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Landtagssitzung 1919: "Landtagssitzung 1919 im alten Landtagssitzungssaal im Fürstenhaus zu Weimar. Beratung zum Zusammenschliessung Thüringens zu einem 'Gross Thüringen'. Weimar wird als Landeshauptstadt proklammiert." Skizze einer fiktiven Szene von Hans W. Schmidt, 1931. Bildrechte: Privatbesitz Jutta Pfohl

Wie Thüringen entstand

von Katharina Beck

Stand: 22. April 2021, 12:36 Uhr

Der "Freistaat Thüringen" hat sich während der Weimarer Republik gegründet - und war damit die erste demokratische Landesneugründung in der deutschen Geschichte. Dieser Prozess war beflügelt durch die revolutionären Prozesse und ging ganz im Geiste der jungen Weimarer Republik vonstatten. Als Gründungstag wurde der 1. Mai gewählt.

Die Leistung war gigantisch: Die Bewohnerinnen und Bewohner von sieben einzelnen Republiken schafften es, in einem durchweg demokratischen Prozess innerhalb von 18 Monaten eine neue Verwaltungseinheit - ein Land - zu gründen. Das Ergebnis war das Land Thüringen. Und das in einer Zeit, die alles andere als ruhig war: 1918 bis 1920 befand sich das Deutsche Reich nicht nur in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, es hatte auch die wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs und der Spanischen Grippe zu bewältigen.

Die Ausgangssituation

Die Novemberrevolution hatte die Monarchen des Deutschen Kaiserreiches von ihren Thronen gestürzt. Im Thüringer Raum waren sechs Regenten zur Abdankung gezwungen worden. Die Adligen hatten sich auf ihre entfernten Landsitze zurückgezogen und überließen den Arbeiter,- und Soldatenräten die Macht. Die ehemaligen Fürsten,- und Herzogtümer nannten sich nun - weil frei von der Monarchie - "Freistaaten" oder "Volksstaaten". Das waren:

  • Sachsen-Weimar-Eisenach
  • Sachsen-Gotha
  • Sachsen-Coburg
  • Sachsen-Meiningen
  • Sachsen-Altenburg
  • Schwarzburg-Rudolstadt
  • Schwarzburg-Sondershausen
  • Volksstaat Reuß

Auch Preußen hatte Gebiete im heutigen Thüringen. Jede der neun Republiken war von einer eigenständigen Übergangsregierung geführt.

Ein demokratischer Prozess

Christian Faludi von der Universität Jena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Bereits unter der Souveränität der Fürsten hatte es Bestrebungen zu einem Zusammenschluss gegeben", erklärt Christian Faludi, Wissenschaftler an der Forschungsstelle Weimarer Republik der Universität Jena. "Nun waren es die Arbeiter- und Soldatenräte des thüringischen Reichswahlkreises, die in Erfurt am 10. Dezember 1918 für einen Zusammenschluss der Kleinstaaten stimmten. Gleichzeitig galt es, eine neue Regierungen aufzubauen, da die Monarchen gestürzt waren." Viele Revolutionäre hätten eine genaue Vorstellung gehabt, was nun sein sollte: eine parlamentarische Demokratie.

So fanden von Januar bis März 1919 in allen Freistaaten Wahlen statt. Menschen ab dem 20. Lebensjahr - darunter erstmals auch die Frauen - wählten nun ihre Volksvertreter nach freiem Recht in die Parlamente. Aus den gewählten Vertretern konstituierten sich als gemeinsame Übergangsregierung der Staatsrat und ein provisorisches Vorparlament: der Volksrat von Thüringen.

Die einzelnen Freistaaten zusammenzufassen, konnte die Interessen der Region im Deutschen Reich stärken, vor allem gegenüber dem dominanten Preußen. Es war ein Ausprobieren, eine Wegfindung ohne Vorbilder. Erstmals musste alles zwischen Gleichen verhandelt werden.

Die Debatten über den Zusammenschluss

"Acht Tage nach dem letzten Urnengang trafen sich im März 1919 Vertreter der neu entstandenen Landesregierungen zu einer Konferenz in Weimar und man entschied sich für einen Zusammenschluss zum Land Thüringen inklusive preußischer Gebiete", so Faludi weiter. "Doch das einmütige Ergebnis täuschte, denn in einigen Ländern existierten auch gegenläufige Bestrebungen über die staatliche Zugehörigkeit."

Die erste Landesregierung von Thüringen, 1920/21 - von links: stehend Carl Freiherr von Brandenstein (ab 1921 MSPD), Emil Hartmann (MSPD); sitzend August Frölich (MSPD), Arnold Paulssen (DDP), Harald Bielfeld (DDP), Hermann Anders Krüger (DDP), Ottomar Benz (DDP) und August Baudert (MSPD). Bildrechte: Stadtmuseum Weimar

So tendierten etwa Teile der Bevölkerung in Sachsen-Altenburg zu einem Anschluss an Sachsen, einflussreiche Kreise in Sachsen-Meiningen propagierten die vermeintlich bessere Lösung in einem Aufgehen der thüringischen Staaten als preußischer Provinz und auch in Sachsen-Coburg zeigte man starke Neigungen, sich nicht dem neuen Land anschließen zu wollen.

