Nachkriegszeit in Ostpreußen Überleben nach Kriegsende 1945

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Hitler-Deutschland vor der alliierten Übermacht. Doch während an Rhein und Oder allmählich der Wiederaufbau und das Leben nach dem Krieg beginnen, gibt es für die Deutschen im sowjetisch besetzten Ostpreußen keine Zukunft. Ursula Klein, Jahrgang 1940, hat die Nachkriegsjahre in Königsberg erlebt.

Königsberg im Herbst 1945. Seit Monaten hat hier die Rote Armee das Sagen. Von ehemals über 300.000 Deutschen leben noch knapp 45.000 in der Stadt und sie dürfen sie nicht verlassen. Sie leben in Kellern und auf der Straße, kämpfen gegen Typhus und Hunger. Wer noch die Kraft hat, sucht in den Ruinen nach Essbarem. So auch die fünfjährige Ursula Gerlach (heute Gerlach) mit ihren Geschwistern.

Wir waren nicht mehr diese kleinen Kinder. Das Leben hatte uns schon so geschliffen, dass wir eigentlich nur noch darauf aus waren, was zu essen zu bekommen. Und derjenige, der uns das Essen nicht gab oder nicht geben wollte, der war unser größter Feind.

Ursula Klein

Der erste Nachkriegswinter - Warten aufs Sterben

Als Kinder haben die Gerlach-Geschwister kein Anrecht auf eine Brotkarte und die Rationen der Mutter reichen längst nicht aus. Für etwas zu Essen klauen sie Kohle und sammeln Brennholz.

Eines Tages zieht sie der Gesang von Rotarmisten an, die auf einer Straße ausgelassen feiern. Die Kinder singen und tanzen mit den Soldaten und zur Belohnung bekommen sie Wurst und Brot.

Ungefähr die Hälfte haben wir mitgenommen zur Mutti. Die hat sich natürlich gefreut. Die Russen waren uns Kindern gegenüber sehr freundlich.

Ursula Klein

Im ersten Nachkriegswinter wird die Lage der Deutschen immer schwieriger. Königsberg und ein Teil Ostpreußens gehören jetzt zur UdSSR. Sowjetische Neusiedler kommen in die Stadt. Die Deutschen hat man in Moskau schlicht vergessen. So auch die Gerlachs. Die Kinder finden auf ihren Streifzügen immer weniger Essbares und die Mutter kann wegen einer Beinverletzung nicht mehr arbeiten.

Da hat die Mutti dann gesagt: Kinder, jetzt machen wir es genau wie die anderen auch: 'Wir legen uns ganz einfach hin und warten, dass wir sterben.'

Ursula Klein

Die Geschwister aber wachen immer wieder auf. Schließlich hält es Ursulas Bruder nicht mehr unter der Decke. Er geht zum Bett der Mutter, fordert sie zum Aufstehen auf.

Und da kam ein ganz leises, wimmerndes Weinen von der Mutti, und sie hat gesagt: Ach, Kinder ...es ist so gut, dass es euch gibt. Beinahe hätte ich eine große Sünde begangen. Ich habe euch das Leben gegeben und ich darf es euch nicht nehmen.

Ursula Klein

Gefährliche Schwarzfahrt

Während Königsberg 1946 den Namen Kaliningrad erhält, hören die Gerlach-Kinder, dass es in Litauen Arbeit und Essen geben soll. Doch die Stadt zu verlassen, ist nach wie vor verboten. Das geht nur heimlich auf dem Trittbrett eines Güterzugs. Nach der gefährlichen Schwarzfahrt nach Litauen angekommen, ziehen die Kinder von Ort zu Ort, betteln und arbeiten, bis die Rucksäcke gefüllt sind. Dann geht es zurück nach Königsberg. Auf diese Weise sichern die Kinder das Überleben ihrer Familie. Als sie im November 1947 wieder von einer Litauen-Tour nach Hause kommen, erleben Ursula und ihre Geschwister eine Überraschung.

Als wir dann in die Wohnung rein kamen, dann nahm uns unsere Mutti in die Arme und hat gesagt: 'Ach, ihr Kinder, ich hab ja so gebetet, dass ihr noch rechtzeitig kommt ...stellt euch doch bloß mal vor, welches Glück: Wir haben heute die Ausreisegenehmigung für morgen früh um sechs Uhr bekommen. Wenn ihr jetzt nicht gekommen wärt, dann hätte ich nicht fahren können.'

Ursula Klein

Mehr als zwei Jahre nach Kriegsende hat Stalin die Aussiedlung aller Deutschen aus dem Kaliningrader Gebiet angeordnet. Am 27. November 1947 besteigt Ursula Gerlach mit ihrer Familie einen Zug in Richtung Deutschland – diesmal ganz legal.

Zuletzt veröffentlicht am 27. Mai 2011.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: Barbarossa | 03.05.2011 | 21.15 Uhr