Raumfahrtpionier aus Dessau Wegbereiter der Artemis-Mission: Johannes Winkler

Am 16. November soll die verschobene Mondmission Artemis-1 endlich starten. Damit beginnt die NASA den ambitionierten Plan umzuetzen, nach über 50 Jahren auf den Mond zurückzukehren. Dass das heute technisch machbar ist, verdanken wir Raumfahrt-Pionieren wie Johannes Winkler. Der Dessauer hatte als einer der wenigen schon früh entdeckt, das Flüge ins All nur mit Flüssigstoffraketen möglich sind – und folgerichtig die damals vorhandenen Treibstoffe systematisch getestet.

Die Rakete der Artemis-Mission der NASA wird vor den möglichen Auswirkungen des Hurrikans «Ian» geschützt und zurück in das Vehicle Assembly Building des Kennedy Space Center gerollt.
Die Rakete der Artemis-Mission auf dem Gelände des Kennedy Space Center. Die NASA will schon 2025 Menschen wieder auf den Mond bringen. Bildrechte: dpa

In seinem "ersten" Leben war Johannes Winkler kein Ingenieur, sondern Theologe. Dass der Himmel einen Theologen fasziniert, überrascht kaum. Doch Winkler interessiert sich nicht für ein göttliches Himmelreich, er will mit Raketen ins Weltall! Für diese Idee gibt er die sichere Karriere in der Kirche auf. Und er bleibt ihr zeit seines Lebens treu: "Ich glaube nicht, dass sich die Menschheit von der Verwirklichung der Weltraumfahrt wird abbringen lassen!", schreibt er 1933. Ein erstaunlich zuversichtliches Urteil – denn in den Jahren davor sind Winklers Raketenträume buchstäblich zerplatzt. Aber der Reihe nach.

Theologie und Technik

Raumfahrtpionier Johannes Winkler
Die Familie zwang ihn, Theologie zu studieren, doch seine Leidenschaft galt der Raumfahrt: Johannes Winkler bei den ersten Versuchen mit Flüssigbrennstoffen (um 1927 in Breslau). Bildrechte: Machtwortverlag

Bei seiner Geburt 1897 deutet nichts darauf hin, dass Johannes Winkler ein Raumfahrtpionier wird. Der Sohn eines Tischlermeisters fällt aber früh auf – durch Intellekt und die ungewöhnliche Breite seiner Interessen. Er musiziert, baut Fernrohre, fotografiert, liest das Lexikon der örtlichen Leihbücherei von A bis Z. 1915 zieht er wie fast alle Altersgenossen begeistert in den Ersten Weltkrieg, kommt schwer verletzt und zeitlebens hinkend zurück – was aber seine Begeisterung für alles Militärische nicht bremst.

Dem Wunsch seiner Familie gemäß studiert er Theologie, verbringt aber genauso viel Zeit in den Hörsälen der Mathematiker, Physiker und Astronomen. In seiner Abschlussarbeit über Christentum und die "wissenschaftliche Naturerkenntnis der Gegenwart" behandelt er ausführlich Einsteins Relativitätstheorie, Bohrs Atommodel und Darwins Evolutionstheorie – Gott ist für Winkler ein großer Experimentator.

Ich bin überzeugt, dass ohne einen guten Versuchsleiter die Hochleistungrakete auch in Tausend oder Millionen Jahren nicht einen Schritt vorwärts gekommen wäre.

Johannes Winkler in seinen Memoiren

Von der Zinkwährung zur Flüssigstoffrakete

Ungeahnte Kreativität zeigt Johannes Winkler gleich in seiner ersten Arbeit. Der angehende Pfarrer führt in der Inflation erfolgreich Rohzink als Ersatzwährung in seiner Gemeinde ein. Damit hat er sich als Währungsexperte etabliert und wird Finanzchef des Oberkirchenkollegiums in Breslau. Für einen unruhigen Geist wie ihn ist das ein langweiliger Posten. Kreativ wird Winkler nur bei der Buchführung: Er zweigt rund 10.000 Reichsmark aus den Kirchenkassen ab und finanziert damit die Zeitschrift "Die Rakete" des Vereins für Raumschiffahrt, dessen Vorsitzender er ist.

Inspiriert durch Wilhelm Gails Romane "Der Schuss ins All" und "Der Stein vom Mond", beginnt Winkler an der Technischen Hochschule Breslau den Rückstoß von Feuerwerksraketen zu messen. Das Resultat ist aber ernüchternd: Mit festen Brennstoffen wird der Mensch die Erde nicht verlassen können. Nur flüssige Treibstoffe liefern den nötigen Schub.

