Interview mit Lew Hohmann "Sie war ihrer Zeit weit voraus"

Herr Käthe, Herrin, Gebieterin, Kaiserin - Luther gab seiner Frau am Ende viele Namen, die seinen Respekt und seine Liebe bezeugen. Sie musste sich in der Ehe mit ihm und in einer Männerwelt allerdings erstmal behaupten. Wie, das fand Autor Lew Hohmann heraus.

Wie sind Sie auf Katharina von Bora gekommen?

Das kam so: Ich habe bereits zwei Filme über Martin Luther gemacht, 1983 und 2003. Natürlich spielte Katharina von Bora da auch schon eine Rolle, aber da war nicht genug Raum, ihre Geschichte zu erzählen. Die blieb sehr fragmentarisch und auch ein bisschen von Klischees behaftet. Nun ergab sich die Gelegenheit, über Katharina von Bora einen Film zu machen. Das fand ich natürlich sehr spannend.

Katharina von Bora ist 1523 aus Marienthron geflohen, nachdem sie fast 20 Jahre im Kloster gelebt hatte. Warum eigentlich?

Ja, sie ist mit 11 anderen Schwestern aus dem Kloster Marienthron bei Nimbschen nahe Grimma geflohen. Das war die größte Nonnenflucht zur Zeit der Reformation überhaupt. Wir gehen davon aus - und die Historiker auch - dass Luthers Schriften die Nonnen in ihrem Glaubenskonzept sehr verunsicherten. Wenn man Nonne wurde, wurde man mit Christus vermählt, damit verbunden war die Verheißung, nach dem Tod ins Paradies zu kommen. Und plötzlich kam da dieser aufrüherische Bettelmönch und behauptete das Gegenteil, argumentierte sogar mit der Bibel: "Seid fruchtbar und mehret euch", heißt es ja darin. Martin Luther schloss daraus, die Menschen seien also da, um
Familien zu gründen, nur so erlangten sie Gottes Heil. Offenbar kamen die jungen Nonnen zur Überzeugung, dass sie ihr Leben ändern müssen. Und das Spannende an der Geschichte ist, dass sie nicht irgendwohin geflohen sind, sondern zum Verursacher dieser Beunruhigung, nämlich direkt nach Wittenberg ins Zentrum der Reformation und zu Luther.

Was bedeutete diese Flucht für eine Nonne in der damaligen Zeit?

Einerseits konnten die Nonnen sich nicht mehr sicher sein, dass sie das richtige Lebens- und Glaubenskonzept haben, wenn sie im Kloster bleiben. Andererseits war es für sie natürlich sehr bedrohlich, in eine fremde und für sie unbekannte Welt hinauszuziehen. Die Frau definierte sich zu dieser Zeit nur über den Mann. Den hatten sie nicht. Zudem brachen sie durch die Flucht einen heiligen Eid. Sie standen da ohne Einkommen. Sie fielen aus der sozialen Ordnung. Sie galten als "vogelfrei", rechtlos. Sie waren also meist darauf angewiesen, einen Mann zu finden, der sie heiratet. Und das war dann eigentlich die Problematik, vor der Luther stand, als Katharina von Bora mit den anderen Nonnen in Wittenberg eintraf. Er musste sich darum kümmern, für sie Männer zu finden.

Wie hat sie Martin Luther eigentlich für sich entdeckt? Denn der Reformator war ja - wie sie im Film erzählen - nicht von Anfang an begeistert von Katharina, wie er in einem Brief 1525 schrieb: "Meine Käthe hatte ich damals nicht lieb, denn ich hatte den Verdacht, sie wäre stolz und hoffärtig".

