Zwischen den Kriegen Die Hyperinflation 1923 – So verlor die Mark ihren Wert

Im April 2021 stieg die Inflationsrate in Deutschland auf 2 Prozent, im Mai kletterte sie auf 2,5 Prozent – und war damit so hoch, wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Sogleich wurde spekuliert, ob unser Geld wie 1923 wertlos werde. Das Trauma der Hyperinflation, Bilder von mit wertlosen Scheinen gefüllten Schubkarren, sind noch immer im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert. Wie konnte es damals soweit kommen?

Arbeiter führen während einer Demonstration im Jahr 1919 in Berlin Schilder mit Aufforderungen wie "Nieder mit der Reaktion" und "Schluß mit der Inflation" mit sich.
Arbeitende führen während einer Demonstration im Jahr 1919 in Berlin Schilder mit Aufforderungen wie "Schluß mit der Inflation" mit sich. Bildrechte: dpa

Als im November 1923 eine Straßenbahnfahrt in Dresden zehn Milliarden Mark kostete und der am Morgen erhaltene Lohn bereits am Abend wertlos geworden war, hatte die Inflation in der Weimarer Republik ihren dramatischen Höhepunkt erreicht. Sie war das Ergebnis einer fast zehn Jahre andauernden Geldentwertung, die schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges begann: 1914 finanzierte die vom Kaiser eingesetzte Reichsleitung, fest von ihrem Sieg überzeugt, die "Materialschlachten" des Krieges mit Anleihen. Ihre Tilgung, so der Plan, sollten dann die besiegten Gegner übernehmen. Außerdem stellte die Reichsbank in Berlin dem Staat 47 Milliarden frisch gedruckte Mark zur Verfügung. Das zusätzlich in Umlauf gebrachte Geld verursachte zweierlei: Der Wert der Mark sank und die Preise stiegen. Damit waren die ersten Weichen für die Hyperinflation neun Jahre später gestellt.

Was ist eine Inflation?

Unter einer Inflation wird eine anhaltende, sich über einen längeren Zeitraum erstreckende Geldentwertung verstanden. Sie macht sich vor allem durch eine kontinuierliche Preiserhöhung bei gleichbleibenden Löhnen und Gehältern bemerkbar. Dadurch sinkt die Kaufkraft der Marktteilnehmenden. Sie können also für das gleiche Geld weniger Waren erwerben. Je nach Geschwindigkeit der Geldentwertung können vier Inflationsarten unterschieden werden: Bei der schleichenden Inflation liegt die Inflationsrate unter zwei Prozent, die Preise steigen also innerhalb eines Jahres um zwei Prozent (die Europäische Zentralbank (EZB) definiert Preisstabilität bei einer Inflationsrate bei unter, aber nahe zwei Prozent). Bei einer trabenden Inflation liegt die Inflationsrate zwischen zwei und zehn Prozent. Beträgt die Inflationsrate bis zu 50 Prozent, spricht man von einer galoppierenden Inflation. Bei einer Inflationsrate, die über 50 Prozent liegt, ist die Hyperinflation erreicht.

Schulden des Ersten Weltkrieges

Nach der Niederlage 1918 stand Deutschland vor einem schier unbegleichbaren Schuldenberg: Kriegsanleihen mussten beglichen, Invaliden-, Witwen- und Waisenrenten bezahlt werden. Zusätzlich verpflichtete der Versailler Vertrag das Deutsche Reich zu hohen Reparationszahlungen. Um die immense Zahllast zu bewältigen, warf das Deutsche Reich erneut die Notenpresse an und steigerte die Geldmenge noch weiter. Sogar Städte und Gemeinden halfen beim Druck und bei der Verteilung neuer Scheine. Außerdem richtete der damalige Reichsfinanzminister Matthias Erzberger 1920 ein neues Finanz- und Steuersystem ein. Die in dem Zuge eingeführte Reichseinkommenssteuer stabilisierte die Wirtschaft der jungen Weimarer Republik – zumindest fürs Erste.

Tabelle über die Entwicklung der Lebensmittelpreise in Deutschland zwischen 1914 bis 1923.
In den Jahren 1914 bis 1923 verliert die Mark drastisch an Wert. Bildrechte: Kultur- und werbegeschichtliches Archiv Freiburg (kwaf)

Das Londoner Ultimatum

Im Mai 1921 erreichte das Londoner Ultimatum der Alliierten Berlin. Unter anderem forderte es die sofortige Aufnahme der Reparationsleistungen in Höhe von 132 Goldmark. Außerdem hatte Deutschland die Forderungen innerhalb von sechs Tagen zu akzeptieren. Andernfalls werde das Ruhrgebiet besetzt. Die Reichsregierung unter Joseph Wirth entschied sich zur bedingungslosen Annahme des Ultimatums.

In der letzten Nacht ist die Entscheidung gefallen. Die Mehrheit des Reichstages hat sich bekanntlich für das Ja entschieden. Es steht nun eine furchtbar schwere Zeit bevor [...] Das, was die Männe, die die Verantwortung tragen, duchlebt haben, spiegelt sich heute in ihren Gesichtern wieder. Manche von ihnen sind über Nacht um Jahre gealtert.

