Internierung als Zivilisationsbruch ?

Seit den ersten Internierungen gibt es immer wieder auch deutliche Kritik an dieser Form von Aussonderungs- und Abschiebepolitik. Besonders Abgeordnete der linken Parteien SPD, USPD und KPD beantragen seit November 1922 mehrfach im Preußischen Landtag die Schließung der Lager. Doch erst im Jahr der Hyperinflation, 1923, beendet der sozialdemokratische Innenminister Severing dieses Kapitel. Derselbe, der im Juni 1920 die Internierung als unumgänglich bezeichnet und angeordnet hat. Die SPD, sie ist in dieser Frage tief zerrissen. Und nicht nur sie.

Es entspricht ja auch der späteren Ideologie der Nazis, dass sich der Ostjude einnistet und sich dann transformiert und verwandelt in den deutschen Juden, der dann nicht mehr erkennbar ist.

Anne-Christin Saß Historikerin

Auch die deutschen Juden sehen in einer Solidarisierung mit den in Deutschland verhassten Ostjuden eher eine Gefahr für sich selbst. Denn eines der wichtigsten Narrative der Antisemiten lautet seit Ende des 19. Jahrhunderts schon: Alle deutschen Juden sind im Prinzip Ostjuden, d.h. niemals assimilierbar und mit der deutschen Gesellschaft vereinbar.

Verband der "Ostjuden"

Infolge der fehlenden Rückendeckung durch die deutschen Glaubensbrüder gründen die "Ostjuden" daher einen eigenen Verband, um sich gegen die Hetze zur Wehr zu setzen. Und ihre Lobbyarbeit ist nicht ohne Erfolg. Dass Preußen 1923 alle Lager schließt - trotz fortgesetzter Diffamierungskampagnen durch rechtsnationale Parteien wie der Deutsch-Nationalen Volkspartei - ist ein Zeichen für die Liberalisierung der deutschen Gesellschaft. Chancen auf Einbürgerung haben jedoch nach wie vor die wenigsten osteuropäischen Juden.

SA-Männer kleben während des Dritten Reiches ein volksverhetzendes Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an die Schaufensterscheibe eines Geschäfts, das in jüdischem Besitz ist.
SA-Männer kleben während des Dritten Reiches ein volksverhetzendes Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an die Schaufensterscheibe eines Geschäfts, das in jüdischem Besitz ist. Bildrechte: dpa

"Rechtlich kommen sie in Deutschland nie an. Infolge der rigiden Einbürgerungspraxis, die überhaupt nicht vorsieht, dass osteuropäische Juden eingebürgert werden. Wenn, dann überhaupt erst nach 20, 25 Jahren. Und dann muss man schon ein sehr gut gehendes Geschäft haben, nicht nur einen Eierhandel oder nen kleineren Kramladen. Dann gibt es die Möglichkeit. Sonst ist das unmöglich", sagt Anne-Christin Saß.

Erster wütender Mob 1923

Im Vergleich zur Situation in den Ländern, aus denen sie kommen, scheint dennoch die bessere Wahl. Bis es auch in Deutschland zu einem ersten Pogrom kommt. Als Hunderte Berliner im Herbst 1923 stundenlang umsonst nach Brotmarken anstehen, wird die Wut gezielt auf die Einwanderer im Scheunenviertel gelenkt, wo ein Mob die Geschäfte stürmt. "Dieses Pogrom von 1923, das wird tatsächlich von den Migranten auch als Pogrom wahrgenommen und so bezeichnet. Die Gewalt, die da ausgeübt wird, das ist tatsächlich für sie wie so eine Art Zivilisationsbruch. Denn viele osteuropäische Juden kommen ja nach Deutschland, weil das für sie immer noch das Land von Goethe und Schiller ist. Dass so etwas mitten in Deutschland passieren kann, das ist tatsächlich für sie ein Bruch bzw. eine Kulturschande. Und so findet es sich auch in den Zeitungen wieder", schreibt Saß weiter.

Als zehn Jahre später die Nazis an die Macht kommen, können sie so bereits auf ein geballtes Arsenal an Erfahrungen zurückgreifen, die vorangegangene Regierungen mit Razzien, Internierungslagern und affektiver Gewalt gegen Juden gemacht haben.