Also wenn man rekonstruiert, was nach der Ankunft 1523 in Wittenberg passiert ist, war in der Tat nicht zu vermuten, dass Luther und Katharina von Bora zusammenkommen. Denn sie hatte sich zunächst verliebt in einen Studenten, in den Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgarten, der wurde dann aber zurückgerufen von den Eltern, die seine nicht-standesgemäße Verbindung zu einer entlaufenen Nonne nicht erlaubten. Luther hat sich danach weiter um andere Ehekandidaten für Katharina bemüht, schließlich schlug er den Pfarrer Kaspar Glatz aus Orlamünde vor. Aber den lehnte sie als zu alt und zu geizig ab.

Eigentlich konnte sie sich das in ihrer Situation nicht leisten, aber sie tat es. Insofern ist das richtig, dass Luther sie zunächst wohl "stolz und hoffärtig" fand. Aber dann ist es offenbar so gewesen, das sie als einzige übrig geblieben ist und Luther plötzlich das Gefühl hatte, er müsste eine Familie gründen. Auch um seine Theorien zu leben, ihn peinigte ja auch die Vorstellung, dass ihm die Gegner der Reformation nach dem Leben trachteten. Ich denke, am Anfang war es eher eine Zweckgemeinschaft, die sich dann aber völlig anders entwickelte.

Katharina von Bora war nicht nur Hausfrau und Mutter, sondern auch eine gute Geschäftsfrau. Sie erzählen, Luther hatte am Anfang der Ehe kaum Besitztümer, Katharina machte ihn zu einem wohlhabenden Mann. Wie das?

Die soziale Ausgangssituation war in der Tat so, dass beide nichts besaßen. Katharina hatte ohnehin keinen Besitz. Luther war zwar Professor an der Universität von Wittenberg, bekam dafür aber zunächst kein Honorar. Er lebte anfangs nach wie vor als Bettelmönch von den Spenden, er hauste in diesem riesigen "Schwarzen Kloster" und schlief auf einem fauligen Strohsack. Nach der Heirat ging es aufwärts. Er bekam ein gutes Gehalt, so dass sie erstmal eine finanzielle Grundlage hatten.

Und dann hat Katharina in der Tat den Besitz stark vermehrt, indem sie im "Schwarzen Kloster" eine Pension aufmachte, für Studenten und andere Gäste, mit Vollverpflegung! Diese Pension oder Burse war um einiges größer als andere. Es war üblich, dass man drei oder vier Studenten bei sich aufnahm, aber nicht 10 oder mehr. Familie, Gesinde und Gäste inbegriffen, saßen an der Tafel bei Luthers täglich etwa 40 Leute. Und Katharina hatte offenbar ein gutes Händchen, so dass die Einkünfte nicht nur zum Leben reichten, sondern dass davon auch noch was übrig blieb. Damit vergrößerte sie ständig das Unternehmen, kaufte Land dazu, Äcker, die bewirtschaftet werden konnten. So musste man die Nahrungsmittel nicht auf dem Markt kaufen, wo sie viel teurer waren. Am Ende seines Lebens war Luther einer der größten Grundbesitzer in Wittenberg. Dass ein gewisses Kapital da war, das ist allein ihr Verdienst. Das war schon sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit.

Ungewöhnlich war wohl auch, dass sie an den Tischgesprächen unter den gelehrten Männern teilnahm ...

Ja, sie hat tatsächlich auch insofern zur Reformation beigetragen, als sie dafür sorgte, dass sich ein Forum im Forum etablierte. Viele der Gespräche, die in den über 3.000 Tischreden Luthers aufgezeichnet sind, fanden hier statt. In den
Tischrunden wurden Gedanken ausgetauscht, die in die Welt gingen. Und das war nur möglich auf der Basis ihres Unternehmens, das sie sehr clever und sehr erfolgreich geleitet hat.

Was weiß man heute über die Lebensgeschichte von Katharina von Bora sowohl vor als auch nach ihrer Zeit mit Martin Luther?

