Zeitungsfachmann, Buchdrucker und Feingeist Timotheus Ritzsch - Schöpfer der ersten Tageszeitung

Nein, der üble Geselle, der mit anderen Zeitungsschreibern nur im Streit lebte und anderen missgünstig gestimmt war, ist Timotheus Ritzsch bestimmt nicht gewesen. Hier muss der vorherrschenden Tendenz in der Geschichtsschreibung deutlich widersprochen werden. Ritzsch konnte durchaus tolerant und kompromissbereit sein. Vor allem aber war er ein moderner Geschäftsmann, ein künstlerischer Feingeist und – wenn es so etwas im 17. Jahrhundert überhaupt schon gab – so ein bisschen "Mann von Welt".

Ritzsch wurde 1614 als Sohn des Leipziger Buchdruckers Gregor Ritzsch geboren. Mit mehreren Semestern Universitätsstudium zählte Timotheus Ritzsch zu den seinerzeit hochgebildeten Kreisen. Von besonderer Bedeutung für seine spätere Arbeit war, dass Ritzsch in jungen Jahren die Niederlande und Frankreich bereist hatte, um Land und Leute sowie deren Sprache kennenzulernen. Später sollte er die Sprachkenntnisse als wichtige Berufsvoraussetzung benennen.

In jungen Jahren hatte er selber entsprechende Vorsorge getroffen. Vor allem hatte er aber die hochentwickelten Niederlande kennengelernt. Möglicherweise eignete er sich hier auch das Geschäftliche an.

Professionelle Erfahrungen im Ausland gesammelt

Die Voraussetzungen, um als Buchdruckermeister zu arbeiten, erwarb sich dagegen Timotheus Ritzsch vermutlich in der Druckerei seines Vaters. Nach seiner Rückkehr aus dem Ausland arbeitete Timotheus Ritzsch aber Ende der 1630er-Jahre offensichtlich hauptsächlich als Buchhändler. Er nahm zunächst im Großen Fürstenkolleg in der Ritterstraße seinen Wohnsitz.

Als 1640 in Leipzig eine Feier zu Ehren Gutenbergs veranstaltet wurde, fand Ritzsch bereits als Buchdruckermeister Erwähnung. Bei dieser Gelegenheit verfasste Ritzsch auch sein bekanntes "Emblematisches Jubelgedicht", das Gutenbergs Erfindung feierte.

Etwa seit 1643 – in jenem Jahr starb auch sein Vater – wohnte Timotheus Ritzsch im "Druckerey-Haus" in der späteren Ritterstraße 25. Hier entstanden auch bis zum Jahre 1651 Ritzschs Zeitungen. Es spricht einiges dafür, dass Ritzsch die Druckerei gemeinsam mit seinem Schwager nutzte, dem Buchdrucker Timotheus Höhne.

Erst im Jahre 1651 erwarb Ritzsch aus dem Erbe seines Vaters das "Druckerey-Haus", um es dann sofort wieder zu verkaufen. Wenige Wochen später übernahm Ritzsch dann ein teureres und größeres Gebäude in der Reichsstraße 9, wo er sich ansiedelte und auch sein Geschäft untergebracht haben dürfte.

Schöpfer mehrerer Zeitungen

Mehrfach übernahm Timotheus Ritzsch die Herausgabe von Zeitungen. Ab 1643 entstand in seiner Druckerei die vom schwedischen Postmeister zu Leipzig in Auftrag gegebene "Wöchentliche Zeitung". Deren Titel täuscht: Denn schon ab 1644 gab es von ihr vier bis fünf Ausgaben in der Woche. Mit dem Abzug der Schweden zur Mitte des Jahres 1650 endete auch das Leben dieses Blattes. Ritzsch begann jetzt mit dem Druck der eigenen Zeitung, den "Einkommenden Zeitungen", für die er schon im Jahre 1649 vorsorglich ein Privileg des sächsischen Kurfürsten erhalten hatte. Nachdem Leipzigs Postmeister Christoph Mühlbach 1652 begonnen hatte, ein eigenes Blatt zu verbreiten, einigten sich Ritzsch und Mühlbach Mitte 1652 auf ein gemeinsames Blatt: "L. Einkommende Ordinar- und Post-Zeitungen", wobei die Abkürzung "L." für Leipzig stand.

