2. Oktober 1967 Das Ende der Straßenbahn in Westberlin

Am 2. Oktober 1967 fährt in Westberlin die Straßenbahn zum letzten Mal. Die Tram sei unmodern und zu teuer. Eine verfehlte Stadt- und Verkehrsplanung aus heutiger Sicht.

Ein gelber Wagen, geschmückt mit grünen Zweigen, Beschriftung "Linie 55 - Sonderfahrt". So macht sich die Straßenbahn am 2. Oktober 1967 in Westberlin auf den Weg zu ihrer letzten Fahrt, samt Blaskapelle an Bord. Die Strecke ist gesäumt von applaudierenden Menschen. Kaum einer hier findet es schade, dass sich der Senat zehn Jahre zuvor gegen den Ausbau der Straßenbahn entschieden hat. Schließlich will man mit Paris und London Schritt halten. Und die – so ist der Trend – verlegen ihre Straßenbahnen unter die Erde, machen eine U-Bahn daraus. Oder sie setzen gleich auf Busse.

"Eine traurige Angelegenheit"

"Für mich unfassbar, ein Trauerspiel, dass eine Großstadt wie Berlin auf die Straßenbahn verzichtet, ganz und gar", erinnert sich der Straßenbahnfan Bruno Kutz in einem Beitrag des rbb. An diesem Tag im Oktober wollte er wenigstens noch einmal mitfahren. Auch wenn an der Strecke eher Volksfestcharakter herrschte. "Als ich den Fahrschein gekauft habe, das war eine traurige Angelegenheit für mich." Der Senat findet die Straßenbahn zu teuer und unpraktisch. Vor allem der neue Prototyp TED 52 löst bei den Politikern Skepsis aus. Unter anderem, weil er zu lang ist. Die Schaffner würden es gar nicht schaffen, die Fahrscheine aller Passagiere zu kontrollieren. Und so entscheidet man sich gegen die Straßenbahn und schafft lieber 120 Doppeldecker-Busse an.

Personennahverkehr soll flexibler werden

In den folgenden Jahren müssen 400 Kilometer Schienen beseitigt werden, was die Bundesrepublik geschätzt 40 Millionen Mark kostet. Sie weichen breiten Alleen mit viel Platz für Autos und Busse. Die Stadtplaner finden, die Straßenbahn gehöre ins Museum, die Oberleitungen verschandelten das Stadtbild. Zudem soll der öffentliche Personennahverkehr flexibler und schneller werden, Umleitungen im Stadtverkehr sollen leichter zu planen sein. Was die Politik damals nicht bedenkt: Bald würde jeder ein Auto haben, die die Innenstädte verstopfen, und die Preise für Kraftstoff würden explodieren. Die Strategie im Ostteil der Stadt, sein Tram-Netz weiter auszubauen, stellt sich rückblickend als die klügere heraus.

Und so wachsen die folgenden Generationen in Westberlin ohne Straßenbahn auf. In einem Fernsehbeitrag wenige Jahre später heißt es daher: "Sieh mal, eine Straßenbahn, sagen die Mütter zu ihren Kindern. Und die Kinder fragen: Straßenbahn? Was ist denn das?"

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands: 925 mm Spurweite und wie weiter? | 04.03.2014 | 21:15 Uhr

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