Was wurde aus der Volkspolizei?

08. Dezember 2021, 15:27 Uhr

Im Herbst 1989 hatten Volkspolizisten noch den Befehl, gegen friedliche Demonstranten vorzugehen. Ein Jahr später schworen viele von ihnen einen Eid auf das deutsche Grundgesetz. Eine unglaubliche Geschichte.

"Die Polizisten brauchten Sicherheit", so beschreibt Heinz Eggert, von 1991 bis 1995 sächsischer Innenminister, die Situation der Polizei in den Jahren nach der friedlichen Revolution. Die Kriminalitätsstatistiken meldeten dramatisch steigende Verbrechenszahlen bei gleichzeitig sinkenden Aufklärungsraten. Die Polizei war überfordert, ihre Ausstattung noch auf dem Niveau der DDR-Volkspolizei. Mit altersschwachen Trabbis jagten die ehemaligen Volkspolizisten nun Bankräubern hinterher, die längst über PS-starke Westautos verfügten. Als Handlanger des alten Regimes wurden sie beschimpft, bedroht und ausgelacht. 

Aufklärungsquote
Im Sinkflug: 1990 wurden deutlich weniger Straftaten aufgeklärt als noch ein Jahr zuvor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Gesetze pauken nach Feierabend

In "Heimarbeit" hatten die Polizisten zum Stichtag 3. Oktober 1990 die Hoheitszeichen der DDR von ihren Mützen und den Schriftzug "Volkspolizei" von ihren Jacken entfernen müssen. Jetzt herrschte ein heilloses Durcheinander. Nach Feierabend paukten sie die neuen Gesetze, die von nun an Grundlage ihrer polizeilichen Arbeit waren: "Was darf ich als Polizist, was darf ich nicht?". Sie mussten eigene Überzeugungen ablegen, aber auch gegen Vorurteile kämpfen. 

Überprüfung auf eine Stasivergangenheit

Über allen schwebte zudem das Damoklesschwert der Entlassung, denn die ehemaligen Volkspolizisten wurden auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit überprüft. Bevor sie auf das Grundgesetz vereidigt wurden wollte man wissen, ob sie sich schuldig gemacht hatten in den Jahren vor 1990. Hatten sie Freunde, Kollegen, Nachbarn bespitzelt, Gefangene misshandelt, sich in der Vergangenheit so verhalten, dass eine Übernahme in den Staatsdienst eines demokratischen Landes ausgeschlossen war? 

Der Zeitdruck war gewaltig, die Bevölkerung extrem verunsichert. Brennpunkte der Kriminalität in Berlin, Leipzig, Magdeburg und Rostock-Lichtenhagen machten deutlich, wie rechtsfreie Räume genutzt wurden. 

Eine Geschichte, die kaum jemand kennt

Obwohl die Volkspolizei eine der entscheidenden Stützen des DDR-Regimes war, ist ihr Weg in das vereinte Deutschland von der Öffentlichkeit bisher erstaunlich wenig beachtet worden. 

Für die Dokumentation "Was wurde aus der Volkspolizei?" haben die Autoren Jan N. Lorenzen und Marianne Harr ehemalige Volkspolizisten zu ihren Erfahrungen, Sorgen und Ängsten in den Jahren nach 1990 befragt. Parallel dazu kommen Bürgerrechtler, Politiker, Historiker und Journalisten zu Wort, die diesen Prozess kritisch begleitet haben. Entstanden ist ein Film, der das Bild einer zutiefst verunsicherten und dennoch für die Sicherheit zuständigen Organisation nachzeichnet und vom widersprüchlichen Anpassungsprozess an die neue Zeit erzählt.

(jnl)


Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Doku "Was wurde aus der Volkspolizei?": TV | 27.11.2018 | 22:05 Uhr

Eid der Volkspolizisten

"Ich schwöre, meinem sozialistischen Vaterland, der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Regierung allzeit treu ergeben zu sein, Dienst- und Staatsgeheimnisse zu wahren und die Gesetze und Weisungen genau einzuhalten. | Ich werde unentwegt danach streben, gewissenhaft, ehrlich, mutig, diszipliniert und wachsam meine Dienstpflichten zu erfüllen. | Ich schwöre, dass ich, ohne meine Kräfte zu schonen, auch unter Einsatz meines Lebens, die sozialistische Gesellschafts-, Staats- und Rechtsordnung, das sozialistische Eigentum, die Persönlichkeit, die Rechte und das persönliche Eigentum der Bürger vor verbrecherischen Anschlägen schützen werde. | Sollte ich dennoch diesen meinen feierlichen Eid brechen, so möge mich die Strafe der Gesetze unserer Republik treffen."

"Ich schwöre, meinem sozialistischen Vaterland, der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer Regierung allzeit treu ergeben zu sein, Dienst- und Staatsgeheimnisse zu wahren und die Gesetze und Weisungen genau einzuhalten. | Ich werde unentwegt danach streben, gewissenhaft, ehrlich, mutig, diszipliniert und wachsam meine Dienstpflichten zu erfüllen. | Ich schwöre, dass ich, ohne meine Kräfte zu schonen, auch unter Einsatz meines Lebens, die sozialistische Gesellschafts-, Staats- und Rechtsordnung, das sozialistische Eigentum, die Persönlichkeit, die Rechte und das persönliche Eigentum der Bürger vor verbrecherischen Anschlägen schützen werde. | Sollte ich dennoch diesen meinen feierlichen Eid brechen, so möge mich die Strafe der Gesetze unserer Republik treffen."