Sächsische Volkszeitung, 11. Mai 1921

Ära der Erfüllungspolitik

Deutschland sah sich wirtschaftlich nicht dazu in der Lage, die nötigen Einnahmen zur Erfüllung der Reparationsforderungen aufzubringen. Selbst das neue Steuersystem konnte daran nichts ändern. Dennoch entschied das Kabinett, den Auflagen bestmöglich nachzukommen. Es hoffte den Siegermächten so zu beweisen, dass die Erbringung unmöglich sei und die Forderungen revidiert würden. Diese Erfüllungspolitik war stark umstritten und verschärfte die Polarisierung und Radikalisierung der Parteien im Deutschen Reich erheblich.

Politische Radikalisierung

Walther Rathenau
Der Reichsaußenminister Walther Rathenau wurde am 24. Juni 1922 in Berlin-Grunewald von Angehörigen der rechtsextremen Organisation Consul (OC) ermordet. Er war Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Zwei Politiker, die sich für die Strategie der Erfüllungspolitik eingesetzt hatten, wurden von der rechtsextremen Vereinigung "Organisation Consul" ermordet: 1921 Matthias Erzberger und 1922 der linksliberale Außenminister Walther Rathenau. Besonders in Bayern fanden militante völkisch-nationale Bündnisse wie die "Organisation Consul" Anhang. 1920 entstand dort auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). In Sachsen und Thüringen erstarkten dagegen kommunistische Bewegungen, wie die "Proletarischen Hundertschaften".

Kein Vertrauen in die Mark

Mit der Annahme des Londoner Ultimatums sank auch sprunghaft das Vertrauen in die Mark. Ausländische Kredite wurden zurückgezogen, Investitionen sanken drastisch. Die Inflation im Deutschen Reich wurde zu einer galoppierenden.

Das Geld ist in seinem Werte außerordentlich schwankend geworden. Heute ist es kaum mehr ein Zehntel dessen wert wie vor dem Kriege. Die Wirkung dieser Entwicklung ist eine ungeheure. Der reine Rentenbesitz ist […] um 90 Prozent enteignet worden.

Sächsische Volkszeitung, 1. Juli 1921

Obwohl die Notenpressen Tag und Nacht arbeiteten, war Geld zur Mangelware geworden – war ein einziger Schein doch kaum noch etwas wert. 1922 hatte die Reichsbank täglich zwei bis drei Milliarden Noten mit immer höheren Nominalwerten auf den Geldmarkt zu bringen. Bald konnte sie den Bedarf nicht mehr alleine stemmen. Wie schon 1918 musste sie Städte und Gemeinden bitten, bei der Emission von Notgeldscheinen zu helfen.  

Ruhrbesetzung und Hyperinflation 1923

Schließlich geriet Deutschland mit der Zahlung der Reparationen in Verzug. Im Januar 1923 besetzten deshalb französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung rief daraufhin zum passiven Widerstand auf. Zwei Millionen Menschen in der Industrie, der Verwaltung und im Verkehrswesen gingen in den Streik. Trotzdem erhielten sie zwei Drittel ihres Lohnes. Der Reichshaushalt geriet nun endgültig aus den Fugen: Die Ausgaben Deutschlands überstiegen die Einnahmen um ein Vielfaches. Die galoppierende Inflation entwickelte sich zur Hyperinflation.

Die Rückseite einer 20-Milliarden-Mark Reichsbanknote.
Im Oktober 1923 erreicht die Hyperinflation ihren Höhepunkt. Die Reichsbank druckt inzwischen Geldnoten in Milliardenhöhe. Bildrechte: Kultur- und werbegeschichtliches Archiv Freiburg (kwaf)

Die Preise im Deutschen Reich explodierten nun förmlich: Im August 1923 kostete eine Straßenbahnfahrt in Dresden 15.000 Mark, ein Markenbrot in Leipzig 17.500 Mark. Am 3. Oktober kostete dieselbe Fahrt in Dresden zwölf Millionen Mark, am 6. November zehn Milliarden. Gleichzeitig stieg die Zahl der Arbeitslosen: In Leipzig musste die Straßenbahn ihren Betrieb stark einschränken, weil der Personalbestand um fast zwei Drittel verringert wurde. Alleine in Sachsen waren im April 1923 70.000 Menschen ohne Arbeit, bis Oktober stieg die Zahl auf 112.000, mit 35.000 weiteren Kurzarbeitenden. Der Höhepunkt der Inflation war erreicht. In ganz Deutschland kam es zu Plünderungen, Protesten und politischen Unruhen. Immerhin: Wer Schulden hatte, war diese spätestens jetzt los. Sparerende hatten jedoch alles verloren.

Wunder der Rentenmark

Erst mit der Währungsreform 1923 konnte die Hyperinflation beendet werden. Am 15. November wurde übergangsweise die Rentenmark eingeführt, bei einem Kurs von 4,2 Billionen Mark für einen Dollar. Im Oktober 1924 wurde sie von der Reichsmark ersetzt. Außerdem passte sich der neue Zahlungsplan für die Reparationszahlungen, vom US-Amerikaner Charles Dawes ausgearbeitet, der tatsächlichen Leistungsfähigkeit des Deutschen Reiches an. Er beinhaltete auch das Ende der Ruhrbesetzung. Der Dawes-Plan wurde im August 1924 vom Reichstag angenommen. Zurück blieb nun nur noch das Trauma der Hyperinflation – und das in jeglichen Gesellschaftsschichten. Auf der Suche nach Trost und Ablenkung läuteten die Menschen der Weimarer Republik die hoffnungsvollen Goldenen Zwanziger ein.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. Februar 2019 | 19:00 Uhr

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