Es wurde sehr bald deutlich, dass die Antriebsfrage die Zentralfrage der Raumschiffahrt werden würde. Es war nichts weniger als eine neue Wärmekraftmaschine zu entwickeln, die ich im Gegensatz zum Kolbenmotor als Strahlmotor bezeichne.

Johannes Winkler "Männer der Rakete", 1933

Zwar hat Konstantin Ziolkowski schon 1896 vermutet, nur mit flüssigem Treibstoff sei eine Weltraumreise  möglich, und Robert H. Goddard hat 1925 eine solche Rakete erfolgreich getestet, doch davon weiß Johannes Winkler nichts. Die meisten Techniker setzen in den Zwanziger Jahren auf Feststofftriebwerke. Johannes Winkler testet als erster systematisch flüssige Treibstoffe wie Benzin, Methan oder Wasserstoff.

Raketenautos, Hüte, Flugzeuge und ein Fehlstart

Johannes Winkler, Rakete
Raketenkonstrukteur Johannes Winkler mit seiner "HW II" neben der Werkstatt in der Kochstedter Straße in Dessau. Bildrechte: Machtwortverlag

1929 zeigt Johannes Winkler den Griff in die Kirchenkasse selbst an. Die prompte Entlassung befreit ihn von langweiliger Arbeit, mitten in der Weltwirtschaftskrise aber auch von allen Einkünften. Doch der Theologe hat sich in der kleinen Schar der Raumfahrtenthusiasten einen Namen gemacht und so holt ihn Hugo Junkers nach Dessau.

Tagsüber entwickelt Winkler für Junkers Starthilfen für Wasserflugzeuge, nach Feierabend tüftelt er weiter am Raketenantrieb. Finanziert vom tschechischen Hutfabrikanten Hugo Hüttel, schraubt er seine Triebwerke in einem Hinterhof der Kochstedter Straße zusammen. Die Tests sorgen für Ärger, weil den "alten Frauen die Kaffeetassen aus der Hand" fallen, wie er in seinen Memoiren schreibt. Am 21. Februar 1931  hebt die "HW 1" ab. Der Buchstabe H steht für den Geldgeber Hüttel, das W für Winkler. Nach einigen Metern endet der Flug allerdings schon wieder. Weiter geht's drei Wochen später.

Mit dumpf dröhnendem Zischen stieg das Modell sehr sicher empor, schwenkte in einer Höhe von ca. 20 m in die Horizontale und schoss dann mäßig schräg abwärts und traf in etwa 200 m Entfernung wieder auf den Boden auf.

Johannes Winkler in einem Brief vom 14. März 1933

Erster Flug einer europäischen Flüssigstoffrakete

Rakete, Johannes Winkler
Johannes Winkler neben seiner Rakete "HW II" auf der Ostseeinsel Oie. Der Start wird von den dortigen behörden untersagt. Bildrechte: Machtwortverlag

Johannes Winkler gelingt damit der erste europäische Start einer Flüssigrakete. Seine nächste Rakete  soll 5.000 Meter hochsteigen. Das ruft die Behörden auf den Plan. Monatelang kämpft Winkler um ein Abschussgenehmigung. Weder in Dessau, noch auf dem "Raketenflugplatz" Berlin-Reinickendorf oder der Greifswalder Oie darf seine Rakete abheben.

Erst im Oktober 1932 erlaubt das Reichswehrministerium den Flug von der Kurischen Nehrung in Ostpreußen über die Ostsee. Doch dazu kommt es nicht. Noch auf der Startrampe explodiert die "HW 2". Aus Winklers Sicht sind aber auch diese misslungenen Startversuche ein wichtiger Forschungsbeitrag.

Missglückte Versuche kennt die Forschung nicht, jeder Versuch ist notwendig, die "mißglückten" Versuche sind für die Erkenntnis im allgemeinen die ergiebigsten... Man kann in der Forschung nur immer froh sein, wenn einem nichts erspart bleibt.

Johannes Winkler "Anhalter Anzeiger" vom 21. Oktober 1932

90 Jahre später wird sich die Geschichte wiederholen. Elon Musks "Starship" nutzt wie Winklers "HW 2" Methan als flüssigen Brennstoff. Bei Kontakt mit Sauerstoff entsteht das durch Bergwerksunglücke berüchtigte Grubenknallgas, dann genügt der kleinste Funke für eine Explosion.

