Gret Palucca tanzt mit Schülerinnen.
Gret Palucca (rechts im Bild) mit Schülerinnen im Tanzsaal. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Lebenslauf Gret Palucca: Tänzerin und Pädagogin mit Charisma

23. März 2023, 09:30 Uhr

Gret Palucca gründete 1925 in Dresden ihre eigene Schule und prägte mit ihrer Leidenschaft Generationen von Tänzerinnen auf den Bühnen. Mit zwölf Jahren nahm sie Ballettunterricht, merkte aber bald, dass ihr der klassische Tanz zu brav, zu vorgeformt war. Palucca, die sich selbst als ungestüm und impulsiv bezeichnete, suchte ihren Weg daraufhin im Ausdruckstanz - und brachte ihn zur Perfektion.

Gret Palucca kam am 8. Januar 1902 in München zur Welt. Die Familie siedelte bald nach der Geburt nach San Francisco über. Aber schon 1909 kehrten Mutter und Tochter nach Deutschland zurück. Gret sollte im anregenden kulturellen Umfeld Dresdens aufwachsen.

Gret nahm in Dresden bei Ballettmeister Heinrich Kröller Ballettuntericht. Er unterrichtete die junge Palucca mehrere Jahre, auch nachdem er nach München berufen worden war. Kröller hielt Gret Palucca jedoch für ziemlich unbegabt. Auch die Schülerin war mit ihren körperlichen Fähigkeiten und der Unmöglichkeit der Umsetzung eigener Ideen unzufrieden. Sie quälte die Diskrepanz zwischen dem, was ihr selbst als Tanz vorschwebte und dem, was gelehrt wurde.

Gret Palucca: Sprunggewaltige und koboldhafte Tänzerin

Ein Auftritt Mary Wigmans, die damals Ikone des Ausdruckstanz, in Dresden bildete für Gret Paluccas weitere Entwicklung ein Schlüsselerlebnis: Als 18-Jährige wurde sie 1920 eine der ersten Schülerinnen Wigmans. Das Vortanzen bei ihr beschrieb Palucca später als "sehr lustig", da sie nur "dieses Klassische" beherrschte und das auch noch schlecht. So gestaltete sie ein ihr vorgegebenes Thema, wozu sie mangels eines Pianisten selbst singen musste. Es gelang ihr trotzdem, Mary Wigman zu überzeugen. Nun konnte sie ihre eigentliche Begabung voll entfalten.

Pallucca: Model für Wassily Kandinsky

Bis 1924 tanzte Palucca in Wigmans Gruppe. Dann erfolgte die Trennung, da sie in Solotanzabenden eigene Wege gehen wollte, wofür sie den Podiumstanz als die ihr angemessen erscheinende Form wählte. Gret Palucca galt fortan als sprunggewaltige und koboldhafte Tänzerin, die den dramatischen Inhalten des Ausdruckstanzes Witz und Ironie entgegensetzte. Während der Bauhaus-Epoche stand sie für Wassily Kandinsky Model.

Ich musste in sein Atelier kommen und Dreiecke tanzen. Durch seine Anregungen sind mir viele Dinge für meine eigene Arbeit noch klarer geworden.

Gret Palucca Fernsehinterview, Jahr unbekannt

Improvisationstanz und Tanzpädagogin

Wenige Jahre nach Beginn ihrer Solokarriere war Palucca in die erste Reihe der deutschen Tänzer aufgerückt und gab pro Saison bis zu 100 Gastspiele in Deutschland und Europa. Ab 1936 gab sie zusammen mit ihrem Pianisten Adolf Havlik Tanzabende, während derer sie zu thematischen Vorschlägen aus dem Publikum improvisierte.

Palucca-Schule in Dresden

Außerdem lehrte Gret Palucca als Tanzpädagogin eine einzigartige Synthese von Ausdruckstanz und klassischem Ballett. Bereits 1925 hatte sie in Dresden ihre eigene Schule gegründet, die sich durch ausgesprochen hohe Anforderungen auszeichnete. Die Eleven absolvierten Unterricht in 24 praktischen und theoretischen Fächern, wie zum Beispiel Tanztechnik, Improvisation, rhythmische Erziehung, Tanzgeschichte und Anatomie.

1975, Tänzerin Gret Palucca während des Unterrichts in der Palucca Schule in Dresden.
Gret Palucca während des Unterrichts in der Palucca Schule in Dresden, 1975 Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Damit unterschied sich ihre Schule grundlegend von der damals in Deutschland üblichen klassischen Ballettausbildung, die sich meist auf körperlichen Drill beschränkte und nur wenig geistig-künstlerische Arbeit beinhaltete.