Als Ritzschs Privileg im August 1659 auslief, erhielt er nach längeren Bemühungen mit Beginn des Jahres 1660 erneut das Recht, eine Zeitung zu produzieren. Sie erschien bis zum Ende des Jahre 1671 unter dem Titel "Neu-einlauffende Nachricht von Kriegs- und Welthändeln". Erstmals warb Ritzsch bei diesem Periodikum mit dem täglichen Erscheinen. Eine nochmalige Verlängerung des Privilegs erreichte Ritzsch nicht mehr. Jahre zuvor hatte er sich noch darum bemüht. War aber dann dem inzwischen 57-Jährigen der Elan abhanden gekommen? Da mochte vielleicht auch eine Rolle spielen, dass seine beiden erwachsenen Söhne – auch der als Nachfolger ins Auge gefasste Timotheus Ritzsch junior – schon in jüngeren Jahren verstarben. Waren sie möglicherweise schon 1671 gesundheitlich nicht mehr in der Lage, das Geschäft zu übernehmen?

Angehöriger der geistigen Elite Leipzigs

Wenn man vom Buchdrucker Ritzsch spricht, darf man sich keinen schlichten Handwerksmeister vorstellen. Buchdruckermeister verstanden sich seinerzeit als Künstler und leisteten sich ein elitäres Auftreten. Timotheus Ritzsch besaß auch eine über den Buchdruck hinausgehende künstlerische Veranlagung. Neben dem genannten Jubelgedicht entstand bei ihm manches kleinere Werk für den Tagesgebrauch.

Der Leipziger Literaturwissenschaftler Georg Witkowski würdigte Ritzsch zudem als Übersetzer der "Alexandrinerdichtungen" des Holländers Cats. Auch andere Übersetzungen hat er offenbar selber vorgenommen.

Schon Ritzschs Vater hatte sich mit zahlreichen Liedern, die sich mit dem dreißigjährigen Krieg befassten, einen Namen gemacht. Es handelte sich vor allem um Lieder auf den Schwedenkönig Gustav I. Adolf – Lieder aus denen Zuversicht sprach, dass der König nun der Not ein Ende bereite. Und nach Gustav Adolfs Tod folgten dann Lieder, in denen der Verlust des Schwedenkönigs tief betrauert wurde.

Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass das frühere pro-schwedische Auftreten seines Vaters dem Sohn nützlich war, als es nach der neuerlichen Besetzung Leipzig durch die Schweden 1642/43 darum ging, einen Drucker für die neue Zeitung zu finden.

Zudem kann man wohl davon ausgehen, dass Künstlern das Haus der Ritzschs offen stand. So pflegte der bedeutendste Poet jener Jahre, Paul Fleming, zur Familie Ritzsch freundschaftliche Beziehungen. Auch andere Verwandte von Timotheus Ritzsch gehörten zu den geistigen Eliten Leipzigs: So der Verfasser der bekannten "Leipzigische Chronicke", Tobias Heydenreich – ein Schwager von Timotheus Ritzsch. Oder der bekannte Buchhändler Georg Heinrich Frommann: Er war einer von Timotheus Ritzschs Schwiegersöhnen.

Kein speichelleckender Untertan

Auch beim Kurfürsten besaß Ritzsch eine Vertrauensstellung. Das sieht man schon daran, dass Ritzsch seine Zeitungen nicht zur Zensur vorlegen musste. Auch die Privilegienvergabe muss als Vertrauensbeweis gesehen werden. Es gab in Kursachsen keinen anderen Buchdrucker, der einen vergleichbaren Gnadenbeweis noch zu Ritzschs Lebzeiten erhielt.