Über den InterviewpartnerChristian Faludi ist Wissenschaftler an der Forschungsstelle Weimarer Republik der Universität Jena. Er lehrt, forscht, publiziert und kuratiert vor allem zu Themen der Regionalgeschichte Thüringens, der Weimarer Republik und der Geschichte des Nationalsozialismus.

Wie mögen sich die Coburger gefühlt haben, als sie am 30. November 1919 zum ersten Mal an einer Volksabstimmung teilnahmen? Das Interesse war groß, über 90 Prozent beteiligten sich an der Entscheidung über die Frage, ob Coburg zu Thüringen gehören wolle. Die fränkischsprachige Region entschied sich mit 88 Prozent gegen den Betritt und damit für einen Weg Richtung Bayern. Auch die Eingliederung der preußischen Gebiete rund um Erfurt scheiterte - nicht nur am Widerstand Preußens, sondern auch an der ablehnenden Haltung der dortigen Bevölkerung.

Anders als angestrebt war das neue Land ohne Coburg und die preußischen Gebiete nur eine "kleinthüringische Lösung" geworden. Am 4. Januar 1920 trat der "Gemeinschaftsvertrag über den Zusammenschluss der thüringischen Staaten" in Kraft.

Die Rolle des Kapp-Lüttwitz-Putsches

"Beinahe wäre der Prozess dennoch umgekehrt worden, als rechtsextreme Militärs und Politiker im Zuge des Kapp-Lüttwitz-Putsches am 13. März 1920 versuchten, die junge Republik zu stürzen: In zahlreichen Regionen putschten Mitverschwörer Regierungen nach 'Berliner Muster' und setzten Kommissare ein", erklärt der Historiker weiter. "Mitteldeutschland wurde aufgrund der vielen noch existierenden Kleinstaaten zu einem Zentrum der Ereignisse. Letztlich jedoch setzten sich die Demokraten gegen jede Bedrohung erfolgreich zur Wehr, so dass auch der Prozess zur Landesgründung nur kurz unterbrochen wurde."

Demonstration zur Novemberrevolution vor dem Neuen Rathaus in Gera, 10. November 1918. Bildrechte: Stadtmuseum Gera

Die Landesgründung musste noch per Reichsgesetz genehmigt werden. Das geschah am 20. und 30. April 1920. Den 1. Mai als Gründungstag zu wählen, war auch politischer Wille der Sozialdemokraten, die die Landesgründung führten. Sie wollten ihn mit dem "Kampftag der Arbeiterklasse" verbinden.

Die Agenten dieser Prozesse

Carl Freiherr von Brandenstein Bildrechte: Stadtmuseum Weimar

"Unter dem Strich ist die Thüringer Landesgründung vor allem ein demokratischer Prozess 'von unten' gewesen, der von der Mehrheit der Bevölkerung getragen worden ist. Die - wenn man so will - Motoren im parlamentarischen Sinne, waren die heute leider etwas in Vergessenheit geratenen Politiker Arnold Paulssen, August Baudert, Carl Freiherr von Brandenstein und Eduard Rosenthal", erklärt Faludi, der vor allem zu Themen der Regionalgeschichte Thüringens lehrt und forscht.

Mit der Gründung Thüringens ging die jahrhundertelange Ära territorialer Zersplitterung zu Ende. Landeshauptstadt wurde Weimar, da Erfurt damals preußisch war. Das Landeswappen hatte sieben Sterne auf rotem Grund, welche die sieben zusammengegangenen Freistaaten symbolisieren. Auch das Land Thüringen nannte sich nun Freistaat.

Arnold Paulssen: Mitbegründer des Freistaates Thüringen. Bildrechte: Fotoatelier Louis Held

Die Nationalsozialisten beschlossen nach ihrer Machtübernahme 1933 das "Gesetz zur Gleichschaltung der Länder". Das Deutsche Reich wurde nun in Gauen beherrscht. Die Deutsche Demokratische Republik schaffte die Länder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ab und ersetzte sie durch Bezirke. Thüringen, so wie wir es heute kennen, mit Erfurt als Landeshauptstadt, gibt es erst seit 1990.

BuchtippChristian Faludi/Marc Bartuschka: "Engere Heimat. Die Gründung des Landes Thüringen 1920", Verlagshaus Römerweg

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Vereinigte Staaten von Thüringen - 100 Jahre Landesgründung | 20. Oktober 2020 | 22:15 Uhr