Weimarer Republik Ein Mathematiker entlarvt rechten Terror und führt die Justiz vor

Das Jahr 1922 lehrt Deutschland eine neue Angst: Rechter Terror überzieht die Weimarer Republik. Immer wieder ist Mitteldeutschland Schauplatz von politischer Gewalt – wie Ende Januar, als ein Kommando der Geheimorganisation "Consul" einen Kriegsverbrecher aus dem Naumburger Gefängnis befreit. Fünf Monate später bringt das gleiche Kommando den Außenminister Walther Rathenau um. Doch weder Justiz noch Presse sehen die Zusammenhänge. Sondern ein Mathematiker, dessen Analysen bis heute aktuell sind. Und weitgehend vergessen.

Emil Julius Gumbel auf erin schwarzweiß Fotografie
Bildrechte: Universitätsarchiv Heidelberg

Im August 1933 wurde ich ausgebürgert. Ich empfinde es als große Ehre, dass ich wegen meiner Veröffentlichungen über die Schwarze Reichswehr und die politischen Morde bereits auf die erste Ausbürgerungsliste kam.

Das schrieb Emil Julius Gumbel 1938, im fünften Jahr seines Exils in Frankreich. 13 Jahre lang hatte er bis 1933 im Visier deutscher Rechtsradikaler gestanden. Denn Gumbel war während der Zeit der Weimarer Republik einer der prominentesten Aufklärer. Und vor allem Ankläger ihrer mörderischen Praktiken. Bereits im März 1919 hätte ihn sein Aufklärungsdrang fast das Leben gekostet . Denn nur knapp entging er einem Attentat.

Am 14. März 1919 erschien vor dem Hause, in dem ich wohnte, ein Militärauto mit einem Offizier und etwa zehn mit Revolvern schwer bewaffneten Leuten. Sie erklärten, ich sei ein Schädling und müsse an die Wand gestellt werden.

Emil Gumbel hat Glück. Er ist in Bern, als das Freikorps-Kommando vor seiner Wohnung in Berlin Einlass begehrt und aus Wut seine Zimmer verwüstet.  Sein Vermieter jedoch merkt sich, wer da überfallartig angerückt kam: Männer der "Garde-Kavallerie-Schützendivision". Ein Kommando desselben Freikorps, das zwei Monate zuvor bereits Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hat.

Ein Pazifist in der Weimarer Republik

Dass auch Emil Gumbel auf ihre Todesliste kam, hat zwei Gründe. Seit 1915 ist er ein bekannter und lautstarker Kriegsgegner. Vor allem aber unterstützt er den Aufbau des Völkerbundes, einer 1920 gegründeten Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen. Für die militanten Rechtsextremisten in Uniform ist er gleich doppelter Verräter. Und auch noch einer, der sich nach seiner Rückkehr erdreistet, Anzeige zu erstatten. Freilich ohne Erfolg. Das Ermittlungsverfahren gegen die Freikorpsmänner wird ein Jahr später ohne Prüfung und Beweisaufnahme eingestellt. Vielleicht war es diese sehr persönliche Erfahrung, die ihn in den folgenden Jahren sehr genau hinschauen ließ, wie groß der "blinde Fleck" der Justiz in punkto rechtsextremer Gewalt eigentlich ist.

Freikorps im Berlin der Weimarer Republik, 1923
Freikorps im Berlin der Weimarer Republik, um 1923. Bildrechte: imago images / Photo12

Der 1891 geborene Mathematiker, dessen Spezialgebiet die Statistik war, sammelte ab 1919 akribisch alle politischen Mord-Fälle nach dem Ersten Weltkrieg, die vor deutschen Gerichten verhandelt wurden (oder auch nicht). Und er stellte Vergleiche an. Wie viel rechtsextremistische und wie viel linksextremistische Gewalt hat es seit 1918 gegeben? Und wie ging die deutsche Justiz damit um? Seine Bilanzen erscheinen 1921 ("Zwei Jahre Mord") und 1922 ("Vier Jahre politischer Mord") in Buchform und schockieren das "politische Weimar". Doch was genau hat Emil Gumbel da eigentlich zutage befördert?

Wie da – in den Jahren 1918 bis 1921 – politische Morde von deutschen Richtern beurteilt worden sind, das hat mit Justiz überhaupt nichts zu tun. Das ist gar keine. Verschwendet ist jede differenzierte Kritik an einer Rechtsprechung, die folgendes ausgesprochen hat:

Für 314 Morde von rechts: 31 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe, sowie eine lebenslängliche Festungshaft. Für 13 Morde von links: 8 Todesurteile, 176 Jahre 10 Monate Freiheitsstrafe. Das ist alles Mögliche. Justiz ist das nicht.

