Marie Thérèse Charlotte von Bourbon

(1778-1851)

Kindheit bei Ausbruch der Französischen Revolution

Der Sturm auf die Bastille, am 14. Juli 1789, markiert den Ausbruch der Revolution in Frankreich. Während König Ludwig XVI. und seine Gattin Marie Antoinette, eine Kaisertochter aus Österreich, unverändert ihren verschwenderischen Lebensstil pflegen, muss das französische Volk hungern. Was anfangs eine Erhebung gegen die menschenunwürdigen Verhältnisse ist, richtet sich schließlich auch gegen den Monarchen und die Königsfamilie.

Das Königspaar hat vier Kinder, von denen jedoch nur eine einzige Tochter die Wirren der Revolution überlebt: Marie Thérèse Charlotte von Bourbon, geboren am 19. Dezember 1778. Madame Royale, wie in Frankreich die älteste Königstochter bis zu ihrer Heirat offiziell genannt wird, muss in ihrer Kindheit nichts missen. Die französische Prinzessin wächst in Versailles und im Pariser Stadtschloss Tuilerien auf. Von den Ereignissen außerhalb der Palastmauern bekommt sie kaum etwas mit. Ihre Mutter, Königin Marie Antoinette, verwöhnt die kleine "Madame Royale" und ihre Geschwister mit Kinderbällen, kostbaren Kleidern und Spielzeug.

Gefangenschaft im Temple

Nachdem die Revolutionstruppen am 10. August 1792 die Tuilerien gestürmt haben, wird der französische König abgesetzt und vor der Nationalversammlung des Hochverrats angeklagt. Der Nationalkonvent übernimmt die Regierung in Frankreich. Die königliche Familie wird in das Pariser Gefängnis "Temple", früher eine Burg der Tempelritter, überführt. Dort hält man sie zunächst gemeinsam gefangen. Später folgt Einzelhaft. Marie Thérèse sieht ihren zum Tode verurteilten Vater am Abend des 20. Januar 1793 das letzte Mal. Am Folgetag fällt der Kopf Ludwigs XVI. unter der Guillotine. Nach dem Tod des Königs erhält sein Sohn, der Thronfolger Charles Louis, von den Royalisten den Titel Ludwig XVII., ohne jedoch jemals zu regieren. Er stirbt nach offiziellen Angaben 1795 im "Temple". Neun Monate später stirbt
Marie Antoinette durch die Guillotine. Marie Thérèse weiß nichts vom Schicksal ihrer Mutter und
ihres jüngeren Bruders. Nachdem der Tod Ludwigs XVII. an die Öffentlichkeit gedrungen ist, gibt sich der Graf der Provence, ein Onkel der jungen Madame Royale, den Titel Ludwig XVIII. und signalisiert damit seinen Anspruch auf den Thron von Frankreich. Später wird er sich darum bemühen, Einfluss auf seine Nichte Marie Thérèse zu gewinnen.

Im Gefängnis wird die Königstochter äußerst rau behandelt. Man spricht nicht mit ihr, durchsucht ständig ihr Zimmer nach verbotenen Dingen. Die Einzelhaft bewirkt nicht nur eine Verkümmerung ihrer Sprache, sondern schlägt sich auch auf die Psyche der Prinzessin nieder. Es gibt Vermutungen, dass sie während ihrer Gefängniszeit vergewaltigt und geschwängert geworden sei. Für eine standesgemäße Verheiratung wäre Marie Thérèse in dem Fall nicht mehr tragbar gewesen. Mehr und mehr erheben sich Stimmen gegen die Inhaftierung der bourbonischen Prinzessin. Auch das österreichische Kaiserhaus bemüht sich nun darum, die Verwandte zu befreien und nach Wien zu holen. Im Juni 1795 beschließt der Nationalkonvent die Freilassung.

Madame de Chanterenne

Zur Vorbereitung der Haftentlassung beschließt der Konvent, Marie Thérèse eine Gesellschafterin zu schicken. Im Juli 1795 erlaubt man der jungen Renée de Chanterenne, die königliche Gefangene in dieser Funktion aufzusuchen. Ihr Gemahl hat zu jener Zeit den Posten eines Geheimpolizisten inne, was einigen Forschern zufolge dazu führte, dass gerade Madame de Chanterenne den Auftrag erhielt. Ihrer Gesellschafterin hat die Königstochter viel zu verdanken. Geduldig bringt sie der Prinzessin zunächst wieder das Sprechen bei. Madame de Chanterenne lehrt sie nicht nur die höfische Etikette, sondern gibt Marie Thérèse auch menschliche Wärme, die sie so lange entbehren musste.

