Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn Geordneter Abmarsch in Rekordzeit

Ungarn war als erstes Land des Warschauer Paktes frei von sowjetischen Truppen. Am 19. Juni 1991 verließ der letzte Sowjetsoldat das Land. Seit 1945 waren sowjetische Truppen in Ungarn stationiert. 1956 hatten sie den Volksaufstand blutig niedergeschlagen.

Nirgendwo in den Staaten des Warschauer Paktes war die Forderung nach einem vollständigen Abzug der sowjetischen Armee nach 40 Jahren der Besatzung so stark wie in Ungarn. Am 7. Dezember 1988 kündigte der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow bei einer Rede vor der UNO-Generalversammlung in New York konkrete Abrüstungsschritte an. Bis Ende 1991 wollte die Sowjetunion ihre Truppen aus Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR abziehen.

Es folgten lange Verhandlungen. Mehr als zwei Jahre später, am 10. März 1990, unterzeichneten der ungarische Außenminister Gyula Horn und der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse ein bilaterales Abkommen, wonach alle sowjetischen Truppen mit ihren Waffen und technischen Geräten bis zum 30. Juni 1991 aus Ungarn abgezogen sein sollten.

Abzug in Rekordzeit

Dann ging alles ganz schnell. Schon zwei Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens, am 12. März 1990, begann man zuerst die Artilleriegeschütze und Panzer der sowjetischen Garnison in Hajmáskér, einer Kaserne 120 Kilometer südwestlich von Budapest, auf Eisenbahnwaggons zu verladen. Vier Tage später hatten bereits 13.000 Soldaten und Offiziere das Land verlassen.

Bis Juni kehrten dann 103.800 sowjetische Staatsbürger, davon 44.668 Soldaten und 55.712 Familienangehörige bzw. zivile Angestellte der Sowjetarmee, aus allen Teilen Ungarns in ihre Heimat zurück. Für den Rücktransport der Besatzungstruppen benötigte man etwa 35.000 Eisenbahnwaggons, denn es wurden auch 27.000 Kraftfahrzeuge, 1.500 Artilleriegeschütze und 860 Panzer, sowie 230.000 Tonnen an Munition und 100.000 Tonnen an Treibstoff transportiert.

Am 19. Juni 1991 um 15:00 Uhr verließ der letzte Kommandant der sowjetischen Truppen, Brigadegeneral Viktor Schilow, Ungarn über eine Brücke zwischen Záhony und Cop an der ungarisch-ukrainischen Grenze. Damit war Ungarn das erste Land des Warschauer Paktes, das frei von sowjetischen Truppen war.

Schwerer Abschied für die Sowjets

Für die Offiziere, die häufig aus weit entlegenen Teilen der Sowjetunion kamen und mit ihren Familien außerhalb der Kasernen lebten, war der Abzug aus Ungarn schmerzlich. Ungarn war für sie ein westliches Paradies mit Alltagsgütern, die sie zu Hause nicht hatten. Für die einfachen Soldaten war die Heimkehr besser zu verkraften. Sie hatten ohnehin streng abgeschirmt von Bevölkerung gelebt, obwohl es inoffizielle Kontakte durch einen florierenden Schwarzmarkt gab. Der Abzug der sowjetischen Truppen verlief - trotz gegenteiliger Gerüchte - relativ diszipliniert. Allerdings tauchten auf Budapester Flohmärkten - wie damals überall in Osteuropa - herausgerissenes Mobiliar aus den Kasernen, Militaria und zuweilen auch sowjetische Waffen auf.   

"Null-Lösung"

Mit der Souveränität Ungarns tauchten jedoch neue Probleme auf: Zunächst gab es ein langes Tauziehen um die finanzielle Abrechnung. Die ungarische Verhandlungsdelegation, angeführt von Brigadegeneral Antal Annus, verlangte von der Sowjetunion 60 Milliarden Forint Schadensersatz für die angerichteten ökologischen Schäden auf den Geländen der Kasernen und Truppenübungsplätze. Die sowjetische Seite hielt nur eine Entschädigungssumme von 3,5 Milliarden Forint für angebracht. Bei den Verhandlungen forderten die Vertreter der ungarischen Eisenbahn etwa eine Milliarde Forint für die mehr als anderthalbtausend Eisenbahnwaggons, die für den Abtransport der technischen Ausrüstung und der Soldaten benötigt wurden. Die Sowjets forderten 48 Milliarden Forint für die von ihnen errichteten Immobilien in 17 verschiedenen ungarischen Ortschaften und für andere Vermögensgegenstände. Die ungarische Delegation warf der anderen Seite aber vor, diese Immobilien nicht umsichtig in Stand gehalten zu haben, so dass die Sanierung verschiedener militärischer Anlagen die Summe von 4 bis 5 Milliarden Forint verschlingen würde.

Nach anderthalb Jahren zäher Verhandlungen einigte man sich schließlich auf eine "Null-Lösung", bei der beide Länder von Zahlungen Abstand nahmen. Diese Vereinbarung wurde am 11. November 1992 in Moskau vom damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Joszef Antall und dem russischen Präsidenten Boris Jelzin unterzeichnet.

Einstige Kasernen verfallen

Der Abzug der Besatzungsarmee stellte viele Ungarn freilich ebenfalls vor erhebliche Probleme: Etliche Einheimische, die früher in den Kasernen beschäftigt waren, verloren ihre Arbeit; Bauern, die ihre Produkte früher fast ausschließlich in die sowjetischen Kasernen geliefert hatten, mussten mit erheblichen Umsatzeinbußen fertig werden.

Ein weiteres Problem stellten die habsburgischen Kasernen aus "k. und k."-Zeiten dar, in denen die sowjetischen Soldaten großenteils gelebt hatten. Die Kasernen dürfen nicht abgerissen werden, weil sie unter Denkmalschutz stehen. Für eine Restaurierung fehlen den Gemeinden aber die Mittel. Und Investoren für die historischen Kolosse waren schwer zu finden.