Rezension von Kurt Tucholsky in der "Weltbühne", September 1921

"Lest dieses Buch von der deutschen Schande!"

Das Frappierende: Emil Julius Gumbel hat keine investigativen Recherchen angestellt oder Geheimdokumente "geleakt". Er hat nur zusammengezählt und ausgewertet, was die deutsche Justiz ohnehin ganz offiziell in ihren Bilanzen auswies. Und das war erschreckend und verlangte eigentlich nach umfassender Revision.

Ich hatte die Behauptung aufgestellt, dass die deutsche Justiz über 300 Morde ungestraft lässt und hatte erwartet, dass dies nur zwei Wirkungen haben könnte: Entweder die Justiz glaubt, dass ich die Wahrheit sage – dann werden die Mörder bestraft. Oder sie glaubt, dass ich lüge, dann werde ich als Verleumder bestraft. Tatsächlich ist etwas drittes, völlig Unvorhergesehenes eingetreten.

Emil Gumbel Interview 1959

Das Reichsjustizministerium lässt tatsächlich, ausgelöst durch die publizistischen Wellen, eine Denkschrift anfertigen. Die Landesjustizverwaltungen müssen dazu Stellungnahmen abgeben. Als Emil Gumbel ein Exemplar dieser Denkschrift erbittet, wird ihm mitgeteilt, dass es ein einziges Exemplar dieser Schrift nur gebe. Es liege zur Einsicht im hauseigenen Archiv bereit. Aus Gründen der "gebotenen Sparsamkeit", so teilt man ihm noch mit, habe man auf eine Drucklegung verzichtet. Wieder kommentiert die "Weltbühne":

Weit über 400 ermordete Menschen sind der deutschen Regierung nicht die Druckkosten einer Broschüre wert.

"Weltbühne"

Auf eigene Kosten lässt Emil Gumbel eine Abschrift anfertigen und veröffentlichen. Ein Coup, mit dem niemand im Ministerium gerechnet hat. Und Gumbels Mut hat Folgen. Denn auch andere wagen sich aus der Deckung und bringen Fakten vor, die erklären, warum die Justiz derart desatröse Urteile fällt. 1922 etwa, meldet sich der "Zeuge" Alfred Orgler, Mitglied des kleinen Republikanischen Richterbundes, im Berliner Tageblatt zu Wort:

Selten wird die Tatsache richtig gewürdigt, dass in Preußen die Richter zu drei Vierteln, die in gehobenen und Präsidentenstellen befindlichen sogar zu neun Zehnteln den die Weimarer Verfassung verneinenden Parteirichtungen angehören und somit den stärksten und gefährlichsten Hort der Reaktion bilden. Drei Jahre republikanischer Regierungsform haben nicht im Geringsten Wandel geschaffen.

Alfred Orgler

Auch Gumbel ist dieser Umstand nicht verborgen geblieben. Doch er glaubt daran, dass die demokratischen Kräfte an der Regierung auf diese tickende Zeitbombe im eigenen Apparat entsprechend reagieren. Sechs Jahre hält er insbesondere den "Regierungssozialisten" der SPD den Spiegel vor und muss am Ende doch erkennen, dass die alten republikfeindlichen Eliten in Justiz, Militär und Verwaltung weiter, auch unter Demokraten, fest im Sattel sitzen. Die Gefahr, die darin liegt, ist Emil Gumbel nur allzu bewusst. Und er bekommt sie als einer der ersten am eigenen Leib zu spüren.

Persona non grata

Denn bereits 1930 sieht er sich mit den Folgen des neuen politischen Aufstiegs der Rechtsradikalen in Deutschland konfrontiert. Und zwar ganz elementar: In seiner materiellen Existenz. Hatte er bis Mitte der 1920er Jahre keine Scheu, sich als Einzelner zu exponieren und mit einer ganzen Riege rechter militanter Akteure anzulegen, so wird nun immer offensichtlicher: Er muss aufpassen. Aus Selbstschutz schränkt er seine publizistischen Aktivitäten ein. Es hilft nicht: Rechte Burschenschaften und insbesondere auch der nationalsozialistische Studentenbund bringen eine gewaltige Rufmordkampagne gegen ihn in Gang. Und sie können dabei auf Unterstützung radikaler Kräfte in Politik und Verwaltung vertrauen.

