Glaubwürdig | 29.06.2019 Aviv Koriat und sein göttlicher Kuchen

Alles, was er tut, ist eine Hommage ans Leben – ans Suchen und Finden, ans Fehlermachen und draus lernen. Angefangen hat er als Produktdesigner in Israel, heute hat Aviv Koriat ein Konditorei-Café in Weimar direkt gegenüber der Herz-Jesu-Kirche. Gelernt hat er das Backen von seiner Mutter in seiner Kindheit im Kibbuz. Aviv Koriat ist Jude. Die Gretchenfrage stellt sich für ihn auch in Goethes Weimar nicht.

Orientalische Kuchen, Himbeer-, Orangen- und Schokoladentartes – es läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn man in der kleinen Weimarer Kuchenmanufaktur steht. Backbücher in englischer und hebräischer Sprache stapeln sich in einem Regal. Betrieben wird der kleine Laden von Aviv Koriat direkt gegenüber der Herz-Jesu-Kirche. Vor sieben Jahren entdeckte er die leer stehenden Geschäftsräume und verwandelte sie in ein Konditorei-Café.

Aviv Koriat im Glaubwürdig-Porträt
Rezepte aus der Kindheit Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Viele Kindheitserinnerungen stecken in seinen Kuchen. Er bäckt sie nach traditionellen Rezepten. 1961 in Israel geboren, wuchs Aviv Koriat in einem Kibbuz auf. Viel Zeit blieb da nicht fürs Familienleben. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er im Kindergarten, später in der Schule. Wenn er sich am Nachmittag für zwei Stunden mit seinen Eltern traf, gab es Kaffee und Kuchen. Das Backen lernte er von seiner Mutter und den anderen Frauen in der Siedlung: "Ich war ungeduldig, aber die Leidenschaft war da", erinnert er sich und meint:

Kuchen und Kaffee – für mich ist das Familie!

Nicht arbeiten, spielen!

Aviv Koriat im Glaubwürdig-Porträt
Beim Einkauf auf dem Markt Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Später studierte er Kunst in Jerusalem und New York. Danach gründete er als Produktdesigner sein eigenes, gut gehendes Unternehmen. Nach zwölf Jahren hatte er davon genug, ging mit seiner deutschen Frau nach Berlin. Er sagt, er sei nicht mehr mit dem Herz bei der Sache gewesen, habe das Gefühl dafür verloren. Er suchte "nach etwas, das näher an meinem Ursprung ist, wie Kind, damit ich spielen kann jeden Tag. Nicht arbeiten, spielen!"

Aviv Koriat im Glaubwürdig-Porträt
Beim Zeichnen im Park Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Koriat kreierte Rezepte, probierte aus, was er einst im Kibbuz gelernt hatte und gründete eine Mini-Konditorei in Berlin‐Neukölln. Weil seine Partnerin als Professorin an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität lehrt, lag eine Filiale in Weimar nahe. Dort verbringt er nun viel Zeit in der kleinen Backstube. Die schönsten Rezepte sammelt er, reichert sie mit kleinen Geschichten an und illustriert sie selbst. Muße findet er auch im nahen Goethe-Park. Inzwischen ist sein Laden längst kein Geheimtipp mehr, Koriats Kuchen sind immer Ruck-Zuck ausverkauft, für ihn sind sie auch ein Stück weit Erinnerung an seine Herkunft und Kultur.

Aviv Koriat ist Jude. Die Gretchenfrage aber stellt sich für ihn auch in Goethes Weimar nicht. Er will wissen, was für ein Mensch jemand ist, nicht wo er betet.

Wir sind alle eins. Es ist egal, ob Muslim oder Jude oder Buddhist. Wir genießen die Kultur, die kommt von der Religion. Jede Kultur hat einen Schatz, das finde ich fantastisch.

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Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 11:42 Uhr