Völkermord Das Massaker von Srebrenica – und der Vergleich mit Butscha

Hunderte Leichen wurden auf den Straßen von Butscha gefunden, nachdem russische Truppen die Stadt verlassen haben. Die Ukraine wirft Russland ein Massaker an Zivilisten vor, der Kreml bestreitet. Viele fühlen sich an den Völkermord von Srebrenica 1995 erinnert und nennen Butscha das "Srebrenica des 21. Jahrhunderts". In Srebrenica ermordeten bosnisch-serbische Milizen 8.000 muslimische Männer und Jungen. Doch kann man Butscha und Srebrenica wirklich vergleichen?

Friedhof in Bosnien
Die mutmaßlichen Gräueltaten von Butscha werden oft mit dem Massaker von Srebrenica im Sommer 1995 verglichen. Bildrechte: dpa

Srebrenica liegt in einem grünen Talkessel im Osten von Bosnien und Herzegowina. Die umliegenden, dicht bewaldeten Berge sind fast 1.000 Meter hoch. Eine idyllische Lage in Friedenszeiten - doch während des Bosnienkrieges in den 1990ern wurde die Kleinstadt für viele muslimische Flüchtlinge zu einer tödlichen Falle – ähnlich wie Butscha für einige Hundert Zivilisten jetzt im Ukraine-Krieg.

Kann man Butscha und Srebrenica vergleichen?

Doch ist in beiden Städten wirklich dasselbe passiert? Entscheidend ist hier die Frage, ob man die Morde in Butscha als Völkermord oder nur als "einfache" Kriegsverbrechen klassifizieren kann. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fand im amerikanischen Fernsehsender CBS klare Worte: "In der Tat, das ist Völkermord, die Eliminierung einer ganzen Nation und von Menschen". Ähnlich äußerte sich Ex-Boxweltmeister Wladimir Klitschko, der mit seinem Bruder, dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, Butscha besichtigte: "Das ist Genozid an der ukrainischen Bevölkerung".

Was ist Völkermord? (für mehr Infos bitte aufklappen)

Als Völkermord oder Genozid bezeichnet man Handlungen, die eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe komplett oder teilweise zerstören sollen. Völkermord ist laut Völkerstrafrecht ein Verbrechen und verjährt nicht. Völkermord begeht nicht nur, wer Mitglieder der Gruppe gezielt tötet, sondern auch wer schwere körperliche oder seelische Schäden verursacht, vorsätzlich die Lebensbedingungen der Gruppe so beeinflusst, die sie zerstören können, Geburten in der Gruppe verhindert oder Kinder der Gruppe in eine andere Gruppe gewaltsam überführt. Ein Straftatbestand ist auch die Verschwörung zur Begehung von Völkermord sowie unmittelbare und öffentliche Anreizung zur Begehung von Völkermord. Die Einzelheiten sind in der UN-Völkermordkonvention von 1948 geregelt, die bislang von 152 Staaten unterzeichnet wurde (Stand: 2021). Sie ist unter dem Eindruck des Völkermords an den europäischen Juden durch Nazi-Deutschland (Holocaust) und des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich (heute Türkei) entstanden. Völkermord gilt als das schlimmste Verbrechen im Völkerstrafrecht und wird oft als "Verbrechen der Verbrechen" bezeichnet.

US-Präsident Joe Biden lehnte die Bezeichnung Völkermord auf Journalisten-Nachfrage dagegen ab und nannte die Massaker von Butscha Kriegsverbrechen. Auch der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow sprach von Kriegsverbrechen und fügte hinzu: "Wir warten auf neue Nürnberger Prozesse. (…) Die nächsten Nürnberger Prozesse sind gegen die russischen Faschisten". Für die Einstufung als Völkermord und nicht als "bloßes" Kriegsverbrechen wäre nach Ansicht von Experten der Wille entscheidend, eine ganze Nation zu schädigen. Außerdem müssten die Täter mit Absicht und systematisch vorgehen. Dies zu beweisen, sei aber schwierig und brauche Zeit, schreibt der Genozid-Experte Alexander Laban Hinton in der "Los Angeles Times".

Srebrenica – eine muslimische Enklave

Während der Beweis, dass es sich um Völkermord handelt, für Butscha offenbar noch aussteht, ist er für Srebrenica inzwischen erbracht. Wie überall im ehemaligen Jugoslawien lebten Serben und Bosniaken dort jahrzehntelang mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Als der Bosnienkrieg begann, flüchteten die meisten Serben aus der Stadt – sie wurde damit zu einer bosnisch-muslimischen Enklave. Im Laufe des Konflikts strömten immer mehr Muslime nach Srebrenica.