Nach einem Vortrag im November 1930, in dem Gumbel in Erinnerung an die Hungertoten des sogenannten "Steckrübenwinters" 1916/17 davon spricht, dass eine Kohlrübe sich besser als Kriegerdenkmal eigne als eine leichtbekleidete Jungfrau, rufen die rechten Studenten zur Revolte gegen Gumbel auf. Die Universität wird aufgefordert, Gumbel rauszuwerfen. Denn mit seinen Worten verletzte er Sitte, Anstand und Ehre der Nation: "Ein Recht auf Freiheit der Gesinnungsäußerung hat unserer Überzeugung nach nur der, der diese Freiheit im Dienst am Vaterland gebraucht. Jeder andere hat dieses Recht verwirkt."

Universität Heidelberg während der NS-Zeit
Universität Heidelberg während der NS-Zeit Bildrechte: Stadtarchiv Heidelberg

Berufsverbot am 5. August 1932

An den "Gumbelkrawallen" beteiligen sich in der Folge bis zu 3.000 Studenten. Sie ziehen dabei in Heidelberg auch vor sein Haus und werfen Fensterscheiben ein. Statt sich spätestens jetzt hinter ihren Professor zu stellen, prüft die Hochschule den Rausschmiss Gumbels und bekommt dabei Rückendeckung von ganz oben. Denn 1932 stellt schließlich auch der Vorstand des Verbandes der Deutschen Hochschulen fest: Emil Gumbel habe die "vaterländische Gesinnung" des akademischen Nachwuchses rhetorisch mit Füßen getreten. 80 von 5.000 deutschen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern, darunter Albert Einstein, intervenieren und unterzeichnen eine Solidaritätserklärung für ihren unter Beschuss geratenen Kollegen. Es hilft nichts: Am 5. August 1932 entzieht man Emil Julius Gumbel die Lehrberechtigung. Das ist gleichbedeutend mit einem Berufsverbot.

Ein halbes Jahr später sind die Nationalsozialisten an der Macht. Und wieder stehen die Feinde von Rechts vor Emil Gumbels Haus. Und wieder hat er Glück. Aufgrund seines Rauswurfs muss er touren und befindet sich, als die SA anklopft, gerade zur Gastvorlesung an der Sorbonne in Paris. Dort wird er bleiben, denn in Heidelberg ist es nun lebensgefährlich. Sein Haus wird geplündert, seine Schriften verbrannt, seine Freunde und Mitstreiter inhaftiert und gefoltert. In einer der letzten Schriften, "Lasst Köpfe rollen. Faschistische Morde 1924-1931" hatte er diese Entwicklung bereits klar ins Auge gefasst:

In diesen Bluttaten offenbart der Faschismus sein wahres Gesicht. Er zeigt dem deutschen Volk die Methoden, deren er sich bedienen wird, wenn er zur Macht kommen sollte.

Emil Gumbel nach 1945

Heute trägt eine Forschungsstelle gegen Rechtsextremismus Gumbels Namen und seine Bücher von damals werden nachgedruckt (zuletzt, im Sommer 2021 erschien im Verlag "Das Kulturelle Gedächtnis" eines seiner letzten Bücher vor seiner Flucht als Reprint: "Verräter verfallen der Feme: Opfer/Mörder/Richter 1919-1929"). Doch zur ganzen Geschichte gehört auch, dass diese Wiederentdeckung eine sehr späte war. Denn nach 1945 ist Emil Julius Gumbel in Deutschland so gut wie vergessen. Als er in New York 1966 starb, bringt keine einzige deutsche Zeitung einen Nachruf auf diesen Mann. Vier Jahre vorher waren in einem Sonderdruck zwar noch seine Lebenserinnerungen "Vom Fememord zur Reichskanzlei" erschienen. Doch nur allzu wenige nahmen vom Leben und Überleben dieses Mannes Notiz.

Dass Kollegen ihn schon ein Jahr vor der Machtergreifung 1933 fallenließen – Kollegen, die nach 1945 immer noch oder wieder in Amt und Würden waren – passte nicht so recht zur inneren Verortung der Bundesrepublik jener Jahre, wonach erst mit den Nazis der große Gesinnungsterror begann. Und im Osten, in der DDR, konnte man mit einem wie Gumbel, obwohl einer seiner Schüler der berühmte marxistische Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski war, auch niemand etwas anfangen. Pazifist, Freigeist und Sympathisant der (linken) Sozialdemokraten – so einer taugte kaum als Ahnvater der eigenen Faschismusforschung.  

Eine Zeichnung von Emil Julius Gumbel
Ein gezeichnetes Porträt von Emil Julius Gumbel Bildrechte: Emil Stumpp

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise: Rechte Verlierer und der Rechtsterrorismus vor 100 Jahren | 22. Dezember 2021 | 03:15 Uhr