Sowohl ihr Onkel Ludwig XVIII., als auch ihre habsburgischen Verwandten in Wien schmieden zu diesem Zeitpunkt bereits Heiratspläne für die Prinzessin. Als Alleinerbin des Bourbonen-Vermögens gilt Marie Thérèse eine exzellente Partie. Allgemein geht man davon aus, dass derjenige, der die Königstochter zum Altar führt, gute Aussichten auf den französischen Thron hat.

Im Exil

Am 18. Dezember 1795 wird Marie Thérèse aus der Gefangenschaft entlassen. Tags darauf besteigt sie eine Kutsche in Richtung Wien. Im Austausch gegen die Prinzessin lässt Österreich zwölf französische Kriegsgefangene frei. Auf französischem Boden bezieht Marie Thérèse am 24. Dezember 1795 ein letztes Mal vor der Schweizer Grenze im "Hotel zum Raben" in Hüningen (Huningue) Quartier. Für die Bourbonin beginnt nun ein unstetes Wanderleben in Europa. In Wien kommt sie am 9. Januar 1796 an, wo sie sich mit Unterbrechungen bis Mitte 1799 aufhält. Franzosen wird am österreichischen Kaiserhof der Kontakt mit Madame Royale verboten. Schließlich befindet sich Österreich mit Frankreich im Krieg.

Entgegen der Wünsche am Wiener Kaiserhof heiratet Marie Thérèse am 10. Juni 1799 ihren Cousin, Louis-Antoine, den Herzog von Angoulême, eine Verbindung ganz im Sinne ihres Onkels Ludwigs XVIII. Die Hochzeit findet im lettischen Mitau (heute Jelgava) statt, wo Ludwig im Exil lebt. Seit Napoleon seinen Eroberungszug durch Europa antritt, leben Marie Thérèse und ihr Gemahl ständig auf gepackten Koffern. Sie sind auf der Flucht vor den napoleonischen Häschern.

Zurück in Frankreich

Nach der Niederlage von Napoleons "Grande Armée" in der Völkerschlacht bei Leipzig besteigt Ludwig XVIII. 1814 als König den Thron von Frankreich. Auch Marie Thérèse, die jetzige Herzogin von Angoulême, ist in seinem Gefolge. In Paris lässt sie die Gräber ihrer hingerichteten Eltern suchen, die Leichen exhumieren und sie am 21. Februar 1815 in der Kathedrale von Saint-Denis nochmals beerdigen. Als Napoleon aus seinem Exil zurückkehrt, muss auch Marie Thérèse mit ihrem Gemahl das Land wieder verlassen. Gemeinsam mit Ludwig XVIII. kehren sie nach der Schlacht von Waterloo, der endgültigen Niederlage Napoleons, wieder nach Paris zurück.

Marie Thérèse ist bis zum Tod Ludwigs XVIII., am 16. September 1824, an seiner Seite und berät auch den nachfolgenden König Karl X., ihren Schwiegervater. Als 1830 in Frankreich erneut die Revolution ausbricht, wird Karl X. gestürzt. Am 2. August wird der Herzog von Angoulême nach dem Erbrecht für knapp 20 Minuten neuer Monarch von Frankreich. Exakt für diese Zeit ist auch Marie Thérèse Königin von Frankreich, bis ihr Mann die Abdankungsurkunde unterzeichnet hat.

Wieder im Exil

Erneut zieht Marie Thérèse mit ihrem Gemahl durch Europa. Den Royalisten gilt der Herzog von Angoulême nach dem Tod seines Vaters als der neue legitime König: Ludwig XIX. Marie Thérèse firmiert so von 1836 bis zum Tod ihres Mannes, im Jahr 1844, als Titularkönigin von Frankreich. Danach kauft sie Schloss Frohsdorf in Niederösterreich. Dort lässt sie eine Mädchen- und eine Volksschule errichten, die von französischen Nonnen geleitet wird. Marie Thérèse, die Herzogin von Angoulême, stirbt am 19. Oktober 1851 in Frohsdorf an den Folgen einer Lungenentzündung. Begraben wird sie neben ihrem Schwiegervater Karl X. in der Bourbonengruft des Franziskanerklosters Kostanjevica bei Görtz (heute Nova Gorica in Slowenien), wo Mitglieder der französischen Königsfamilie nach ihrer Flucht aus Frankreich eine Bleibe fanden.