Strahltriebwerke und Raketenträume

Menschen montieren technische Geräte am Strand
Treibstoffkanister werden bei den Startvorbereitungen befüllt. Winkler entdeckte als einer der ersten, dass Flüge ins All nur mit Flüssigstoffraketen möglich sind. Bildrechte: Machtwortverlag

Johannes Winklers Raketenversuche enden mit der "HW 2". Was bleibt, ist die Idee. Er schreibt über Strahltriebwerke, mit denen Menschen in Zukunft von Kontinent zu Kontinent oder in den Weltraum reisen könnten. Dort könne man auch einen kleineren Planeten einfangen und als Basis für einen Weltraumbahnhof nutzen. Der Strahlmotor werde der Menschheit "eine Wunderwelt auftun, die unserer Kultur ein besonderes Gepräge geben wird." Damit trägt Winkler zur Popularisierung der Raumfahrt bei, die damals vielen noch nur als kühner Traum erscheint.

Der Alltag ist für den Raumfahrt-Enthusiasten weit weniger glamourös als seine Visionen. Raketen und Strahltriebwerke haben für das Dritte Reich zunächst keine Priorität. Vergebens schreibt Winkler Denkschriften, er tritt auch in die NSDAP ein und ist für einige Jahre Fördermitglied der SS. Er forscht für Hugo Junkers und später für die Luftfahrtforschungsanstalt in Braunschweig über Antriebe mit flüssigem Lachgas, verflüssigtem Benzin oder Kohlenstoff. Das interessiert nach Kriegsende auch die Briten. Für sie muss er sein Wissen über Strahltriebwerke und Raketen aufschreiben.

Von der Atombombe zur Raumfahrt

Seinen Lebensunterhalt verdient Winkler durch Lichtbildervorträge über die Relativitätstheorie oder "Von der Atombombe zur Weltraumfahrt". Besonders letzterer kommt bei den Deutschen gut an, versteht es doch Winkler, dem von Deutschland ausgelösten Krieg einen höheren Sinn zu geben.

Es ist, als ob von der Weltraumfahrt gesehen, das scheinbar so sinnlose Geschehen der letzten Jahre im Schöpfungsplan einen tiefen Sinn erhält. Was sich hier in wenigen Jahren so nebenbei ergab, würde die Menschheit bei friedlicher Arbeit wohl nur in Jahrzehnten erreicht haben.

Johannes Winkler Vortrag "Von der Atombombe zur Weltraumfahrt"

Winkler reist mit seinem Lichtbildervortrag durch die Westzonen, bis er Weihnachten 1947 einen Schlaganfall erleidet und am 27. Dezember stirbt – zu früh, um die von ihm prognostizierte Weltraumfahrt noch zu erleben. Und wie es mit Vorreitern oft ist – den großen Ruhm als Väter der Raumfahrt heimsen andere ein: Wernher von Braun, Sergej Koroljow und heute Jeff Bezos, Richard Branson oder Elon Musk. An Johannes Winkler erinnert nur ein Mondkrater, seine Raketen im Deutschen Museum in München und ein Gedenkstein in Dessau.

Mond-Mission Artemis

Dabei kann Winkler als geistiger Vater und Wegbereiter der heutigen Mond-Mission Artemis angesehen werden – schließlich war er zeit seines Lebens fest davon überzeugt, dass solche Flüge eines Tages möglich sein werden, und tat alles, um die Raumfahrt zu popularisieren.

Mit dem Start von Artemis-1 macht die NASA einen ersten Schritt für die Rückkehr der Menschheit auf den Mond – nach mehr als 50 Jahren Pause, denn der letzte bemannte Mondflug fand am 7. Dezember 1972 statt (Apollo 17). Die Rakete bringt zunächst einmal die unbemannte Orion-Raumkapsel ins All, die den Mond mehrere Wochen lang umkreisen und dann zur Erde zurückkehren soll. So soll die Technik für die späteren bemannten Mond-Missionen ihre Feuertaufe bestehen. Bereits auf Artemis-2 sollen Menschen um den Mond kreisen, und 2025 könnte die Crew von Artemis-3 bereits auf dem Erdtrabanten landen.

Titelgrafik Artemis - Erster unbemannter Testflug zum Mond 2 min
Titelgrafik Artemis - Erster unbemannter Testflug zum Mond Bildrechte: MDR/M. Schuntermann
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Mit den Artemis-Missionen der US-Raumfahrtbehörde Nasa und ihren Partnern soll die Menschheit zurück zum Mond kehren. Artemis I wird der Auftakt dieser Mondmissionen sein. Doch wie wird die Mission ablaufen?

Fr 22.07.2022 10:33Uhr 02:02 min

https://www.mdr.de/wissen/faszination-technik/erklaervideo-schrittweiser-ablauf-der-mondmission-artemis-eins100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Brisant | 14. November 2022 | 17:15 Uhr