"Junkerland in Bauernhand" Justizia, der Adel und der Staat

30. Juli 2019, 12:43 Uhr

Mit der Einführung der Republik 1919 endete das Kaiserreich in Deutschland. 22 Monarchien hörten auf zu existieren. Doch bis heute sorgen die Restitutions-Ansprüche immer wieder für Rechtsstreit. Der Freistaat Sachsen verhandelte 20 Jahre lang mit dem Fürstenhaus der Wettiner. Erst 2014 wurde von beiden Seiten ein einvernehmlicher Schlussstrich gezogen. Anders als bei den Hohenzollern. Es ist Mitte 2019 - und der Adel und das Land Brandenburg befinden sich am Anfang einer Einigung.

Mit dem Ende des Deutschen Kaiserreichs kam auch das Ende des deutschen Adels. Als die Weimarer Verfassung am 14. August 1919 in Kraft trat, hörte der Adel rechtlich auf zu existieren. Er verlor zugleich seine Titel und sämtliche Privilegien. In sogenannten Auseinandersetzungsverträgen wurde geregelt, welche Besitztümer im Privatbesitz der Adelshäuser blieben und welche in staatlichen Besitz übergingen. Den vormals regierenden Häusern wurden in der Regel einige Schlösser und Ländereien zur Bewirtschaftung überlassen.

Sachsens letzter König verhandelte schon ab 1919

Doch dem Adel war und ist dass bis heute nicht genug. Bereits Ende 1919 nahm König Friedrich August III. die ersten Verhandlungen mit dem Staat auf. 400 Weinflaschen aus seiner alten Residenz in Dresden verlangte er vom Freistaat Sachsen, als er sich im Exil auf Schloss Sibyllenort in der schlesischen Provinz befand. Sachsens letzter König war zuvor, am 8. November 1918, aus Dresden geflohen und hatte fünf Tage später auf seinen Thron verzichtet. Seine Besitztümer waren nach der Abdankung beschlagnahmt worden.

Wegen seiner 400 Säle und Salons wurde Schloss Sibyllenort auch als "zweites Versailles" bezeichnet. Dort verbrachte der einstige Herrscher seine Tage nun mit Jagdausflügen, Spaziergängen, Zeitungslektüre und gelegentlichen Skatrunden. Seinen vormals luxuriösen Lebensstil hielt er, so gut es ging, aufrecht. Dazu zählten unter anderem die vielen Bediensteten, deren Löhne jährlich 200.000 Mark verschlangen.

Meuterei der Matrosen

Zwei Monate vor Friedrich Augusts III. Flucht ins Exil, im September 1918, war der Obersten Heeresleitung klar, dass der Erste Weltkrieg für Deutschland verloren war. Die Soldaten sollten dennoch weiter in aussichtslose Schlachten ziehen. Das sorgte für Unmut in der Soldatenschaft, vor allem bei den Matrosen. In Kiel und Wilhelmshaven weigerten sie sich auszulaufen und rebellierten. Daraufhin bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte, die die Abschaffung des Kaiserreichs forderten. Im gesamten Land breitete sich ein Flächenbrand aus, der in der Novemberrevolution gipfelte.

"Totale Umwälzung des Staatsgefüges"

Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung fand der einst so bejubelte Kaiser Wilhelm II. keine Unterstützung mehr in der Bevölkerung. Am 9. November 1918 wurde das Schicksal des deutschen Kaiserreiches in Berlin besiegelt. Prinz Max von Baden übergab sein Reichskanzleramt an den MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Am gleichen Tag riefen sowohl sein Parteikollege Philipp Scheidemann, als auch der spätere Mitbegründer der KPD, Karl Liebknecht, die Republik aus. Was dann folgte, bezeichnet der Journalist und Adelsexperte Jürgen Worlitz als "totale Umwälzung des Staatsgefüges". Der Grundstein für die erste parlamentarische Republik in Deutschland, die Weimarer Republik, war gelegt. Damit war das deutsche Kaiserreich Geschichte – und mit ihm insgesamt 22 Monarchien auf deutschem Boden.