Ritzsch konnte sich auch eine offene Sprache gegenüber dem Kurfürsten erlauben. Befehle des Kurfürsten, anderen Leipzigern Freiexemplare zu liefern, führte Ritzsch nicht aus. Dafür argumentierte er geschickt juristisch und legte dem Kurfürsten entschieden dar, dass der ein überhöhtes Ansinnen gestellt hätte. Als Ritzsch dann gar drohte, er würde den Zeitungsdruck ganz einstellen, wenn ihm neue Lasten auferlegt würden, lenkte der Kurfürst ein.

Ein erster Zeitungsfachmann

Von Ritzsch ist bekannt, dass er die Produktion von Zeitungen als ein "schwierig werck" bezeichnete. Er betrachtete vor allem die Beherrschung fremder Sprachen als wichtige Voraussetzung, um Zeitungen herzustellen. Nur so konnten Informationen von Augenzeugen oder von wenigstens gut informierten professionellen Korrespondenten aus dem Ausland bezogen werden.

Ein anderer Leipziger Zeitungsproduzent meinte hingegen: So schwierig sei die Sache nicht.

Zeitung Drucken [...] erfordert nur einen großen fleiß, daß man sie offt überlieset, damit nicht ein Ding 2 oder 3 mal gedruckt und das alte nicht wieder repetiret wird,

hieß es in einem amtlichen Protokoll. Fremdsprachenkenntnisse besaß Ritzschs Konkurrent nicht, weshalb er für seine Zeitungen darauf angewiesen war, in Leipzig ankommende Kaufleute und andere Reisende über auswärtige Vorgänge auszufragen.

Ritzsch erwies sich als ein moderner Unternehmer, der sich vom alten Zunftdenken verabschiedet hatte und die freie Konkurrenz suchte. Geschickt setzte er Werbebriefe und öffentliche Anschläge ein, um für seine Zeitungen zu werben. Dass er die Aktivitäten seiner Konkurrenten ausforschte, um ihnen die "Kundleute" abspenstig zu machen, galt seinerzeit als unerhört. So verlangte Ritzschs Konkurrent Georg Kormart noch 1660 vom Kurfürsten, dieser solle von Ritzsch fordern, die abgeworbenen Kunden wieder an Kormart zu verweisen.

In der wissenschaftlichen Literatur wurde Ritzsch oft unfreundlich behandelt. Das hing damit zusammen, dass die überlieferten Akten Rechtsstreitigkeiten, aber keine Informationen über den Alltag enthalten. Behauptungen, Ritzsch habe sich die "lebenslange Feindschaft" seiner Konkurrenten zugezogen, wirken wenig überzeugend. Die Rechtsauseinandersetzungen endeten in der Regel mit Kompromissen. Diese Kompromisse sahen so aus, dass die "verfeindeten" Konkurrenten dann meist gemeinsam die Zeitungsproduktion bewerkstelligten.

Neben der Druckerei und seinem Buchhandel muss Timotheus Ritzsch noch eine eigene Schriftgießerei betrieben haben. Da er mit hohem Geldaufwand Rechte für wissenschaftliche Buchveröffentlichungen erwerben konnte, dürften Behauptungen anderer Bewerber um ein Zeitungsprivileg, dass Ritzsch recht vermögend gewesen sei, den Tatsachen entsprechen. Drucke aus Ritzschs Druckerei sind bis in sein Todesjahr 1678 nachweisbar.

Timotheus Ritzsch wurde am 6. Februar 1678 in Leipzig zu Grabe getragen. Sein bis dahin erworbenes Ansehen geht auch aus dem Rathsbuch der Stadt Leipzig hervor: Vom "Wohlehrenwe[r]te[n] Vorachtbare[n] und wohlgelarte[n] H. Timotheus Rizsch Churfürstl. Durchl. zu Sachßen gewester corresponzenz Secretarius auch Bürger und Buchführer alhier" ist hier wenige Wochen nach Ritzschs Tode die Rede.