Auftrittsverbot und Schulschließung durch die Nazis

Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich auch einiges für die Tänzerin. Die Nazis erteilten ihr 1939 Auftrittsverbot in allen staatlichen, sowie städtischen Theatern und Konzertsälen. Die Nationalsozialisten fürchteten zu viel Freiheit durch den modernen Tanz. Hinzu kam, dass Palucca Halbjüdin war. Ihre Schule wurde wegen "Artfremdheit" geschlossen. Palucca hatte anfänglich Glück: Sie galt als Idol, trat zu den olympischen Spielen in Berlin auf. Doch der Wind drehte sich. Bis 1942 trat sie lediglich in privat arrangierten Tanzabenden auf, bis ihr auch das, nun unter Androhung von KZ-Haft, untersagt wurde. Nach dem Krieg trat Palucca noch bis 1950 als Solotänzerin auf. Danach lag ihr Schwerpunkt auf der Ausbildung von Tänzerinnen und Tänzern.

Gret Palucca
Gret Palucca Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neuanfang der Schule nach 1945

Den Neuanfang der Schule bestritt Palucca 1945 aus den Honoraren ihrer Solotanzabende. "Ich wollte unter allen Umständen arbeiten. Ich wollte auch der zerstörten Stadt helfen, wieder zu leben", sagte sie später in einem Interview. Obwohl die Schule 1949 verstaatlicht wurde, blieb sie ihr treu und arrangierte sich damit, dass Anfang der Fünfzigerjahre vom Ministerium für Kultur eine Institutsleitung eingesetzt wurde.

Ballett und Ausdruckstanz - (un)vereinbar?

Auch im Künstlerischen veränderte sich die Situation nach dem Krieg, besonders in der DDR, völlig. Der Ausdruckstanz war nicht mehr gefragt, das Ballett gewann weltweit an Bedeutung und wurde in der DDR, wie in allen osteuropäischen Ländern im Bereich Tanz, zur ersten Kunstgattung im Staate.

Hatte Palucca bisher an ihrer Schule Ausdruckstanz gelehrt, musste auch sie den neuen Tendenzen Rechnung tragen. Ab 1950 nannte Palucca ihre eigene Kunst den "Neuen künstlerischen Tanz". Seither ging sie - nicht ohne harte Kämpfe innerhalb ihrer Schule - einen Weg der Synthese zwischen den "feindlichen Brüdern" Ballett und Ausdruckstanz.

Klassischer Tanz, nach der Leningrader Schule Agrippina Waganowas, bildete das Standbein, Neuer künstlerischer Tanz und Jazztanz als Vertreter der Tanzmoderne waren weitere Zweige der Tänzerausbildung. Auch die theoretischen Fächer veränderten sich: Deutsch, Französisch, Russisch, Marxismus-Leninismus und Ästhetik waren hinzugekommen. Durch die Vielzahl der Ausbildungsinhalte dauerte die Ausbildung zum Bühnentänzer nun insgesamt acht Jahre.

Unnachsichtige Kritikerin

Ihre Schule führte die Lehrerin Palucca mit fachlicher Zielstrebigkeit. Im Unterricht entwickelte sie kompromisslos die Erkenntnis jedes Schülers über sich selbst und machte jedem Tänzer durch Lob und Tadel, sowie unnachsichtiger Kritik aller Fehler seinen Leistungsstand deutlich.

Tänzerin Gret Palucca während des Unterrichts in ihrer Tanzschule in Dresden
Gret Palucca steht vor dem Piano (hinten, Bildmitte) während des Unterrichts in ihrer Tanzschule in Dresden. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Sie forderte, was sie selbst leistete: harte, disziplinierte Arbeit. Ein oft von ihr gehörter Satz war: "Das sind Dinge, die nicht gehen!" Darunter fielen zuweilen auch Dinge wie staubige Flurfensterbretter, nachlässig grüßende Schüler, unnötig laufendes warmes Wasser im Duschraum oder unordentliche Garderoben.

Das Klima an der Schule war vom persönlichen Kontakt Paluccas zu den Schülern geprägt. Sie unterrichtete nicht nur die Absolventenklassen, sondern alle Altersstufen bis zu den gerade erst Aufgenommenen. Lange Jahre verblüffte sie im September die Anfänger damit, dass sie jeden mit Namen begrüßte. Sie hatte sich zu den Aufnahmeprüfungen Fotos der neuen Schüler mit deren Namen geben lassen und sich im Urlaub, den sie meist auf Hiddensee verbrachte, die Gesichter und Namen eingeprägt.

Unterricht gab Palucca bis weit in das achte Lebensjahrzehnt. An der Schule war sie bis zu ihrem Tod 1993 beratend tätig. Das Charisma der Tänzerin und Tanzlehrerin Gret Palucca, woran sich viele, die sie kannten, übereinstimmend erinnern, bestand in ihrer mitreißenden Vitalität und ihrem Optimismus, gepaart mit Charme, Frische und menschlicher Direktheit.

Der Artikel erschien erstmals 2011.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe - Das Erbe der Gret Palucca | 23. März 2023 | 23:10 Uhr