Die Muslime suchten dort Schutz vor serbischen Milizen unter General Ratko Mladić und wähnten sich in Sicherheit – die UN hatte das Gebiet zur Schutzzone erklärt und niederländische und kanadische Blauhelmsoldaten vor Ort stationiert. Doch die Serben zogen den Belagerungsring um die muslimische Enklave immer enger und nahmen sie schließlich am 11. Juli 1995 ein. Damit war das Schicksal der männlichen Bewohner besiegelt.

Opfer von General Mladić getäuscht

Doch die Opfer wurden zunächst über die wahren Absichten der serbischen Milizen getäuscht. Eine Filmaufzeichnung zeigt den bosnisch-serbischen Befehlshaber Mladic, wie er den muslimischen Gefangenen in Srebrenica beteuert, ihnen würde nichts geschehen. Mladic steigt von einem mit muslimischen Gefangenen besetzten Bus in den anderen, stellt sich vor, streichelt Kindern über den Kopf und sagt, man wolle die gefangenen Muslime in das von muslimischen Truppen kontrollierte Gebiet transportieren.

"Ich bin barmherzig zu euch", sagt der General, "diesmal schenke ich euch das Leben". Doch kurz danach werden Männer und heranwachsende Jungen von Frauen, Kindern und Greisen getrennt, abgeführt und erschossen. Die Ermordungen fanden am 11. und 12. Juli 1995 an verschiedenen Orten statt, die Menschenjagd dauerten noch tagelang, denn einige Tausend Bosniaken versuchten, in einer bewaffneten Marschkolonne in muslimisch besetzte Gebiete zu entkommen.

Ein Mann geht vor einem Wandgemälde des früheren Serben-Generals Ratko Mladic in einem Vorort von Belgrad entlang.
Ex-General Ratko Mladic wurde für das Srebrenica-Massaker zu lebenslanger Haft verurteilt. Manchen serbischen Nationalisten gilt er immer noch als Held. Bildrechte: dpa

Niederlande am Völkermord mitverantwortlich

Der Befehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen, die dafür verantwortlich waren, Ex-General Ratko Mladic, wurde im November 2017 u.a. wegen Völkermordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Mitschuld am Tod hunderter Muslime haben Richter im Juni 2017 zudem den Niederlanden zugesprochen. Angehörige der Opfer hatten den Staat verklagt. Niederländische UN-Soldaten ergaben sich im Juli 1995 kampflos beim Sturm serbischer Einheiten. Das Berufungsgericht in Den Haag befand, die niederländischen UN-Blauhelmsoldaten hätten die bosniakischen Männer und Jungen nicht vor dem Zugriff der Milizen geschützt. Die Niederlande sollen den Opferfamilien nun eine Teil-Entschädigung zahlen, so das Urteil.

Bewaffnete UN-Soldaten
Bewaffnete UN-Soldaten, auch Blauhelmsoldaten genannt. Bildrechte: dpa

Srebrenica am 13. Juli 1995

Konkret hatte die niederländische Einheit Dutchbat in ihrer Basis zunächst tausende Flüchtlinge aufgenommen. Nachdem es zu viele Flüchtlinge wurden, schlossen sie zunächst die Tore. Als die serbischen Milizen am Nachmittag des 13. Juli 1995 in das Lager im Osten Bosniens einrückten, leistete die schlecht ausgerüstete niederländische UN-Truppe jedoch keinen Widerstand. Die bosnischen Serben holten dann die Flüchtlinge aus dem Lager, trennten Männer und Jungen, verfrachteten sie in Busse und töteten sie später.

Serbisch-bosnische Liebe in Srebrenica. 4 min
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Blume von Srebrenica 1 min
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Serbische Nationalisten zweifeln Opferzahl an

Juristisch ist das Massaker von Srebrenica seit kurzem aufgearbeitet - moralisch aber noch nicht. Auch fast ein Vierteljahrhundert später gibt es Politiker, die die Ereignisse von Srebrenica herunterspielen oder sogar leugnen. Serbische Nationalisten zweifeln auch die Opferzahl an und sehen darin einen Versuch, die serbische Seite zu dämonisieren und von Verbrechen gegen Serben abzulenken.

Seit dem Ende des Bosnienkrieges wurden die Überreste von etwa 8.000 Opfern exhumiert. Knapp 7.000 konnten bislang namentlich identifiziert werden. Die neu identifizierten Leichen werden jedes Jahr am Jahrestag des Massakers auf dem Friedhof von Potočari bei Srebrenica beigesetzt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 04. April 2022 | 19:30 Uhr

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