle: "Die Tugenden des deutschen Volkes während der Befreiungskriege – Tapferkeit, Opferbereitschaft, Glaubensstärke, Volkskraft" werden damit ausgedrückt, erklärt Denkmalexperte Peter Hutter die Figuren. Ob die kleinen Köpfe und massigen Körper Zufall sind? Hutter vermutet eine Vernachlässigung der Maßstäbe und keine Botschaft.

Doch durch und durch germanisch ist das Denkmal letztendlich nicht ausgefallen. Aufgrund mangelnder architektonischer Vorbilder ließ man sich darauf ein, sich an der altägyptischen Kunst zu orientieren: "Typologisch gehen diese Sitzstatuen auf die sogenannten Memmonsäulen im ägyptischen Theben zurück", so Hutter.

Das junge Deutschland setzt sich ein Denkmal

Genau zum 100. Jahrestag der Schlacht, am 18.10.1913, nach 15 Jahren Bauzeit, wurde das Denkmal eingeweiht. Der geladene Kaiser Wilhelm blieb schweigsam. Steckte zu viel Volk im Leipziger Koloss? Die Feier geriet zu einer nationalistischen Veranstaltung. Vertreter der ehemals Verbündeten waren nicht geladen. Heute ist das trotzige Denkmal vielsagendes Zeugnis einer Selbstfindungsphase der Deutschen: Es sagt mehr aus über die Zeit seiner Entstehung als über die Völkerschlacht selbst.

Quellen: Eine monumentale Aufgabe: "Die Sanierung des Völkerschlachtdenkmals Leipzig", 2013. "Das Völkerschlachtdenkmal als Gegenstand der Geschichtskultur: Vom Kult zur Kulisse", 1995.

Die SanierungNach der Wende wird klar: Am Denkmal besteht ein Sanierungsbedarf von 30 Millionen D-Mark. Nachdem ein Leipziger Pfarrer den "kontrollierten Verfall" vorschlägt, macht eine Gruppe Leipziger mobil: 1998 gründet sich ein Förderverein, der eine Sanierung vorantreiben will. Ein Jahr später fasst der Stadtrat den Beschluss, das Völkerschlachtdenkmal als Ort der Erinnerung zu erhalten. Leipzig und der Freistaat investierten bis 2013 rund 20 Millionen Euro, über 1,5 Millionen kamen durch Spenden zusammen.

Seit Beginn der Arbeiten ist die Außenfläche wieder heller und wirkt gleich weniger bedrohlich. Neu sind außerdem das Besucherzentrum, Fahrstühle und der barrierefreie Zugang. Heizung und Entwässerung wurden modernisiert, die Kriegsschäden in der Ruhmeshalle sind verschwunden, die Buntglasfenster kehrten zurück, Reiterfiguren und Kuppel sind wie neu. Eine Ausstellung zur Völkerschlacht mit originalen Dokumenten, Waffen und Uniformen wurde in den Denkmalbau integriert. Vorher mussten Besucher in einen Flachbau auf der anderen Straßenseite.

Im Wandel der WahrnehmungGerade das Schmucklose und Elementare des Völkerschlachtdenkmals lud ein, es mit verschiedenen Bedeutungen aufzuladen: Die Nationalsozialisten sahen es bei der Machtergreifung als Denkmal für den Frieden, dann bei Kriegsausbruch, als Ausdruck deutschen Kampfeswillens und zur Zeit der Luftangriffe als Mahnmal für Kriegsopfer. Die DDR-Führung suchte ihrerseits darin den Beweis für die segensreiche deutsch-russische Freundschaft und Waffenbrüderschaft.