Wenig. Es gibt einige Briefe, vier davon sind rein geschäftlicher Natur und nicht von ihr selbst geschrieben, darin geht es um Grundbesitz und andere Dinge. Es gibt nur einen einzigen Brief, von ihrer Hand, der ist aber verschollen, wir kennen nur den Text. Darin äußert sie sich nach Luthers Tod zur Reformation. Es gibt einige Porträts, es gibt zwei bis drei Urkunden, in denen sie erwähnt wird. Alles andere sind Zeugnisse aus zweiter Hand, natürlich vor allem von Luther und von anderen Zeitzeugen. Das bedeutet, man kann über das Leben von Katharina von Bora nur fundiert spekulieren. Das betrifft auch die Zeit in Wittenberg, in der es durchaus Lücken gibt. Wir wissen einiges und wir können uns einiges zusammenreimen, aber es kann auch anders gewesen sein. Es ist also eine Indizienkette, die wir aufbauen. Mehr kann man nicht tun.

Haben Sie bei Ihren Recherchen Neues über das Leben von Katharina von Bora herausgefunden?

Eigentlich liegt alles offen und schon seit Jahren kommt auch nichts Neues hinzu. Aber was bisher in den Darstellungen keine große Rolle spielte, ist die Tatsache, dass Katharina ursprünglich wirklich einen anderen Mann liebte, den sie aber nicht bekommen hat. Luther war also nicht ihre erste Wahl. Das ist schon ungewöhnlich, dass sie diesen Mut und diesen Stolz hatte, sich in dieser Sache zu artikulieren. Deswegen bauen wir diese Geschichte auch sehr stark aus als einen Beleg für ihren Charakter, der eigentlich eher der einer modernen Frau ist und gar nicht in diese Zeit hineinpasst.

Hat sich Ihre Sicht auf diese Frau während der Arbeiten an dem Film geändert?

In diesem Zeitraum nicht, aber als ich 2003 am Luther-Film für die Geschichte Mitteldeutschlands gearbeitet, war mir noch nicht bewusst, dass es da durchaus Differenzen und Klüfte gab anfangs zwischen ihr und Luther, dass sie sich da behaupten musste und sich auch emanzipiert hat innerhalb dieser Beziehung. Mir war auch nicht so klar, welche Riesenleistung sie vollbracht hat, denn sie hat ja nicht nur diesen Geschäftsbetrieb gehabt, sondern auch sechs Kinder geboren, von denen zwei starben. Und sie hat sich natürlich auch mit diesem Mann rumplagen müssen, der kein einfacher Mensch war. Er war hochgradig neurotisch, litt unter Verfolgungswahn und furchtbaren Krankheiten. Also ich glaube, dass war schon ein hoher Betreuungsaufwand, den man da betreiben musste als Frau, um es ihm recht zu machen. Das war mir vorher nicht so klar. Sie lebte auf Augenhöhe mit ihm, was sich ja auch in seinem Testament ausdrückte.

Welche Rolle spielt Katharina von Bora für die heutige Zeit, aus der verfemten entlaufenen Nonne wurde über die Jahrhunderte ja die "Vorzeigefrau der Reformation"?

Ich finde, das ist etwas ambivalent. In evangelischen Kreisen wird sie immer als das Idealbild der dienenden Pfarrersfrau dargestellt, was aber zu wenig ist und auch zu einseitig. Abgesehen davon: Luther hat zwar gepredigt, aber er war kein Pfarrer. Das Zusammenleben der beiden wird immer gern so ein bisschen als heile Welt und als Vorbild für heutige Familiensituationen dargestellt. Ich denke, es war sehr viel problematischer und sehr viel konfliktreicher. Insofern würde ich eher denken, dass Katharina von Bora ein Vorbild für eine emanzipierte, erfolgsorientierte Frau ist.

Wenn man bedenkt, dass ihr Leben fast 500 Jahre zurückliegt, ist das natürlich unglaublich fortschrittlich. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie in diese Zeit überhaupt hineingepasst hat, aber sie hat sich in dieser Zeit behauptet und das hat Luther später mitbefördert. Also er war, so gesehen, irgendwann so gut von ihr erzogen worden, dass er auch seiner Zeit voraus war.