Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio

Geschichte

DDRNS-ZeitZeitgeschichteMitteldeutschlandWissen

Interview mit dem Karel-Gott-Biografen Filip AlbrechtDie zwei Leben des Karel Gott

08. Oktober 2019, 13:41 Uhr

Karel Gott, die "goldene Stimme aus Prag, ist tot. Er ist im Alter von 80 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. In Tschechien hat der Sänger den Status eines Nationalhelden. Und auch viele Deutsche lieben ihn. Mit seinem Song "Biene Maja" eroberte er die Herzen der Menschen. 2017 sprachen wir mit seinem Biografen und Produzenten Filip Albrecht. Karel Gott gilt in Tschechien als "Jahrhundertkünstler".

Gibt es einen Karel Gott, den die Deutschen kennen, und einen anderen, den nur die Tschechen kennen?

Filip Albrecht, Biograf und Produzent von Karel Gott, während des Interviews in Prag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt tatsächlich Unterschiede. Karel Gott selbst sagt immer, er habe beinahe zwei parallele Leben in den beiden Ländern gelebt. In Tschechien hat er das Image eines großen Entertainers wie Frank Sinatra. In Deutschland war und ist er dagegen eher ein Schlagersänger. Das zeigt sich auch an den Songs. Das Lied "Babitschka", das Ralph Siegel für Karel Gott geschrieben hat, kennt in Tschechien kein Mensch.

Wie wurde Karel Gott entdeckt? Und wie wurde er auch in den beiden deutschen Staaten ein Star?

Begonnen hatte alles 1957 in Prag. Karel Gott trat dort in Tanzcafés auf - vor 20, 50 Leuten. Er galt schon bald als Geheimtipp. 1966 war der Chef der Plattenfirma Polydor auf Dienstreise in Bratislava. Auf einem Festival hörte er Karel Gott singen und war sofort davon überzeugt, dass man mit diesem jungen Mann in Deutschland etwas machen könne. Karel Gott wurde zu ersten Plattenaufnahmen nach West-Berlin eingeladen. Und gleich die B-Seite ("Weißt Du wohin") seiner ersten Single wurde ein Riesenerfolg. In der DDR wurde Karel Gott zunächst als West-Star wahrgenommen. Ab Anfang der 1970er-Jahre lud man ihn auch dort regelmäßig in die großen Shows ein.

Wollte Karel Gott schon immer Musik machen?

Nein. Karel Gott, der zunächst eine Lehre als Starkstromelektriker absolvierte, wollte Malerei studieren. Doch auf der Prager Kunsthochschule lehnte man ihn ab. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf … Die Malerei ist aber bis heute - nach der Musik - seine größte Leidenschaft. Karel Gott malt viel und hat seine Bilder weltweit ausgestellt.

Was ist Karel Gotts Geheimnis?

Karel Gott ist trotz seines großen Erfolges immer noch sehr bescheiden, sehr höflich und entgegenkommend. Sein Geheimnis ist aber vor allem seine Stimme. Damals, als er seine Karriere begann, gab es in der Pop-Musik keine Tenöre. Er hatte, ohne es zu ahnen, eine Marktlücke besetzt.

Wie hat Karel Gott Deutsch gelernt?

Eher nebenbei und ohne zu ahnen, dass es ihm tatsächlich einmal so nützlich sein würde. Eine Tante aus Hessen schickte Karel Gott Anfang der 1950er-Jahre regelmäßig deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Mit deren Hilfe lernte er die Sprache.

Karel Gott war seit Ende der 1960er-Jahre viel im Ausland. Warum ist er immer wieder in die ČSSR zurückgekommen?

Ich denke, das liegt daran, dass er seine ganze Familie in Prag hatte. In den 1960er-Jahren lebte er gemeinsam mit seinen Eltern in einem Haus. Darüber hinaus hatte er sein treuestes Publikum in der ČSSR. Und dann war er ja die "goldene Stimme aus Prag". Und die müsse, meinte auch seine deutsche Plattenfirma, unbedingt in Prag wohnen.

Eines seiner Lieder durfte Karel Gott in der DDR angeblich nicht singen. Stimmt das?

Ja. "Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld …" Das war für die DDR-Oberen ein problematischer Text. Aber sie verboten das Lied nicht, sondern legten Karel Gott nahe, es im "Kessel Buntes" nicht zu präsentieren. Später sang er es mitunter doch auf Konzerten in der DDR.

Das Lied stammt von Karels Hauskomponist Karel Svoboda und hieß ursprünglich "Hey, hey Baby". Den deutschen Text ließ Karels deutsche Plattenfirma Polydor später schreiben. Erst dann wurde der Song zu einem Mega-Hit.

Ist der Song "Biene Maja" ein Fluch oder Segen für Karel Gott?

Ein Segen. Karel meint, es sei toll, wenn er Millionen von Menschen über Generationen hinweg mit dem Lied so viel Freude bereiten konnte und kann. Dabei wollte er den Titel damals erst gar nicht singen. Der Komponist Karel Svoboda überredete ihn dazu. Einmal traf Karel übrigens auf der Straße auf Motorrad-Rocker. Und was taten die, als sie ihn erkannten: Sie sangen "Biene Maja" …

Was hat sich nach den gesellschaftlichen Umbrüchen 1989/90 für Karel Gott verändert?

Nichts. Er machte weiter wie bisher. 1989, als er 50 Jahre alt wurde, dachte er einen Augenblick darüber nach, seine Karriere als Entertainer und Sänger zu beenden. Seine Tourneen 1990 sollten ein Abschied sein. Doch dann kamen Zehntausende Briefe von seinen Fans. Und was sollte er auch machen? Er hatte ja kein "Leben danach" vorbereitet.

Unser InterviewpartnerFilip Albrecht ist u.a. Texter und Medienmanager. Er kennt Karel Gott seit vielen Jahren und ist sein Biograf und Produzent.

(zuerst veröffentlicht am 09.10.2017)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Karel Gott - Ein Leben für die Musik | 13. Juli 2019 | 15:55 Uhr