Entschädigung für die Adelshäuser

Friedrich August III. führte ab 1919 mit dem Freistaat Sachsen Rückgabe-Gespräche über die konfiszierten Güter. Seinen Wunsch nach den Weinflaschen bewilligte der Innenminister – wenn auch nur 200 statt der geforderten 400. Des Weiteren wurden "den Wettinern in Sachsen mehrere Schlösser, Grundstücke, Wälder und Fischereirechte überlassen. Davon konnten sie weiterhin gut leben. Es war natürlich keine höfische Pracht mit Paraden oder Ähnlichem mehr möglich, aber es war ein ganz normales Auskommen. In der Regel konnten die ehemals regierenden Häuser zufrieden sein", meint Adelsexperte Worlitz.

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Friedrich August III. Kurz nach seiner Abdankung 1918

Enteignung in der DDR

Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine weitere Zäsur für den Adel in Deutschland – vor allem für die Häuser, die sich in der sowjetischen Besatzungszone befanden. Die Parole "Junkerland in Bauernhand" machte eindeutig klar, dass der Adel zum Feindbild geworden war. In Folge der Bodenreform, die im September 1945 begann, wurden viele Adlige enteignet. Die ökonomische Grundlage wurde ihnen damit entzogen.

Besonders betroffen war das Haus Preußen

Fast alle Besitztümer der brandenburgisch-preußischen Linie der Hohenzollern-Dynastie, die den letzten deutschen Kaiser gestellt hatte, gingen verloren. Von mehreren Tausend Hektar Land verblieben nur wenige sowie ein Teil der Hohenzollernburg in ihrem Besitz.

Wie viele andere Adlige in der sowjetischen Besatzungszone, flüchtete die Familie Hohenzollern nach Westdeutschland. Nach mehreren Zwischenstationen landete sie in einem Vorort von Bremen. Mit kleiner Hofhaltung wohnten sie dort in einer Villa. In der Bedeutungslosigkeit verschwand das einstige Herrscherhaus nicht. Vor allem Louis Ferdinand von Preußen, der ab 1951 der Chef des Hauses Hohenzollern war, trat öffentlich in Erscheinung: "Louis Ferdinand von Preußen war nach dem Krieg die größte Gestalt, die das Haus Preußen hervorgebracht hatte. Er war beliebt. Jedermann kannte ihn. Er war sogar einmal als Bundespräsident im Gespräch", erzählt Adelsexperte Worlitz.

Der Adel heute in Deutschland

Jürgen Worlitz
Jürgen Worlitz arbeitet als Adelsexperte fürs Fernsehen. Zuvor war 35 Jahre als schreibender Journalist und Bildreporter unterwegs. Bildrechte: Jürgen Worlitz

Was ist heute noch vom Adel übrig? Worlitz bescheinigt dem Adel noch immer eine große Strahlkraft: "Am Adel gibt es ein immenses Interesse, besonders an großen Namen europäischer Adelshäuser. In Deutschland ist das Interesse regional begrenzter. Das heißt, dort wo ein Schloss ist, wie beispielsweise in Neuschwanstein. Dort wandern die Leute zu Tausenden hin, um in die Welt des Adels reinzuschnuppern."

Doch der Adel heute, der interessiert sich für die Erinnerungs- und Kunststücke oder Gebäude, die einst die Vorfahren bauten und bewohnten. Wie auch Georg Friedrich Prinz von Preußen – der Ur-Ur-Enkel des letzten deutschen Kaisers. Er stellt nun umfassende Forderungen an das Land Brandenburg. 100 Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs.

(mn/jk)

Über dieses Thema berichtet MDR auch im TV: 25.07.2019 | 17:45Uhr