Spuren Sibyllas grausiges Ende

Bei den Recherchen zum Film über Sibylla von Neitschütz hat die "Geschichte Mitteldeutschlands" aufschlussreiche Dokumente entdeckt. Ein Tod durch Pocken scheint zweifelhaft.

Magdalena Sibylla von Neitschütz wird am 8. Februar 1675 als Tochter des Kommandanten der kurfürstlichen Leibgarde geboren.

Ihre frühe Jugend verbringt sie am sächsischen Hof, bereits mit 13 soll das schöne Mädchen mehrere Verehrer gehabt haben. Ihre Mutter, Ursula Margarete von Neitschütz, scheint entschlossen, Kapital aus der Anmut ihrer Tochter zu schlagen.

Ein regelmäßiger Wuchs, angenehme Gesichtsbildung und große Augen waren ihre persönlichen Vorteile, welche sie durch ein sanftes, gefälliges Benehmen in Wert zu setzen wusste.

Johannes Jühling / Johann Friedrich Klotzsch

Ein Aufstieg, der die Hierarchien durcheinander bringt

Ihr selbst sagt man eine Liaison mit dem sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. nach. Ursula Margarete von Neitschütz fördert die Beziehung ihrer Tochter zum potenziellen Thronfolger. So steigt die erst 16-jährige zur ersten offiziell legitimierten Mätresse auf. Ein Status, der neu ist am Dresdner Hof. Mutter und Tochter bziehen ein fürstliches Palais gegenüber dem Dresdner Schloss, etwa an dem Platz, wo heute das Taschenberg-Palais steht. Die Mutter erhält eine hohe jährliche Pension, der Vater wird zum Generalleutnant ernannt und zu einem der bestbezahlten Generäle in Sachsen. Später wird Sibylla gar Reichsgräfin von Rochlitz - gegen 40.000 Taler Bestechungsgeld an die kaiserliche Schatulle. Zwar lehnt es der Kaiser am Ende ab, Sibylla zur Reichsfürstin zu erheben. Doch auch so wird sie eine der vermögendsten Frauen Sachsens. Johann Georg schenkt ihr u.a. das wunderschöne Rittergut Pillnitz. Nach außen gibt sich der Hof loyal, unter der Oberfläche aber brodelt es. Der Historiker Johann Friederich Klotzsch schreibt:

Alle Patrioten verabscheuten eine nichtswürdige Person, die sich Gewalt anmaßte zum eigenen Vorteile und ehrliche Leute unter Druck setzte.

Johann Friederich Klotzsch

Auch nachdem Johann Georg am 17. April 1692 in Leipzig standesgemäß Eleonore Erdmuthe von Sachsen-Eisenach heiratet, um die Erbfolge der Wettiner zu sichern, bleibt er auf Sibylla fixiert.

Schon bei den Hochzeitsfeierlichkeitern in Torgau düpiert er seine Gemahlin:

Er hat sie also in der Öffentlichkeit wegen ihrer Garderobe getadelt, was nicht nur ein großer Fauxpax war der Braut gegenüber ..., sondern auch gegenüber ihrer Familie. Und das war ein richtiger politischer Skandal.

Dr. Anne-Simone Knöfel Historikerin

Verschollenes Dokument entdeckt!

Später soll es noch zu heftigeren Zusammenstößen kommen, die das Hofjournal überliefert. Als die Mätresse schließlich vor der neuen Kurfürstin schwanger wird, geht Sibylla aufs Ganze: Sie kämpft um eine Art Ehe-Vertrag, um ihre etwaigen Kinder als standesgemäß anerkennen zu lassen. Das Original dieses Vertrages galt als verschollen. Im Dresdner Staatsarchiv macht die "Geschichte Mitteldeutschlands" eine Entdeckung: die offizielle Abschrift des Dokuments und damit die Bestätigung ...

dass obwohl zwischen dem Kurfürsten und dem Fräulein von Neitschütz keine priesterliche Kopulation vorgegangen, der Kurfürst die Verbindung dennoch für eine rechtmäßige Ehe erklärt haben wollte, dergestalt, dass die Kinder, die aus dieser Verbindung erzeuget würden, für rechtmäßig geachtet ...

Kopie des Ehe-Vertrags aufgefunden im Dresdner Staatsarchiv

Mehr kann man als Mätresse eigentlich nicht erreichen, schätzt der Historiker Ulrich Rosseaux ein:

Das ist das Nonplusultra ... dass man also ein Dokument hat, das die eigenen Kinder als die Kinder des Herrschers legitimiert. Auch wenn in dem Ehe-Vertrag zwischen Johann Georg und Sybilla auch festgehalten ist, dass es nicht um die Nachfolge in der Kurwürde oder den herrscherlichen Rechten der Dynastie geht. Das ist ausdrücklich ausgeschlossen, insofern ist der direkten Bedrohung der Position Friedrich Augusts ein Riegel vorgeschoben. Gleichwohl bleibt es eine latente Bedrohung, denn es gibt in anderen Dynastien vergleichbare Fälle, wo sozusagen Nebenlinien aus Mätressen heraus entstanden sind. Das führt regelmäßig Ärger.

Dr. Ulrich Rousseaux Historiker

Der Ehe-Vertrag sichert Sibyllas zukünftigen Kindern den Grafenstand. Doch sie will diese Würde auch für sich und sie hat einen ersten Erfolg: Johann Georg setzt beim Kaiser durch, dass die Mätresse den Titel einer Reichsgräfin erhält. Das belegen das Dokument ihrer Erhebung und ein bisher unbekanntes und unversehrtes Wachssiegel im Dresdner Staatsarchiv. Zeitgenossen sind zutiefst überzeugt, dass Johann Georgs jüngerer Bruder Friedrich August dies gewissermaßen als Amtsanmaßung und schweren Affront empfand.